E in Astronaut ist im Anflug auf Bamberg. Was ist aus der beschaulichen Welterbe-Idylle geworden? An der Regnitz stehen Wolkenkratzer. Dafür ist vieles andere nicht mehr da, wo es sein sollte - nicht einmal der Bamberger Reiter. Was ist passiert? Michael Karg stellt und beantwortet diese Fragen in zwölf futuristischen Bildern. Der Grafikdesigner aus Fürth hat einen Kalender geschaffen, der den Betrachter mitsamt Raumschiff ins Jahr 2091 beamt.

Kampfszenen auf der Bamberger Luitpoldbrücke, Außerirdische in der Fränkischen Schweiz, fluoreszierende Pflanzen am Ufer der Wiesent: Hast du Star-Trek nach Franken geholt?Michael Karg: Es könnte eine neue, fränkische Episode aus der Serie sein. Manche Szene ist aber auch an andere Filme angelehnt, durch Computerspiele inspiriert, mir beim Lesen entsprechender Literatur in den Sinn gekommen oder komplett meiner seltsamen Fantasie entsprungen (lacht).

Du erschaffst also gern neue Welten?Schon als Jugendlicher in den Neunzigern habe ich mit einem Freund Spiele programmiert. Bei meinem heutigen Beruf als Grafikdesigner geht es in der Regel ja seriöser zu, trotz allem steht auch hier im Mittelpunkt, dem Betrachter über visuelle Gestaltungselemente eine Form von Erlebnis zu bieten. Ansonsten gibt mir mein privates Umfeld genug Möglichkeiten, mich hier entsprechend auszuprobieren.

Als Ausgangspunkt jedes Kalenderbildes hat jeweils eine Fotografie gedient, oder?Ja, genau. Die Ausgangsfotografien habe ich intensiv mit Photoshop bearbeitet. Am Ende sind alle Szenen eine Mischung aus Fotografie, selbst gezeichneten Elementen und - teils verfremdeten - Bildelementen aus zusätzlichem Bildmaterial. Im Schnitt stecken in einem Motiv so um die 20 Stunden Arbeit. Schatten, Licht und Perspektive müssen in der Komposition berücksichtigt werden, so dass am Ende wieder ein stimmiges Gesamtbild entsteht.

Überwucherte Fassaden am Bamberger Maxplatz, dunkle Farben, ein mysteriöses Objekt mitten in der Fränkischen Schweiz: Viele deiner Motive wirken düster und bedrohlich. Mit Absicht? Ja, aber es soll keine bedrohliche Wirkung im negativen Sinn sein. Ich denke, Künftiges muss einem nicht per se Angst machen. Dinge verändern sich einfach. Landschaften verändern sich. Veränderung muss nicht zwangsläufig schlecht sein, sondern kann auch notwendig sein. Sie ist sozusagen Gefahr und Chance gleichzeitig. Kulturelle Güter benötigen ihren Schutzstatus, während ein Straßenzug weichen muss und Raum für Neues bietet. Was heute architektonisch beklagt wird, wird morgen bejubelt und umgekehrt. Wichtig ist, die Konservierung nicht soweit zu treiben, dass eines Tages nur eine unbelebte, leere Hülle übrig bleibt. Meine Motive erheben keinerlei wissenschaftlichen Anspruch. Man soll nur einen Eindruck bekommen, wie sich die Leute wohl vor 200 oder 300 Jahren gefühlt hätten, wenn man ihnen einen Kalender aus dem Jahr 2018 in der Hand gedrückt hätte.

Nach welchen Kriterien hast du die einzelnen Motive ausgewählt?Meist sind es bekannte Gebäude, mit denen die Menschen sich identifizieren und die von der Kindheit bis heute ein optischer Anker sind. Umso ungewohnter ist es, wenn ich diese Beständigkeit aufhebe. Ansonsten hat es mich einfach gereizt, mal Schloss Seehof zu zerlegen oder den Bamberger Reiter aus dem Dom zu stehlen. Und die Motive mussten hintereinander betrachtet für eine Geschichte taugen.

Das heißt, die zwölf Kalenderbilder haben einen Zusammenhang?Genau. Ein Astronaut fliegt im Jahr 2091 auf Bamberg zu, das er ziemlich verändert vorfindet. Bei einem Ausflug in die Fränkische Schweiz wecken seltsam leuchtende Pflanzen an der Wiesent sein Interesse ebenso wie eine geheimnisvolle Forschungsstation. Dann entfacht ein Sandsturm, bedingt durch den Klimawandel, Chaos - und unser Reisender gerät in Verdacht, etwas mit dem Kunstraub auf Schloss Seehof zu tun zu haben.

Siegt am Ende das Gute?Ich will nicht zu viel verraten. Aber beim Heimflug über Coburg landet das Raumschiff nochmals am Alten Bamberger Rathaus.

Und die Geschichte geht wieder von vorne los? Es ist schließlich ein immer-währender Kalender!

Was willst Du mit diesem Werk bei den Menschen bewirken?Ohne Veränderung findet weder Zukunft noch Vergangenheit statt. Wenn man sich das immer mal wieder vergegenwärtigt, kann so manche Debatte etwas entspannter geführt werden und niemand muss sich als naiver Zukunftsbejubler oder verklärter Nostalgiker betiteln lassen. Ansonsten steht natürlich die Freude an den Details und den Motiven an sich im Vordergrund. Ich hab' Bamberg so zu mindestens noch nicht vorher gesehen (lacht).

Das Interview mit Michael Karg führte Diana Fuchs.

Projekt: Bamberg 2091

Zur Person: Der gelernte Grafiker Michael Karg, Jahrgang 1980, ist Art Director der Mediengruppe Oberfranken und gestaltet bei deren Agentur Medienkraft-Verstärker Magazine, Webauftritte und Illustrationen. Dauerkalender: Der DIN-A3-große, querformatige Kalender ohne Jahres- und Wochentag-Angabe hat eine limitierte Erstauflage von 1000 Stück. Er ist in den Geschäftsstellen der Mediengruppe Oberfranken und im Buchhandel in Bamberg für 24,90 Euro erhältlich. Online gibt es ihn unter www.bamberg2091.de.