Ein Mann kommt am Bahnhof an. Schwarze Haare, unauffällige Erscheinung, die Zigarette zum Rauchen bereit. Die Augen gleiten über den Bahnsteig. Die Kamera fährt ganz nah hin. Der Blick bleibt stehen, der Zuschauer weiß nicht warum. Gegenschuss der Kamera. Professor Jörn Glase napp kommt, streckt dem Fremden die Hand entgegen. Die Züge des Fremden lockern sich. Angekommen in Bamberg. Schnitt.

Der Fremde, das ist Christian Petzold. Einer der erfolgreichsten deutschen Regisseure. Sein letzter Film "Barbara" wurde 2012 mit dem Silbernen Bären auf der Berlinale ausgezeichnet. Er ist hier in Bamberg, um innerhalb der öffentlichen Reihe "Film in der Universität" des Lehrstuhls für Literatur und Medien sowie der Professur für Neuere Deutsche Literatur an der Universität Bamberg zu sprechen.

Dafür hat er sich von Berlin aufgemacht, wo er wohnt. Er hat seinen Rollkoffer gepackt und dann bemerkt, als er mit Jörn Glasenapp Richtung Bamberger Innenstadt läuft, dass das eine recht blöde Idee war. "Rollkoffer" erinnere ihn immer an Kreuzberg, wo die ganzen Touristen übers Pflaster poltern und ihn nerven und im Zweifelsfall beim Filmegucken stören. Petzold ist jetzt so was wie ein Tourist in Bamberg.

Das Ganze mit den Rollkoffern ist Petzold auch noch im Gedächtnis, als er in der Universität an der Austraße am Mittwochabend vor fast 200 Zuhörern zu sprechen beginnt. Die "Koffer-Szene" markiert sozusagen den Beginn des Films "Petzold in Bamberg".

Der Beginn entscheidet

Petzold liebt Filme, das wird in seinem Vortrag schnell klar. Vor allem liebt er aber Expositionen - den Beginn eines Films. "Eine Ecke kann im Fußball immer noch kommen, aber im Film ist das anders", sagt der 53-Jährige. Eigentlich sagt er "eine scheiß Ecke". Unweigerlich kommen die Bilder des Fußball-Finales des FC Bayern gegen den FC Chelsea in der Champions League 2012 hoch. Eine Ecke hat am Ende das Spiel gedreht. Beim Film aber ist das anders.

Der Beginn des Films entscheidet über die Geschichte. Denn: Alles ist in den ersten Minuten angelegt. Das Spannungsverhältnis zwischen zwei Figuren, das Selbstbewusstsein eines Mannes, das beim Anblick einer Frau wie ein Kartenhaus in sich zusammenfällt oder die noch unbekannte Bedrohung im Hintergrund. Beispiele in der Filmgeschichte gibt es dafür genug: Die amerikanischen Spielfilme "The Place Beyond the Pines" von 2012 etwa oder "Laura" von 1944. Petzold schaut sich das alles mit Begeisterung an und analysiert. "Druck ist in großen Filmen schon in der Exposition", macht er klar. Es gehe da um die Setzung.

Wie auch in seinem Film "Barbara", dessen Anfang Petzold in Bamberg beim Vortrag zeigt. Eine Frau entsteigt einem Bus, ein Mann beobachtete sie vom Fenster aus. Es fällt das Wort "Inhaftierung". Und schnell ist klar: Hier baut sich eine Spannung auf, die zu spüren ist. Der Film spielt in der DDR, eine Ärztin (Schauspielerin Nina Hoss) kommt aus Berlin an ein Krankenhaus in ein Kaff in Brandenburg. Sie wollte eigentlich weg...

"Angst vor der Überwachung"

Christian Petzold liebt es, mit der "Angst vor der Überwachung" zu spielen. Das interessiert ihn. Das zieht sich wie ein roter Faden durch sein Werk. Wie auch die Provinz, die ihm immer wieder als Ort für existenzielle Geschichten dient. Was Petzold wohl zur Exposition des Films "Petzold in Bamberg - der Mann mit dem Rollkoffer" sagen würde?

Wahrscheinlich würde ihm die Ambivalenz der Figuren fehlen. Jörn Glasenapp findet den Mann ja gut, den er da am Bamberger Bahnhof abholt. Petzold ist nach Christoph Hochhäusler der zweite Regisseur, der bei der Veranstaltung "Film in der Universität" gesprochen hat. Bald könnte Dominik Graf kommen, der zuletzt einen Tatort verfilmt hat. Glasenapp fände es toll.

Bleibt das Ende des Films "Petzold in Bamberg": Man sieht einen Mann über das Pflaster in Kreuzberg gehen. Er hat einen Rollkoffer dabei...


Für seine Filme arbeitet Christian Petzold eng mit Stefan Will zusammen. Der Komponist liefert Petzold die passende Musik zu den Bildern. Das gestaltet sich jedoch nicht immer einfach. Mehr dazu gibt es in "Ronalds Filmmusikwelt".