Thomas Eißing deutet auf eine Reihe kleiner Vierecke in einem vom Alter dunkel gewordenen Balken. "Das sind Abbundzeichen", erklärt der Bauforscher von der Bamberger Hochschule.

Markierungen wie diese hätten früher die Zimmerleute benutzt, um die in der Werkstatt vorbereiteten Teile von großen Holzkonstruktionen an Ort und Stelle richtig zusammenfügen zu können.

Etliche Balken auf dem Dach der ehemaligen Dominikanerkirche tragen solche Zeichen. Wer sie zu deuten weiß, erfährt etwas über die Logistik, die mit dem Aufrichten des größten mittelalterlichen Dachstuhls von Bamberg verbunden gewesen sein muss.

Das ist nur eine von vielen "Geschichten", die Eißing erzählt, wenn er durch die "hoch bedeutsame Dachkonstruktion" aus den Jahren 1401/1402 führt. Sie stellt das nach heutigem Erkenntnisstand älteste erhaltene Hallendachwerk Bayerns dar.

Seit der 2013 beendeten Sanierung darf sich der Dachstuhl eines weiteren Superlativs rühmen: Er beherbergt einen einmaligen - allerdings nichtöffentlichen - Lehrpfad: Angehende Denkmalpfleger sehen und lernen dort einiges, was nicht in ihren Büchern steht.

Eißing, Leiter des dendrochronologischen Labors (Dendrochronologie ist die Lehre vom Baumalter) der Otto-Friedrich-Universität, war von Anfang an eingebunden, als das Staatliche Bauamt die Sanierung des Dominikanerbaus in Angriff nahm.

Auch das Landesamt für Denkmalpflege unterstützte die Idee, das außergewöhnliche Dach in die Ausbildung von Kunsthistorikern einzubeziehen. So entstand ein fast 200 Meter langer Lehrpfad. Der besondere Clou: Die Besucherstege sind zugleich Teil des statischen Ertüchtigungskonzeptes.

Das über 600 Jahre alte Dachwerk hat im Lauf seines Bestehens viele Umbauten erlebt. 1450/51 und 1486/87 wurde der riesige offene Dachstuhl nachträglich stabilisiert und erhielt längs eine Dachstuhlkonstruktion. Der Blick vom Kirchenschiff zu den Ziegeln blieb bis in die Barockzeit 1715/1716 offen. Erst damals wurde jene Kastentonne eingebaut, die den geschlossenen Raumeindruck erzeugte, wie man ihn aus der Aula kennt.

Auch die lange Ära als Konzertsaal ist auf dem Dach des Dominikanerbaus weiterhin nachvollziehbar. Über dem Chor steht noch eine eigenartige Eisenkonstruktion. Sie bildete das Gegengewicht für einen schweren Vorhang, der im Saal die Akustik verbessern sollte.

"Über die historische Information und die Veränderungsgeschichte versteht man erst die Schäden." So erklärt Eißing, warum alle Beteiligten Wert darauf legten, dass bei der Sanierung nicht nur möglichst viel Originalsubstanz erhalten blieb, sondern auch alle Nutzungsänderungen und damit einhergehenden Eingriffe ablesbar sind. Anders ausgedrückt: Auch aus den Sanierungsfehlern in der Vergangenheit sollen die Denkmalpfleger von morgen lernen.

Dächer waren nach Eißings Worten sehr lange Stiefkinder der Kunsthistoriker. Das habe sich erst vor 20 oder 30 Jahren geändert. Entsprechend groß sei der Nachholbedarf in der Ausbildung.

Das uralte Dach des Dominikanerbaus ist für den promovierten Holzwirt Eißing wie ein spannendes Buch: Er versteht es, darin zu lesen und kann ihm eine Fülle von Informationen entnehmen. Auch über sein Spezialgebiet, die Altersbestimmung von Holz.

Am Beispiel vermeintlicher Astlöcher nimmt Eißing seine Zuhörer etwa mit auf einen Exkurs in die Flößerei. Denn: Was wie Astlöcher aussieht, sind Keile, mit deren Hilfe die Flösser einst die Stämme für den Transport auf dem Wasserweg zusammengehalten haben. Fachleute könnten allein aus der Form der Keile auf die Herkunft der Bäume schließen, erklärt der Bamberger. Das im Dominikanerbau verarbeitete Nadelholz stammt aus dem Frankenwald. Es trägt die für Kronacher Flösser typische Keilform.

Dabei scheint es eher untypisch zu sein, dass in kirchlichen Bauwerken geflösstes Holz verwendet wurde. Die Erklärung des Bamberger Experten leuchtet ein: Die Kirchen besaßen eigene Wälder in der Umgebung von Bamberg und ließen das Baumaterial von dort holen. Die Dominikanerkirche bildete insofern eine Ausnahme, als sie von einem Bettelorden errichtet wurde. . .

Diesem Umstand wiederum ist die Bauweise des Dachs zu verdanken; es entspreche eigentlich dem einer Scheune, sagt Eißing. Die Bauherren im 15. Jahrhundert hätten keinen Wert auf ein repräsentatives Gotteshaus gelegt: Die Kirche habe bewusst dem einfachen Lebensstil der Ordensleute entsprechen sollen. An der Holzqualität haben die Dominikaner zum Glück nicht gespart - sonst gäbe es diesen besonderen Lehrpfad vermutlich nicht.