Am Ende des Festaktes lud Professor Werner Taegert, Direktor der Staatsbibliothek Bamberg, "in die kleinste Ausstellung ein, die wir je bestritten haben: Wir zeigen nur ein Buch". Eben das Lorscher Arzneibuch, das nunmehr offiziell in das Unesco-Register "Memory oft the World" eingetragen ist.

Obwohl diese Handschrift aus dem 8. Jahrhundert ohne den Glanz mittelalterlichen Buch schmucks äußerlich recht unscheinbar ausschaut, standen die Gäste der Feierstunde am Mittwoch fasziniert vor der Vitrine im abgedunkelten Schauraum. Sie spürten deutlich den "Atem der Weltgeschichte", der Bamberg erreicht und den Walter Hirche, Präsident der Deutschen Unesco-Kommission, förmlich mitgebracht hatte: Gemeinsam mit Werner Taegert enthüllte Hirche die Urkunde, die das Lorscher Arzneibuch in das Ensemble herausragender medizinischer und pharmazeutischer Schriften verschiedener Epochen und Kulturkreise aufnimmt. Zum Unesco-Welterbe "Memory oft he World" zählen entsprechende Dokumente aus Indien, der Türkei, Aserbaidschan, Korea und China.

Spaenle: Bamberg ist "Diamant in der Krone Bayerns"

Für den bayerischen Wissenschaftsminister Ludwig Spaenle ist die Auszeichnung dieser bibliophilen Kostbarkeit "der Nobelpreis, den schützenswerte Kulturgüter bekommen können". In seinem Grußwort würdigte der Minister den "einmaligen Standort Weltkulturerbe Bamberg" als "Diamant in der Krone Bayerns".

Rolf Griebel, Generaldirektor der Bayerischen Staatsbibliothek, sprach von der notwendigen "Bewahrung der unwiederbringlichen Materialität kulturellen Erbes für die künftigen Generationen". Die Bamberger Staatsbibliothek als "Schatzhaus, anerkannte Forschungsbibliothek sowie geistes- und kulturwissenschaftliches Kompetenzzentrum mit eigener Strahlkraft" habe internationales Format und vermöge, das kulturelle Profil Bambergs und der Region mitzuprägen, so Griebel. Die zweimalige Aufnahme in das Weltdokumentenerbe - zwei ihrer Reichenauer Bilderhandschriften aus der Zeit um 1000 gehören bereits seit 2003 zum Weltdokumentenerbe - würden die Bedeutung der Handschriftensammlung der Staatsbibliothek Bamberg unterstreichen.

Professor Joachim-Felix Leonhard, Vorsitzender des nationalen Nominierungskomitees "Memory of the World", stellte in seinem Festvortrag das Lorscher Arzneibuch ausführlich vor. Diese Handschrift mit 75 Kalbspergamentblättern entstand um 795 n.Chr. im Skriptorium des seit 1991 zum Weltkulturerbe zählenden Benediktinerklosters Lorsch in Südhessen. Dieses Kloster ist nach den Worten Leonhards das europäische Bildungs- und Wissenschaftszentrum in der Zeit des frühen Mittelalters und der karolingischen Renaissance.

Heilmethoden des täglichen Lebens

Das Lorscher Arzneibuch ist ein "Kompendium des medizinisch-pharmazeutischen Wissens, das erstmalig durch die Kompilation des anonymen Verfassers das Wissen um die Heilkunst aus der Antike aufnahmen", erklärte der Festredner. Die Lorscher Mönche haben aber nicht nur die Tradition der Antike niedergeschrieben, sondern auch Heilmethoden im täglichen Leben. Davon künden allein 482 Arzneimittelrezepte, die das bisher geltende Prinzip des "Wunders in der Heilung, also die Wunderheilung im Sinne von Gottgegebenheit" durch die ärztliche Grundmotivation "zum Nutzen der Schwachen, Heilung und Hilfe der Bedürftigen" ergänzen.

Seither galt die Behandlung von Kranken nicht mehr als unstatthafter Eingriff des Menschen in den Heilsplan Gottes, sondern als Akt christlich gebotener Nächstenliebe. So führt der Autor den Leser auch an die Frage heran, was denn überhaupt Ursachen für Erkrankungen sein könnten: "Denn aus drei Ursachen wird der Leib von Krankheiten befallen: aus einer Sünde, aus einer Bewährungsprobe und aus einer Leidensanfälligkeit". Nur dieser letzteren könne menschliche Heilkunst abhelfen, jenen aber allein die Liebe der göttlichen Barmherzigkeit.

Professor Leonhard machte in diesem Zusammenhang klar, dass dem Vorwort des Lorscher Arzneibuches eine herausragende Bedeutung zukommt. Denn es rezipiert zum einen die karolingische Antike, zum anderen verbindet es diese eben mit christlichen Grundüberzeugungen. So stellt die Handschrift einen "Meilenstein in der Medizingeschichte" dar mit seiner Neubewertung der antiken Medizin.

Eine zusätzliche Bedeutung gewinnt das Buch dadurch, dass es das einzige bekannte Verzeichnis einer kaiserlichen Bibliothek des Mittelalters enthält. Diese Bücherliste erlaubt es auch, die Geschichte des Lorscher Arzneibuches weitgehend zu rekonstruieren: Nach dem frühen Tod Kaiser Ottos III. im Jahr 1002 kam die Handschrift in den Besitz seines Nachfolgers Kaiser Heinrich II., der sie der Dombibliothek des von ihm 1007 gegründeten Bistums Bamberg schenkte. Von dort gelangte sie im Zuge der Säkularisation 1802/03 in die Kurfürstliche Bibliothek Bamberg, die heutige Staatsbibliothek.

Das seit 1992 bestehende Register des Weltgedächtnisses umfasst jetzt 299 Einträge aus 96 Ländern, davon 17 Einträge aus Deutschland. Das Internationale Komitee für das Unesco-Programm "Memory oft he World" hat auf seiner Tagung am 18. Juni 2013 in Südkorea das Lorscher Arzneibuch der Staatsbibliothek Bamberg in das Register des Weltdokumentenerbes aufgenommen, zusammen mit der Himmelscheibe von Nebra.



Risiken und Nebenwirkungen


Drei antik-frühmittelalterliche Rezepte aus dem Lorscher Arzneibuch, wie welche Krankheit mit welcher Dosierung und Mischung verschiedener Ingredienzen geheilt werden sollte. Risiken und Nebenwirkungen besprechen Sie mit Ihrem Arzt oder Apotheker.

- Rezept 146: bei beginnender Gicht. Mäste einen Esel zwei Wochen lang ausgiebig mit Kleie, schlachte ihn und öffne gleich seinen Bauch. Wer Schmerzen hat, soll seine Füße hineinstellen, solange er noch die animalische Wärme spürt. Freilich sollst du den Bauch in Decken hüllen und den Esel so in einen Korb mit Spreu legen.

- Rezept 3: gegen Kopfschmerz. Der Schlamm eines in Wasser aufgelösten Schwalbennestes, auf Stirn und Schläfen gestrichen, nimmt den Kopfschmerz.

- Rezept 138: ein Heilmittel für diejenigen, die Frauen nicht beschlafen können. 1 Unze makedonische Petersilie, 1 Unze Schlehenkerne, 1 ½ Unzen Rosinen, 1 ½ Unzen Pfeffer, abgeschäumter Honig in ausreichender Menge. Man nimmt davon jeweils einen vollen Löffel.