Knapp ein Jahr nach der Schließung der Martinskirche wegen akuter Bauschäden ist noch nicht ganz klar, wie ihre Sanierung von statten gehen wird.

Bis Ende April soll die denkmalpflegerische Vorplanung stehen, anschließend will die Kirchenstiftung das Finanzierungskonzept erarbeiten. Erst dann werden Pfarrer Anton Heinz und die Gemeinde wissen, wie viele Millionen nötig sind, um die Standsicherheit der Barockkirche am Grünen Markt wieder herzustellen.

Sicher ist aber schon, dass die katholische Innenstadt-Pfarrei den obligatorischen Eigenanteil nicht aus eigener Kraft wird leisten können. Das Erzbischöfliche Ordinariat trägt gewöhnlich den Löwenanteil von bis zu 65 Prozent; den "Rest" muss der Träger mit Hilfe Dritter aufbringen.

"Wir werden alle fragen", versichert Ulrich Manz, der sich in der Kirchenverwaltung St. Martin federführend um das Sanierungsvorhaben kümmert und mit "alle" unter anderen die Oberfrankenstiftung und Stadt Bamberg meint.

Man setzt aber auch auf die vielen einheimischen und auswärtigen Besucher der Kirche: An Ostern startete die Kirchenstiftung eine Zweck gebundene Spendenaktion.

Der Bayreuther Statiker Günter Döring hat inzwischen mehrere Ursachen für den schlechten Zustand des gut 300 Jahre alten Gotteshauses ausgemacht.

Erhärtet hat sich seine Vermutung, dass die Ursprünge der Probleme aus der Bauzeit rühren: Nach dem Tod von Georg Dientzenhofer anno 1689 brachte sein Bruder Johann Leonhard den Auftrag zwar zu Ende, ließ statt des geplanten Kreuzgewölbes aber eine Kuppel bauen.

Das war nach Einschätzung des Statikers "kühn", weil das Bauwerk erstens dafür nicht geschaffen war und zweitens die Kuppel mit ihrer nur 16 Zentimeter dünnen gemauerten Schale wohl von Anfang an dazu neigte, sich zu verflachen.

Entsprechend empfindlich reagiert die Konstruktion auf äußere Einwirkungen. Döring geht davon aus, dass sie beim Bombenabwurf auf den Grünen Markt im Zweiten Weltkrieg durch Erschütterungen und Druckwellen in Mitleidenschaft gezogen worden ist.

Die vielen Risse im gesamten Kirchengebäude bringt der Statiker auch mit dem gesunkenen Grundwasserspiegel seit Ende des 17. Jahrhunderts in Verbindung. Für Manz, im Hauptberuf Architekt, liegt dieser Zusammenhang ebenfalls auf der Hand.

Er ruft den Fund eines jüdischen rituellen Tauchbads vor wenigen Wochen auf der anderen Seite des Grünen Marktes, im Rückgebäude des Modehauses Hartmann, in Erinnerung: Früher vom Grundwasser gespeist, liegt die Mikwe heute 1,5 Meter oberhalb des Grundwassers.

Die veränderten Bodenverhältnisse am Grünen Markt können laut Manz dazu geführt haben, dass sich die Fundamente der Kirche gesenkt haben.

Schließlich verschärfte aus heutiger Sicht die letzte Kirchensanierung in den 1980er Jahren die statischen Problem. Damals wurden rund 100 Tonnen Beton in den Dachstuhl gepumpt.

Was gut gemeint war, erweist sich als zusätzliche Last für die Kuppel, die sie tragenden Bögen und die Vierungspfeiler darunter. Letztere haben unter dem Gewicht schon nachgegeben, sie machen - salopp ausgedrückt - "die Grätsche".

Bei einer ersten Untersuchung vor einem Jahr wurde bereits eine Neigung der tragenden Pfeiler um drei Zentimeter festgestellt.

Die aktuellen Schäden und die Sanierung von 1982 wurden Mitte März von einer Delegation des Landesamts für Denkmalpflege begutachtet und erörtert, berichtet der Architekt aus der Kirchenverwaltung.

Das Sanierungskonzept wird gerade auf der Basis der dabei gewonnenen Erkenntnisse erarbeitet. In Verbindung damit wird eine Musterfläche für die Wände und das Kuppelgemälde angelegt. Diesem Zweck dient das turmartige Gerüst, das zur Zeit an einem der Vierungspfeiler steht.

Ehe die statische Sicherung beginnen kann, muss laut Manz der Dachstuhl dekontaminiert werden. Diese Vorarbeit soll möglichst noch im Herbst beginnen. Erst anschließend können die Zimmerer dort loslegen.

Die grobe Zeitplanung der Kirchenstiftung geht von einer Baustelle in vier Abschnitten bis ins Jahr 2016 hinaus. Ziel ist, dass immer ein Teil der Kirche für Gottesdienste zur Verfügung steht.

Nur der hintere Teil des Gotteshauses ist zugänglich

Seit Sommer 2012 und bis auf Weiteres versammeln sich die Gläubigen im hintersten Teil des Gotteshauses vor dem Anna-Altar, links vom Haupteingang.

Nachdem die Kirche am 19. April wegen der akuten Bauschäden zunächst Wochen lang ganz geschlossen gewesen war, machte man aus der Not eine Tugend und einen Seitenaltar im nicht gefährdeten Teil zum liturgischen Zentrum auf Zeit. Dort stehen seitdem auch das Gnadenbild und die Kerzenständer.

Die Gemeinde ist sich laut Ulrich Manz mit dem Erzbischöflichen Ordinariat einig, dass im Zug der unaufschiebbaren statischen Instandsetzung auch andere anstehende Arbeiten erledigt werden sollen. Die fleckigen Wände brauchen einen neuen Anstrich und man wünscht sich ein neues, Energie sparendes Beleuchtungskonzept.

Aktuell wird die Kirche von mehreren 500-Watt-Strahler erhellt, die die reinsten Stromfresser sind. Möglicherweise kommen Pendelleuchten zu neuen Ehren, die irgendwann einmal abgehängt worden sind und noch auf dem Dachboden liegen.

Reiner Albrecht vom Ingenieurbüro Wolf und Albrecht (Nürnberg) ist für das künftige Beleuchtungskonzept zuständig. Als erstes machte er eine Bestandsaufnahme und hat da auch eine gute Nachricht für die Kirchenstiftung: Die Leitungen von 1982 sind in Ordnung und müssen nicht neu verlegt werden.