Die Strahlen der Wintersonne haben angeklopft und schon regt sich etwas unter dem sumpfigen Moorboden. Noch bevor die Laubbäume im Hochwald austreiben, sind die Märzenbecher in 30 Zentimetern Tiefe aufgewacht, haben ihr junges Grün ausgestreckt und es wird nicht mehr lange dauern, bis die Glockenblüten ihr Signal aussenden: Es wird Frühling!

Tausendfach bedeckt die Pflanze dann den Rand der Fränkischen Alb zwischen Ettenstatt und Kaltenbuch im mittelfränkischen Landkreis Weißenburg-Gunzenhausen. Und fast ebenso zahlreich machen sich die Naturfreunde jedes Jahr um diese Zeit auf, um das Schauspiel zu erleben. Auf der Homepage der Gemeinde informiert Bürgermeisterin Hannelore Betz über den aktuellen Stand im Märchenwald: "Der Märzenbecherwald kann jetzt in voller Blüte bewundert werden. Wir empfehlen bei einem Besuch festes Schuhwerk", heißt es aktuell. Bis aus Aschaffenburg und Ingolstadt kommen die Autos und Busse mit den Spaziergängern und Wanderern, die sich am Blütenteppich ergötzen.

Vorwitzig, aber robust

Der Märzenbecher ist ein vorwitziges Ding und treibt oft schon im Februar aus. "Heuer ist alles etwas früher dran", sagt der Ettenstatter Naturschutzwächter Karl Rottler und erinnert sich, dass im letzten Jahr noch einmal Schnee auf die Blüten fiel: "Ich hatte schon Angst, dass alles kaputt ist. Die Pflanzen haben zwar ein wenig gebuckelt, aber den Schnee letztendlich gut weggesteckt."

Häufig wird der Märzenbecher mit dem fast gleichzeitig auftauchenden Schneeglöckchen verwechselt, obwohl seine sechs weißen, übereinander liegenden Blütenblätter mit den grünen oder gelben Spitzen ganz charakteristisch sind. Ein weiteres Erkennungszeichen ist über der Blüte ein Fruchtknoten, der schwarzen oder weißen Samen enthält und der Pflanze den Namen Frühlings-Knotenblume eingebracht hat. Der Naturforscher Carl von Linné gab dem Märzenbecher die lateinische Bezeichnung - Leucojum vernum - und zielte dabei auf die Farbe (leukos=weiß), den Geruch (ion=Veilchen) und die Jahreszeit (ver=Frühling) ab. Im Gegensatz zu ihren Schwestern, den Sommer-Knotenblumen, die pro Stängel mehrere Blüten aufweisen, bilden die Kolleginnen im Februar meist nur einzelne Glöckchen aus.

Feuchtgebiete

Neben den Laubbäumen (Schwarzerle, Esche, Berg- und Spitzahorn), die so zeitig im Jahr ohne Blätter sind und genügend Sonne auf den Boden lassen, ist noch ein zweites Lebenselixier für das Ausbreiten der Märzenbecher in Mittelfranken verantwortlich: die Feuchtigkeit. Zahlreiche Quellen am Nordhang der Fränkischen Alb haben aus dem Tonboden richtige Feuchtgebiete gemacht.

Naturdenkmal Steinerne Rinne

Es herrschen also ideale Bedingungen hier an der europäischen Wasserscheide. Nicht nur für die Pflanzen, sondern auch für die Wanderer, denn wenn das Wetter passt, reicht die Sicht vom Hesselberg über den Heidecker Schlossberg bis zu den Neumarkter Zeugenbergen und das Albvorland mit dem Brombachsee. Am Aussichtspunkt östlich von Kaltenbuch bietet eine Tafel Orientierung. Und wer schon da ist, der sollte unbedingt einen Abstecher zum nahen Naturdenkmal Steinerne Rinne ca. 500 Meter südöstlich des Gemeindeteils Rohrbach einplanen. Dabei handelt es sich um ein Bächlein, das durch ein Hochbett aus Kalkablagerungen führt. Die Wege sind ausgeschildert.

Unter Naturschutz

Zurück nach Ettenstadt in den Märzenbecherwald, einem der größten Vorkommen dieser Art in Deutschland: 1988 wurde das 12,4 Hektar große Gelände zum Naturschutzgebiet erklärt. Die gefährdete Pflanze steht auf der roten Liste und darf weder gepflückt noch ausgegraben werden. "Wir sind froh, dass sich die Leute vernünftig verhalten und die ausgeschilderten Gehwege nicht verlassen. Schließlich soll dieses einmalige Naturdenkmal keinen Schaden erleiden", sagt Naturschutzwächter Karl Rottler, der zur Zeit der Märzenbecherblüte verstärkt auf Patrouille ist. Denn neben der Entwässerung und Aufforstung von Moorflächen, der Umwandlung naturnaher Wälder sowie dem Wildverbiss trägt die Sammelleidenschaft sogenannter Naturfreunde zur Dezimierung der Pflanze bei. Aber Vorsicht: So harmlos schön die Frühlingsboten auch daher kommen - sie sind giftig und enthalten Alkaloide.

Nach vier Wochen ist alles vorbei und es kehrt wieder Ruhe ein in Ettenstatt. Dann erinnert nur noch der Märzenbecher im Gemeindewappen an die Sehenswürdigkeit. So lange, bis sie im nächsten Frühjahr wieder in natura zu bestaunen ist.

Die Gemeinde Ettenstatt bildet eine Verwaltungsgemeinschaft mit Ellingen und liegt acht Kilometer von der Kreisstadt Weißenburg entfernt. Der Weg zum Märzenbecherwald ist im Ort ausgeschildert.

Einen kleinen Ableger des Märzenbecherwaldes von Ettenstatt gibt es im Nürnberger Land: ein etwa 1,5 Hektar großes Laubwaldgebiet südlich der Ortschaft Algersdorf im Sittenbachtal. Die größten Vorkommen hier zu Lande sind im Auenwald Leipzig und im Stadtforst von Hameln registriert.