Drei Monate ist es her, dass das Klinikum Bamberg von einer in seiner Geschichte beispiellosen Krise fast wie von einer schweren Krankheit heimgesucht wurde. Sie bedroht das Wichtigste im Verhältnis zwischen Ärzten und Patienten - das Vertrauen. Es geht um schwere Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs gegen einen früheren Chefarzt. Er soll zwölf junge Frauen, Patientinnen und Mitarbeiterinnen, betäubt und sich an ihnen vergangen haben.

Kein Wunder, wenn dem Ärztlichen Direktor Georg Pistorius ein Ende mit Schrecken lieber wäre als ein Schrecken ohne Ende. "Wir hoffen sehr, dass es bald zu einer juristischen Klärung der Vorwürfe kommt und dazu, dass die Spekulationen ein Ende finden", sagt er.

Doch im Moment sieht es nicht so aus, als ob das Klinikum den Schatten, der sich auf es gelegt hat, über Nacht wieder los würde. Zwar sind in dem 1140-Betten-Haus keine finanziellen Einbußen zu beklagen, dennoch belastet die immer wieder aufflammende und weit über die Grenzen der Stadt hinausreichende Diskussion um den tiefen Fall eines Vorzeigemediziners nach wie vor das Krankenhaus. Dies umso mehr, als sich mittlerweile zwei Sichtweisen diametral gegenüberstehen: die der Staatsanwaltschaft und die der Verteidigung.

Wann wird man die Anklageschrift lesen können? Wann wird der Prozess gegen den in Bamberg einsitzenden Gefäßchirurgen stattfinden? In den nächsten Tagen wird wohl kaum etwas Offizielles dazu aus dem Justizpalast verlauten. Einerseits sieht sich die Staatsanwaltschaft bei den Ermittlungen "auf der Zielgeraden" angekommen; andererseits will man die Gründlichkeit nicht der Schnelligkeit opfern. Zum Beispiel das Gutachten darüber, ob die Handlungen, die dem 48-Jährigen zur Last gelegt werden, medizinisch begründet werden könnten, wie von Verteidiger Dieter Widmann dargelegt. "Komplex" beschreibt Oberstaatsanwalt Bardo Backert Fragen, die hier im Raum stehen. Etwa, ob die Krankheitsbilder der Beckenvenenthrombose und der Vulvavarikose das, was der Arzt getan und fotografisch dokumentiert hat, in irgendeiner Weise rechtfertigen könnten. Es ist eines von zwei Gutachten, die das weitere Verfahren stark beeinflussen dürften.

Erst vor zwei Wochen hat die Verteidigung eine lange Stellungnahme zu jedem der Tatvorwürfe abgeliefert. Auch das trägt nicht zur Beschleunigung des prozessualen Ablaufs dar. Keine Staatsanwaltschaft will sich den Vorwurf machen lassen, sie habe Argumente des Tatverdächtigen auf die leichte Schulter genommen. "Wir müssen alle Gesichtspunkte darauf prüfen, ob sie richtig oder unrichtig sind. Es geht um die Gerechtigkeit", sagt Bardo Backert.

Was ist wirklich geschehen von 2008 bis 2014 in den Behandlungszimmern der Gefäßchirurgie? Rechtsanwalt Widmann zitiert seinen Mandanten mit dem Satz, er leide sehr darunter und wolle sich bei den Frauen dafür entschuldigen, dass sie durch ihn in einen Missbrauchsfall hineingezogen worden seien. Den Missbrauch jedoch bestreitet er. Immer sei es um die Behandlung von Patienten und um medizinischen Erkenntnisgewinn gegangen.

Doch wie kam es dazu, dass zahllose Fotos und Videos aus dem Intimbereich von Frauen auf dem PC des Arztes gefunden wurden? Widmann sieht sie der medizinischen Dokumentation geschuldet. Mit der Unterschrift, die jeder Patient unter die Geschäftsbedingungen des Klinikums setze, erlaube er es dem medizinischen Personal, Fotos zur Dokumentation der Behandlung zu machen.

Ein fragwürdiger, möglicherweise an den Haaren herbeigezogener Aspekt, den Ärzte-Chef Pistorius dennoch grundsätzlich bestätigt. Der Behandlungsvertrag bei Aufnahme ins Klinikum schreibe eine (auch fotografische) Dokumentation medizinischer Befunde zur Weitergabe an Andere sogar vor. Freilich nur im Rahmen einer Behandlung.

Die Staatsanwaltschaft lässt sich von den Argumenten der Verteidigung nicht beeindrucken. "Es gibt bisher keinen Anhaltspunkt dafür, die Vorwürfe abzuändern", sagt Bardo Backert. Wenig Verständnis für die "Strategie" seines Prozessgegners hat auch Nebenkläger Martin Reymann-Brauer, der fünf Opfer vertritt "Was die Verteidigung anführt, ist mehr als dummes Zeugs. Dabei bleibe ich", sagt der Opfer-Vertreter.

Ungeklärt ist bisher, ob die ehemalige Stiftungsrätin Ulrike Heucken (GAL) mit juristischen Konsequenzen rechnen muss. Sie hatte im Gespräch mit dieser Zeitung einen Zusammenhang zwischen der häufig diskutierten Arbeitsüberlastung am Klinikum und der Tatsache hergestellt, dass die möglichen Missbrauchsfälle viele Jahre unentdeckt blieben. Die Aussage Heuckens hatte im Stiftungsrat Empörung ausgelöst und den Beschluss, juristische Schritte gegen sie zu überprüfen.

Wie Klinikumssprecherin Brigitte Dippold sagte, liegt noch kein Ergebnis vor. Beauftragt wurde mit der Untersuchung Rechtsanwalt Franz-Wilhelm Heller. Er ist stellvertretender Vorsitzender des Stiftungsrats.