Ihre dunklen Augen blitzen verschmitzt, wenn Ela mit scheinbarer Selbstverständlichkeit erzählt, dass sich jeder Dritte ihrer Kunden in sie verliebt. Und während der Zuhörer diesen Satz noch mit diesem zierlichen Gesicht und den ungewöhnlich vollen Lippen verbindet, sagt die Schwarzhaarige unvermittelt kühl: "Bei der Liebe geht es um Gefühle und Erotik. Bei meiner Arbeit funktioniere ich nur."

Bei der Liebe gehe es nicht ums Geld - in ihrem Gewerbe aber gehe es zu allererst und fast ausschließlich ums Geld.

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Ungewöhnlich alt, um mit der Prostitution anzufangen

Des Geldes wegen ist Ela auch in dieses Gewerbe gerutscht. Als der Salon der Kosmetikmeisterin pleite ging, der Schuldenberg und die Verzweiflung immer größer wurden, habe sie an diese Tür geklopft, von der sie wusste, dass dahinter Rotlicht leuchtete. "Ich war damals schon 32/33, also ungewöhnlich alt, um damit anzufangen. Der Betreiber führte mich herum, auch in den Keller mit dem SM-Raum. Da bin ich total erschrocken", erzählt Ela ernst.

Der Mann habe daraufhin gesagt, das Gewerbe sei nichts für sie, habe sie weggeschickt. Doch ihre Situation sei so ausweglos gewesen, dass sie am nächsten Tag wieder angeklopft habe. Ihr erster Gast sei ein haariger, ungewaschener Alptraum gewesen. "Es war furchtbar." Doch die Geldnot war größer als ihr Ekelgefühl. Das war 2004.

"Meine Gefühle sind gestorben."

Seither hatte sie viele Freier. "Bei dieser Arbeit verliert man die Gefühle", sagt Ela, die sich schon viele Künstlernamen wie diesen gegeben hat. "Meine Gefühle sind gestorben."

Sich in einen Mann verlieben: Das schließt die sportliche 48-Jährige für ihr künftiges Leben aus. Ihr Job und eine Beziehung: ein Widerspruch. "Männer, die ihre Frauen anschaffen gehen lassen, sind keine Partner, sondern Zuhälter."

Und was ist mit der "Pretty-Woman"-Geschichte, in der sich Freier und Prostituierte unsterblich verlieben: Auch sie hat vor Jahren einmal Gefühle für einen Kunden erwidert, verzichtete für ihn auf das schnelle Geld, lebte mit ihm zusammen. "Aber ich bin nicht beziehungsfähig. Außerdem habe ich einen Putzfimmel, der Männer auf Dauer aufregt", räumt sie ein und lacht. Das Paar ging nach Jahren getrennte Wege. Ela führte ihr Weg erneut in die finanzielle Schieflage - und schließlich zurück in die Horizontale.

Dort habe sie mittlerweile ein gehobenes Niveau und damit auch ein Preissegment erreicht, das es ihr erlaube, nicht jeden Freier annehmen zu müssen. Sie sei ihre eigene Chefin. Mit ihren Lieblingskunden pflege sie ein freundschaftliches, durchaus auch vertrauensvolles Verhältnis. Doch mit Liebe habe das nichts zu tun.

Die Tochter weiß von nichts

Was aber ihre Familie angeht, da empfinde sie große Liebe. Zu ihrer Tochter und zu ihrer Enkelin. "Ich bin schon Oma", sagt die 48-Jährige und zwinkert neckisch mit dem linken Auge. Weiß ihre Familie, wie sie ihr Geld verdient? "Nein", antwortet Ela. Und sie habe auch nicht vor, daran etwas zu ändern.

Ihren Verwandten im Ausland tische sie erfundene Geschichten auf. Mal erzähle sie von einem reichen Freund, mal von illegalen Geschäften. "Ich schätze, die halten mich für eine Art kriminelle Clanchefin", sagt sie grinsend. In ein paar Jahren wolle sie aufhören, sich "eine Jacht kaufen und ein Buch schreiben".

Irgendwann steht die Beichte vor der Tochter an

Dann aber wird sie wieder ernst - denn für einen Menschen will sie eine Ausnahme machen: Ihrer Tochter will sie irgendwann die Wahrheit sagen. "Ich habe ihr durch meine Arbeit die Privatschule und das Jurastudium finanziert."

Das Mädchen habe eine strenge Erziehung genossen, gerade was Männerfragen angeht. Nun ist sie verheiratet und hat selbst eine Tochter. Wann sie ihrer Tochter alles beichten will? "Ich weiß es noch nicht, aber es muss sein."

Beichten, das ist auch so eine Sache. "Es ist Sünde. Ich habe ein riesiges schlechtes Gewissen." Und dann sind da ja auch noch die Freier: "99 Prozent meiner Kunden sind verheiratet." Manch einer versuche, auf diese Weise seine Ehe zu retten, berichtet sie. Mancher Stammkunde komme auch nur vorbei, um sich Sorgen von der Seele zu reden.

"Ich habe schon einiges erlebt in meinem Leben, man kann sich mit mir ganz gut unterhalten." Bei manchen Gästen gehe es um mehr als nur ums Geld. Dennoch sagt Ela klipp und klar: "Ich empfehle niemandem diesen Job."