An der Universität Kondensatoren bauen, über Wirtschaftskrisen in studentischen Übungen diskutieren oder Gemälde in der Kunstgeschichte-Vorlesung einordnen - und das alles im Alter von 17 Jahren. Zunächst meint man, das machen nur Schüler, die eine Klasse übersprungen und durch das achtjährige Gymnasium schon vor Beginn ihrer Volljährigkeit angefangen haben zu studieren.

Doch bei Ramona Felber aus Wiesengiech ist es etwas anders: Die 17-Jährige besucht die elfte Klasse des Maria-Ward-Gymnasiums in Bamberg und ist eine von 22 Teilnehmern des Projekts "Unitag" an der Friedrich-Alexander Universität (FAU) Erlangen-Nürnberg.

"Unitag" fördert hochbegabte Schülerinnen und Schüler, indem sie immer freitags für ein halbes Jahr in verschiedene Studiengänge hineinschnuppern dürfen. Die Schüler erhalten Fachvorträge, dürfen diskutieren und Fragen stellen. Der "Unitag" vermittelt Themen, Fakten und Erfahrungen und hilft dadurch bei der Studienwahl weiter. An elf Thementagen erfahren die Gymnasiasten unter anderem etwas über Technik, Naturwissenschaften, Mathematik, Medizin, Rechtswissenschaften, Wirtschaft bis hin zu Sprache und Kultur. Das Projekt wurde 2011 zum Sommersemester vom bayerischen Kultusministerium für Oberbayern und Unterfranken ins Leben gerufen und später auf alle bayerischen Regierungsbezirke ausgeweitet.

Ramona Felber ist keine typische Streberin, das Mädchen ist aufgeweckt, interessiert sich nicht nur für ihre guten Noten und weiß genau, was sie will. In der zehnten Klasse schlug ihr die Schulleitung des Eichendorff-Gymnasiums die Teilnahme an dem Projekt "Unitag" vor, sie stimmte sofort zu: "Das hat mich richtig interessiert, außerdem denke ich, dass sich die Teilnahme bei potenziellen Arbeitgebern richtig gut macht."

Ramona wechselte zur elften Klasse ans Maria Ward-Gymnasium, weil sie dort im Gegensatz zum Eichendorff-Gymnasium in Physik Abitur machen kann. Schulleiterin Ingrid Käfferlein musste also erst zustimmen, bevor Ramona ihre Teilnahme endgültig bestätigen konnte: "Sie hat sofort Ja gesagt und es gab keinerlei Probleme", betont Ramona. Freitags fehlt sie für ein halbes Jahr, dadurch verpasst sie den Deutsch- und Englisch-Unterricht, was auch für die beiden Fachlehrer kein Problem war, erklärte Ramona: "Sie unterstützen mich und wissen, dass ich meinen Lernstoff nachhole, um für Abfragen oder schriftliche Leistungsnachweise vorbereitet zu sein."

Hochbegabte mehr fördern

Direktorin Ingrid Käfferlein liegt viel daran, dass nicht nur schwächere Schüler gefördert werden, sondern auch leistungsstärkere Schüler die Möglichkeit bekommen, sich weiterzubilden und ihr Wissen zu vertiefen: "Schulintern bieten wir beispielsweise Literaturkurse an, aber außerhalb der Schule gibt es natürlich ein breiteres Angebot."

Für die Direktorin ist das Projekt an der FAU besonders wichtig: "Die Übergänge zwischen dem Kindergarten, der Grundschule, weiterführenden Schulen wie dem Gymnasium und der Universität sind oft schwer und ungewohnt. Da hilft der Unitag, weil er Gymnasiasten einen Einblick in das Uni-leben bietet und den Umstieg vom Gymnasium zur Universität erleichtert." Ihr sei eine "Verzahnung von Schule und Universität" auch deshalb wichtig, weil sich die Schüler in verschiedenen Fachrichtungen an der Universität ausprobieren können: "Es kann ja auch sein, dass sich der Schüler absolut sicher ist, was er studiert und durch die Unitage erkennt, dass das gar nichts für ihn ist und er dann zu einem ganz anderen Fach überschwenkt."

