Magdeburg, Dresden, Chemnitz, Hannover, Hildesheim, Kassel und Koblenz: Es sind zwar nicht gerade die Superstars unter den deutschen Städten, die sich wie Nürnberg um den Titel "Kulturhauptstadt Europa 2025" bewerben. Aber in einem Punkt haben sie einen Vorteil: Sie schleppen keine historische Erblast mit sich herum.
Die Stadt der Täter, das Reichsparteitagsgelände und die Nürnberger Prozesse: Für den Nürnberger Oberbürgermeister Ulrich Maly (SPD) ist der Klotz, der seiner Stadt am Bein hängt, am Ende möglicherweise der entscheidende Faktor für den Sieg gegen die Mitbewerber. Denn 80 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges könnte Nürnberg 2025 für Europa zu einem Beispiel dafür werden, wie man sich von seiner Vergangenheit lösen kann, ohne sie zu leugnen.


"Wir wagen die Konfrontation"

Der OB weiß, dass eine Stadt in dem überaus komplexen und anspruchsvollen Bewerbungsprozess um den Titel "Kulturhauptstadt" schon verloren hat, wenn sie nur ihre schönen Seiten zeigen will. "Nürnberg ist eben auch Hitler und nicht nur Altstadt, Burg und Christkindlesmarkt", sagt er. "Wir wagen die Konfrontation."
Das beginnt beim kolossalen steinernen Erbe der NS-Zeit, dem Reichsparteitagsgelände. Heute Ort der Erinnerung und der Begegnung, tat man sich in Nürnberg (und nicht nur da) lange schwer mit "nutzlosen Gelände", wie Maly es nennt:
Soll man es dem Erdboden gleich machen und alle braunen Spuren tilgen? Oder Millionen investieren, um das Denkmal der NS-Diktatur zu erhalten? Nürnberg fand einen Königsweg: Das Gelände wird mit staatlicher Hilfe so gesichert, dass es begehbar ist. Es bleibt sichtbar, spürbar als Bruch in der Stadtgeschichte.
Gleichzeitig bemüht sich die Stadt darum, den Schwurgerichtssaal 600 der Nürnberger Prozesse zum Weltkulturerbe zu machen. Dieser Umgang mit der Geschichte ist, was Nürnberg vor den anderen Bewerbern auszeichnet. "Unsere Chance", sagt Maly, wobei es darauf ankommen wird, die Schatten der Vergangenheit nicht übermächtig werden zu lassen. Damit rennt der OB bei den Nürnbergern offene Türen ein. Eben ist ein Ideenwettbewerb zu Ende gegangen, der "Open Call", bei dem jeder Konzepte beisteuern konnte, die Nürnberg als Kulturhauptstadt umsetzen konnte. "Mehr als 150 Vorschläge sind eingegangen, mit einer großen Bandbreite", freut sich der Leiter des Bewerbungsbüros, Hans-Joachim Wagner, über die "überwältigende Resonanz" und den Ideenreichtum.
50 000 Euro stellt das Bewerbungsbüro für die Einfälle zur Verfügung, jedes Projekt kann bis zu 5000 Euro kosten - zehn der Vorschläge werden es in die Endrunde schaffen, wobei die Nürnberger per Online-Abstimmung ein entscheidendes Wort mitreden (https://opencall.n2025.de). Die Abstimmung läuft bis Mitte Juli.


Sprechende Mülleimer

Die Palette der Ideen ist in der Tat kunterbunt und damit ein Kontrapunkt zur düsteren Vergangenheit: Ein Bewerber will Nürnberg mit einem Weingarten aufwerten, andere schlagen getanzte Stadtführungen vor. Es gibt viele Ideen zu Kunst und Musik und eine ganze Reihe von Geistesblitzen, die nicht mehr nur originell, sondern fast schon skurril sind: 2025 könnten einem in Nürnberg sprechende Mülleimer begegnen und in kleinen Gewächshäusern über den U-Bahn-Schächten Tomaten wachsen ...