Den Jodler singt sie aus dem Stehgreif, direkt vom Küchentisch weg. Martha Eberlein kennt da nichts. Kurz die Augen schließen, konzentrieren und dann geht's los. Die Töne passen, die Stimme zittert nicht, nur ein wenig leise ist sie vielleicht.

"Früher habe ich Sopran gesungen", sagt die 84-jährige Memmelsdorferin - oder Bambergerin? Wohnt sie doch seit Jahrzehnten im Stadtteil Gartenstadt. "Ja, scho. Aber ich werd ka Gartenstadterin mehr. Ich bin und bleib a Memmelsdorferin", betont sie.

Nach Bamberg ist sie nur wegen der Arbeit gezogen, mit ihrem Mann Hans, damals in den 1950er Jahren. Mit dem Singen hat sie schon viel früher angefangen - natürlich in Memmelsdorf. "Die jungen Männer waren alle im Krieg", erinnert sie sich. "Also haben wir 14-, 15-jährigen Mädchen mit den Alten gesungen."

In der Schule hatte man sie gefragt, ob sie nicht beim Gesangverein Liederkranz einsteigen wolle. Martha Eberlein war sofort dabei - und ist es bis heute aktiv geblieben, 70 Jahre lang beim gleichen Verein.

Interesse der "Konkurrenz"
Als sie in die Gartenstadt gezogen war, wollte der damalige Chorleiter des dortigen Gesangvereins sie abwerben. ",Heidelerche, du singst bei uns', hat er gesagt", erzählt Martha Eberlein und lacht. "Aber ich hab geantwortet: Nein, man kann nur einem Herren dienen."

Das tut sie immer noch, obwohl es ihr vor vielen Jahren verboten wurde: In den 1950er Jahren bekam sie Geschwülste an den Stimmbändern. Diese konnten zwar entfernt werden, aber der Arzt verordnete ihr, mit dem Singen aufzuhören. "Ich hab mir gedacht, der kann sagen, was er will. Ich sing weiter."

Mit nun tieferer Tonlage wechselte sie vom Sopran in die Altstimme. Den Text der Lieder lernt sie zuhause auswendig - "damit ich mich in der Probe auf den Dirigenten konzentrieren kann."

Die 84-Jährige grinst und erzählt: "Die sagen schon immer: ,Gell, du kannst des scho widder auswendig' und ich antworte: des glabst!" Der Zusammenhalt im Liederkranz bedeutet ihr viel. Nach den Proben sitzen die Mitglieder noch gemütlich zusammen, unterhalten sich und "trinken a Schöppla", flüstert die Seniorin und zwinkert.

Aber dann wird sie ernst, als die Frage kommt, ob sie in all der langen Zeit im gleichen Verein auch etwas Schlimmes erlebt hat. "Ja. Wir saßen nach der Singstunde noch beieinander, da kam einer rein und hat gerufen: ,Der Michl is umgefallen und tot!' Er hatte gerade noch mit uns gesungen und war auf dem Nachhauseweg."
Der Tod ist etwas, das Martha Eberlein durch die Jahrzehnte begleitet hat. Während sie von den Weinfahrten mit dem Verein oder vom Adventssingen erzählt, blättert sie im Fotoalbum. Manchmal hält sie inne und sagt leise "ach, der ist auch schon gestorben."

Auch ihre drei Schwestern sind tot. Und ihr Mann Hans, seit 28 Jahren. Er war Kaminbauer, sie hat Herrenkleidernäherin gelernt und bei den Greiff-Werken, einem Bekleidungsunternehmen in Bamberg, gearbeitet. Nach dem Umzug in die Gartenstadt hat ihr Hans sie immer begleitet, wenn sie mit dem Fahrrad zur Singstunde nach Memmelsdorf geradelt ist.

Auch der Mann sang mit
"Ich war beim Singen, mein Mann hat währenddessen meine Mutter besucht", erzählt sie. Irgendwann hat die Mutter dann gesagt: "Geh zu Hans, du kannst doch auch singen!" Und das hat er von da an getan, gemeinsam mit seiner Frau Martha.

Die hat es immer irgendwie geschafft, zu ihrer Singstunde zu kommen. Früher, als junges Mädchen mit 14, machte sie nach dem Schulabschluss ihr "Pflichtjahr" bei einer Familie im Ort. "Das haben damals alle jungen Mädchen gemacht. Ein Jahr lang hat man im Haushalt geholfen, gekocht, auf die Kinder aufgepasst", erläutert sie.

Die Frau, bei der sie arbeitete, wollte Martha ungern zum Singen lassen. Der Ehemann war im Krieg und sie wollte nicht alleine sein. "Aber ich hab gesagt: Ich lass mir alles nehmen, außer meine Singstunde", sagt die 84-Jährige.

Das gilt auch im Jahr 2013. Zur Probe wird sie von einer Kameradin aus dem Gesangverein abgeholt. "Wenn die nicht kann, nehm' ich den Bus nach Memmelsdorf. Nach dem Singen findet sich immer wer, der mich wieder heim fährt."

Singen oder zuhören
Martha Eberlein will weiter singen, "solange Gott will", sagt sie. Zur Singstunde komme sie auch dann, wenn es ihr gesundheitlich nicht so gut geht. "Ich setz mich dann halt nur rein und hör zu."

Denn auch beim Hören lernt sie, Texte, Melodien. Auch das war schon immer so. "Im Krieg haben wir viel gesungen. Wenn einer gefallen ist, zum Beispiel, und natürlich bei kirchlichen Festen. So hab ich alleine vier lateinische Messen auswendig gelernt."

Auswendig kann sie heute noch viel aus 70 Jahren Gesangverein. Sie ordnet ein paar Notenblätter auf dem Esszimmertisch, überlegt lange auf die Frage, welches ihr Lieblingslied sei. "Ich mag alles gern, was wir singen. Schöne, deutsche Volkslieder halt."

Und Weihnachtslieder. ",Stille Nacht, heilige Nacht' hat mir schon immer sehr gefallen", sagt sie. "Da singe ich in der Kirche immer meine zweite Stimme dazu." Und wenn der Rest der Kirchgänger die andere Stimme singt, raus bringen lässt sie sich nicht aus ihrer Tonlage. Nicht nach 70 Jahren.

Ehrung für 75 Jahre
Auch bei den Männern wurde im Raum Bamberg ein besonderes Jubiläum gefeiert: Für 75 Jahre als aktiver Sänger beim Gesangverein Walsdorf wurde Hans Kaiser geehrt. Mit 93 Jahren ist er der älteste lebende männliche Bürger der Gemeinde. 1937 war der gebürtige Walsdorfer dem Verein beigetreten. Ans Aufhören denkt er nicht: "Ich mache weiter, solange ich kann."