Ingrid Käfferlein weist auch darauf hin, dass die Schüler durch Seminare an der Universität ihr Wissen im Unterricht dann einbringen können. Für die Zukunft am Maria-Ward-Gymnasium hat sie ein besonderes Anliegen: "So ein Unitag ist schon die Spitze von dem, was man anbieten kann. Es zeigt uns, dass wir an unserer Schule das Angebot für besonders Begabte erhöhen müssen, um ihnen dadurch noch mehr Wissen vermitteln zu können."

Spannende Diskussionen

Seit Ende Oktober nimmt Ramona jede Woche an den Unitagen teil und bereut ihre Teilnahme keine Sekunde: "Wir bekommen spezielle Vorträge von Professoren, manchmal auch Übungen zu den Themen und ein paar Mal durften wir auch schon eine richtige Vorlesung besuchen, das ist wirklich interessant. Bei manchen Professoren merkt man wirklich, dass sie das Projekt begeistert, wir dürfen ihnen viele Fragen stellen und sie sind sehr bemüht." Und Ramona hat schon einiges gelernt: "Als wir etwas über die Wirtschaftswissenschaften erfahren haben, haben wir zum Beispiel über die Wirtschaftskrise diskutiert. Das war total spannend, weil es praxisbezogen war und man so etwas nicht oft in der Schule hinterfragt."

Noch interessanter fand sie aber die Übung in Elektrotechnik: "Wir haben einen Kondensator gebaut. In der Schule sehen wir Kondensatoren im Physikunterricht, aber ihn selbst zu bauen, war für mich etwas ganz anderes." Die Aufgabe am Tag, als Elektrotechnik auf dem Plan stand, gefiel ihr vor allem deswegen so gut, weil die 17-Jährige Kfz-Mechatronikerin werden will. Blut geleckt hat sie an der Universität bei den "Unitagen" jedoch nicht, sie will lieber an einer dualen Hochschule studieren: "Ich will mich bei Audi für einen dualen Studiengang bewerben. Schon als kleines Kind habe ich zusammen mit meinem Vater an unseren Autos geschraubt und das waren immer Audis."

Sie interessiere sich für den Studiengang "Fahrzeug-Elektrotechnik und mechatronische Systeme" in Ingolstadt, aber zunächst würde sie gerne ein Schüler-Praktikum bei dem großen Automobilhersteller machen. Einen Plan B hat Ramona auch schon: "Wenn ich nicht für das duale Studium bei Audi genommen werde, möchte ich Medizintechnik bei Siemens studieren." Es muss etwas Technisches sein, denn - obwohl sie vielleicht den Schnitt für Medizin nach ihrem Abitur hat - Ramona kann schlichtweg "kein Blut sehen".

Zu den anderen Teilnehmern zählen auch zwei weitere Schüler aus Bamberg: "Wir fahren immer gemeinsam an die Universität." Zu den restlichen Schülern habe sie keinen Zugang gefunden: "Da sind viele typische Streber dabei, die die ganze Zeit nur über Schule reden, das kann ich wirklich nicht verstehen."

Auf der einen Seite sei das Projekt sehr schön, weil Ramona "viel über Studiengänge erfährt" und sie sich glücklich schätzt, die einmalige Möglichkeit wahrnehmen zu können, als Gast an der Universität zu sein: "Auf der anderen Seite muss ich natürlich immer den Lernstoff von den Freitagen nachholen und da ich noch nicht viele Mitschüler hier am Maria-Ward-Gymansium kenne, ist das oft schwierig."

Ramona erachtet den "Unitag" als eine Chance, verschiedene Studiengänge kennenzulernen, die man oft schon von vornherein für die spätere Studienwahl ausschließt: "Eigentlich ist es schade, dass nur wenige Schüler diese Möglichkeit bekommen." Deshalb ist ihr Fazit für das Projekt positiv: "Ich habe dem Projekt die Chance gegeben, mich zu überraschen und das hat es mit seinem vielfältigen Programm auf jeden Fall getan."