Dass einige der Angeklagten aus dem extremen rechten Lager in Bamberg an diversen Körperverletzungen beteiligt waren, dass mit einem Gullydeckel auf einen linken Szenetreff geworfen wurde, mit Sprengstoff experimentiert und mit einem Anschlag auf eine Asylbewerberunterkunft gedroht wurde, steht mittlerweile wohl außer Zweifel. Allerdings sind zwei der schwerwiegendsten Punkte der Anklage nach den Worten des Vorsitzenden Richter Manfred Schmidt wohl nicht nachzuweisen.

Da ist zum einen die Bildung einer kriminellen Vereinigung, die drei Männern und einer Frau aus dem harten Kern der Bamberger "Weisse Wölfe Terrorcrew" vorgeworfen wird. Aber bereits die Ermittler von Kriminalpolizei und Landeskriminalamt hatten im Zeugenstand eingeräumt, dass der Beweis dafür trotz aufwändiger Telefonüberwachung und der Auswertung von mehr als einer Million Online-Chatverläufe wohl schwer zu führen sei. Diese Einschätzung teilt die Kammer und auch was die Störung des öffentlichen Friedens angeht, hat der Vorsitzende Zweifel am Nachweis dieses Tatbestandes angemeldet. Weder Staatsanwalt André Libischer, noch die Verteidiger der Angeklagten gaben zu dieser vorläufigen Einschätzung des Gerichts Erklärungen ab.

Bamberger "Mischszene"

Da die Beweisaufnahme weitestgehend abgeschlossen hin, deutet nun viel darauf hin, dass der Mammutprozess sich langsam dem Ende neigt. Wie Schmidt bereits andeutete, könnten in der kommenden Woche bereits die Plädoyers gestellt werden. Am mittlerweile 13. Verhandlungstag berichtete ein Kripo-Beamter nochmals über die umfangreichen Ermittlungen, über die Verflechtungen in einer "Bamberger Mischszene" aus NPD, Die Rechte, III. Weg, Fußball-Hooligans und eben der "Weissen Wölfe Terrorcrew". Von Letzterer gibt es keine Satzung, nur knappe Sitzungsprotokolle, dafür viele Chats. Ein Aussteiger, der zu einem Rockerclub wechselte, hatte beklagt, dass bei der WWT "jeder macht was er will". Vor Gericht wurde der Mitschnitt eines Telefonats der Angeklagten Jennifer P. (Namen geändert) vorgespielt, in dem sie erklärt, dass die Mitglieder der Gruppe "nichts reißen". Der Aussteiger, der den Spitznamen "Schattenboxer" trug, empfahl Rockerstrukturen einzuführen, "um den Haufen unter Kontrolle zu kriegen".

Wie der Ermittler des Landeskriminalamtes ausführte, sei über einige strafrechtlich relevante Sachverhalte durchaus vorher kommuniziert worden. Aber ein "Gruppenwille" sei nicht zu erkennen gewesen, einige Schlägereien seien unter Alkoholeinfluss und aus der jeweiligen Situation heraus entstanden. Und Oliver B. hatte in einem Chat zwar Mitstreiter gesucht, die sich vor dem linken Szenetreff "Balthasar" aufbauen, zugleich aber gefordert, "sich an Recht und Gesetz zu halten".

Die WWT agierte bundesweit, auch hier gab es nur bedingt nachvollziehbare Hierarchien. So verkündete Jennifer P. in der lokalen Gruppe, dass es eine "Entscheidung von ganz oben" gewesen sei, ihren Mann Thorsten zum neuen Sektionsleiter zu küren. Der Bundesvorsitzende hatte ihr zuvor aber mitgeteilt, dass es "nicht sein Job" sei, sich um so etwas zu kümmern.

Tiefere Einblicke in die Biografie von Oliver B. gab der Bericht der Jugendgerichtshilfe. Mit 14 interessierte sich der für rechtes Gedankengut, es folgten erste Stammtische, Kundgebungen, verbunden mit einer Nähe zur Hooligan-Szene.

Trotz guten Gesellenbriefs wurde der Lagerist zunächst nicht übernommen, fand dann wieder einen Job, wurde aber noch während der Befristung verhaftet. Inzwischen hat er wieder Arbeit gefunden, will sich mit seiner Verlobten eine Existenz aufbauen, sein Elternhaus renovieren und ein Fernstudium aufnehmen. Freilich habe B. weiterhin ein laut eigenen Worten "traditionell-konservatives Weltbild, national geprägt, aber auf einer demokratischen Grundbasis".

Dass sich auch Thorsten P. ein anderes Leben wünschte, brachte er nach zehn Monaten in einem Brief an den Staatsanwalt zum Ausdruck: "Geben Sie mir eine Chance, dafür würde ich jede Auflage der Welt erfüllen. Ich will den Hooligan- und den rechten Blödsinn hinter mir lassen." P. beschreibt den Wunsch, wieder frei und bei seiner Familie zu sein. Die feinfühlenden Worte, die er hier findet, stellen freilich ein anderes Bild dar als das, das er im Chat mit seinen "Kameraden" abgibt, wo es unter anderem nach einer Schlägerei heißt: "Bei dem habe ich auf den Kopf getreten." - "Ja, ich auch."

Die Verhandlung wird am Donnerstag, 13. Dezember, um 9 Uhr fortgesetzt.