In der Diskussion um den Bau neuer Stromleitungen verlieren selbst Bundeskanzlerin Merkel und Ministerpräsident Seehofer bisweilen den Überblick. Welches Kabel wird denn nun gebraucht: Sued.Link, die Gleichstrompassage Südost oder die Thüringer Strombrücke? Und welcher Strom fließt eigentlich durch die Kabel?

Bei so viel Verwirrung und öffentlicher Aufregung verwundert es nicht, dass ein weiteres Kabelprojekt gar nicht erst ins Bewusstsein dringt, obwohl es die Energiewende in Deutschland ad absurdum führen könnte: Weit weg und unter Wasser, steht es auf der langen Liste wichtiger Energieprojekte der europäischen Kommission: "Interconnection Kaliningrad Region Power System - German Power System".


Pläne in der Schublade

Die Pläne für das knapp 500 Kilometer lange und eine Milliarde Euro teure Unterseekabel haben der russische Energiekonzern Inter RAO und der deutsche Netzbetreiber 50 Hertz in der Schublade. Wozu wird dieses Kabel gebraucht? Das wollte die Linksfraktion im Bundestag bereits Ende 2012 wissen, die Antwort der Bundesregierung war ausweichend.

Tatsache ist: Bei Kaliningrad plant Inter RAO nahe der Stadt Neman, unweit der Grenze nach Litauen, ein Kernkraftwerk mit zwei Blöcken und einer Leistung von je 1200 Megawatt (vergleichbar mit Grafenrheinfeld). Seit Monaten tobt um diese Nuklearanlage ein Informationskrieg. In Litauen ist man auf Russland und Inter RAO nicht gut zu sprechen, weil eigene Kraftwerksprojekte wegen der übermächtigen Konkurrenz jenseits der Grenze auf Eis liegen.

Fakt ist auch: Wenn die beiden Blöcke 2016 und 2018 ans Netz gehen, produzieren sie sehr viel mehr Strom, als in der Region gebraucht wird. Inter RAO-Chef Boris Kowaltschuk preist in den baltischen Ländern, Polen und Westeuropa seinen billigen Strom an. Insbesondere die Bundesrepublik hat er im Blick: "Deutschland ist durch die Energiewende ein sehr interessanter Markt für uns."


Von Rösler eingefädelt

Inter RAO könne helfen, die Lücke, die Deutschland durch den Atomausstieg in der Stromproduktion bekommen wird, zu schließen, sagte er dem Handelsblatt. Kowaltschuks Plan: Der russische Strom könnte über Land via Polen in den Westen fließen oder durch das neue Ostsee-Kabel. Die Pläne für diese Stromautobahn bestätigen das Wirtschaftsministerium in Berlin und die EU.

Brisant: Eingefädelt hat den deutsch-russischen Deal, der mit deutschen Bürgschaften finanziert würde, noch FDP-Wirtschaftsminister Philipp Rösler - unmittelbar nach dem Beschluss der schwarz-gelben Bundesregierung zum beschleunigten Atomausstieg.


/> "Mogelpackung"

Der Ostsee-Strom bringt auch im Binnenland die Gegner der neuen Gleichstromtrassen auf, die den Strom aus dem Norden durch Franken transportieren sollen. Brigitte Artmann vom Kreisverband der Grünen in Wunsiedel sieht im Leitungsbau eine gewaltige Mogelpackung. "Am Ende wird kaum Windstrom durch die Leitungen fließen, sondern vor allem Kohlestrom aus den neuen Bundesländern und am Ende Atomstrom aus Russland."