Die Gesetze des Fußballs sind so einfach: Das Spiel hat zwei Halbzeiten, und Foul ist, wenn der Schiedsrichter pfeift. Deshalb hat ein Zivilprozess, der seit zwei Jahren vor dem Landgericht und inzwischen vor Oberlandesgericht (OLG) in Bamberg schwelt, wegweisenden Charakter: Wie lange dauert so ein Fußballspiel, wenn Anwälte mitspielen?

Zwischen Justiz und Fußball

Der Vorsitzende Richter Erhard Götz, in jungen Jahren selbst Fußballer, lavierte im ersten Beweisaufnahmetermin einer Berufungsverhandlung vor dem OLG überaus geschickt und mit Engelsgeduld zwischen den Paragrafen des Gesetzes und den ungeschriebenen Gesetzen des Fußballs. Zu verhandeln ist über die Schmerzensgeldklage eines Fußballers aus dem Steigerwald, der vor über zwei Jahren bei einem Jugendhallenturnier in Eltmann (Landkreis Haßberge) durch einen gegnerischen Spieler gefoult und schwer verletzt wurde. Der damals 18-Jährige fordert 10.000 Euro Schmerzensgeld. Nach Ansicht seines Anwalts handelte es sich um ein grobes Foul, eine Tätlichkeit; ungeachtet der Tatsache, dass der Schiedsrichter den Vorfall entweder gar nicht wahrgenommen oder als normale Spielhandlung eingeschätzt hatte. Er pfiff nicht, und damit gab es nach den Gesetzen des Fußballs auch kein Foul.

Nach den Gesetzes des Strafrechts auch nicht: Der Spieler hatte im Zweikampf einen Wadenbeinbruch erlitten und Strafantrag wegen Körperverletzung gestellt. Dieses Verfahren wurde eingestellt und konsequenterweise auch die Schmerzensgeldklage in der ersten Instanz vor dem Zivilsenat des Landgerichts in Bamberg abgewiesen.

Jetzt beginnt das Berufungsverfahren vor dem OLG, und das bedeutet für Richter Götz, "so gründlich wie nur möglich nach der Wahrheit zu suchen", sprich die Sekunde des Fouls oder Nicht-Fouls mit Hilfe von Zeugen zu rekonstruieren. Wie lange kann so etwas dauern? "Da wage ich keine Prognose", sagt der erfahrene Jurist unserer Redaktion. Er erinnert sich an einen Fall aus seiner Praxis, bei dem es um einen ärztlichen Kunstfehler bei einer Geburt ging. Als die Entscheidung in letzter Instanz fiel, "war das betreffende Kind schon längst erwachsen."

Stunden vergingen ohne Erkenntnis

Dass die Dynamik eines Zivilprozesses ein etwas anderes Tempo hat als das Fußballspiel, mussten die fünf Zeugen erfahren, die sich bei einem ersten Anhörungstermin in der Berufungsverhandlung den Fragen des Vorsitzenden Richters und der beiden Anwälte stellen mussten. Um die Aussagen beweisfest zu machen, ließ Götz jeden Satz sofort wortwörtlich protokollieren. So vergingen Stunden ohne allzu großen Erkenntnisgewinn, denn die entscheidenden Aussagen haben sich in den letzten zwei Jahren, abgesehen von der langsam verblassenden Erinnerung, nicht wesentlich geändert.

Die entscheidende Instanz, der 67 Jahre alte Schiedsrichter des Spiels damals in Eltmann, der seit 33 Jahren pfeift, kann sich an keine außergewöhnliche Aktion, viel weniger noch an ein grobes Foul erinnern. Die Verletzung des Spielers wurde auch nicht im Spielbericht vermerkt. "Wenn da etwas gewesen wäre, wüsste ich es", sagte der Unparteiische. Parteiischer waren die anderen Zeugen, vornehmlich Spieler der Mannschaft des Verletzten. Sie berichteten übereinstimmend, dass der Fußballer ihres Teams mit dem Ball auf das gegnerische Tor stürmte und von seinem Kontrahenten zu Fall gebracht wurde, indem er ihm von hinten in die Beine grätschte - ohne eine Chance, den Ball zu erreichen.

Nachhilfe in Fußballwissen

Dabei traf er das Bein seines Gegners offenbar so unglücklich, dass der Knochen brach. Inwieweit diese Verletzung und das Spielgeschehen plausibel zusammenpassen, muss ein medizinisches Gutachten klären, das beim ersten Verhandlungstermin aber noch nicht vorlag. "Leider" bedauerte der Vorsitzende Richter, der sich ein ums andere Mal genötigt sah, den Anwälten ein wenig Nachhilfe in den Gesetzen zu geben, die auf dem Fußballplatz herrschen. "Führte der Spieler den Ball am Fuß?", wollte ein Anwalt von einem der Zeugen wissen. "Ja wo denn sonst", warf der Richter ein. Auch die Begrifflichkeiten der Fußballsprache mussten ins Juristendeutsch übersetzt werden: So kann ein Foul darin bestehen, dass der Gegner geschnelzt, gegrätscht oder umgehauen wird. Das klingt für Anwälte erst einmal alles nach Aua, der Fußballer aber kennt die feinen Abstufungen. Ein Anwalt sah die Grenzen seiner Urteilsfähigkeit ein: "Wir sollten das nächste Mal vielleicht einen Ball mitbringen ..."

Nach drei Stunden wurde die XXL-Verlängerung erst einmal abgepfiffen. Mit dem medizinischen Gutachten und möglicherweise weiteren Zeugen geht es dann in die x-te Halbzeit. Die aber die für Richter Götz alles entscheidende Frage auch nicht beantwoirten wird: Warum haben sich die Kicker in bestem sportlichen Fairplay nicht außerhalb des Gerichts geeinigt? Fußball kann so einfach sein...