Es ist kein Anhimmeln. Kein Mitleid. Kein, "den kenne ich doch aus dem Fernsehen". Es ist dieses lebendig sein. Anders sein. Anders sein müssen, und trotzdem voll und ganz zu sein. Es ist dieser Durst nach Leben - der einem am Sonntagabend angesteckt hat.

Am Wahlsonntag ließen Samuel Koch und Samuel Harfst mit Band dem Publikum keine Wahl: Fern ab vom politischen Tagesgeschehen veranstalteten fünf Künstler keine Show, sondern rührten mit Musik und Textpassagen aus Samuel Kochs Buch "Zwei Leben" die Zuschauer ans Innerste. Eingeladen in das "Wohnzimmer des Weißen Lamms" in Walsdorf hatte die evangelische Kirchengemeinde.

Küssen erwünscht

"Es ist so urgemütlich bei euch", begrüßt Samuel Harfst die Walsdorfer und flüstert seinem Freund Samuel Koch zu: "Glaubst du, wir dürfen uns hier ein Bier bestellen?"

Flüstern mit Mikrofon ist nicht möglich. Das Publikum bekräftigt das Vorhaben mit Applaus. "Also wer etwas dagegen hat, dass sich fünf junge Männer ein Feierabend-Bier genehmigen, möchte sich jetzt erheben oder für immer schweigen."

Damit war die Nähe zum Publikum - oder anders herum, die Nähe zu den Künstlern auf der Bühne - hergestellt. Eine kleine Bühne, nach ausverkauften Auftritten in Hamburg, Köln und Berlin. Keyboard, Schlagzeug, Gitarren, eine Leselampe und zwei gemütliche Ohrensessel.

Die Konzertlesung "Samuel & Samuel" berührt, weil die Begeisterung der Interpreten ehrlich ist und man spürt, wie sie sich ohne Drehbuch neu auf jeden Abend einlassen.

Kein Einzelschicksal

Samuel Koch, im Dezember 2010 bei "Wetten Dass...?" verunglückt, sitzt in einem Ohrensessel. Die Beine überschlagen, den Kopf in den Nacken gelegt - man erkennt es in seinen leuchteten Augen und an der Bewegung seiner Lippen, dass er sich von den Melodien mitreißen lässt.

Samuel Koch ist seit dem Unfall Tetraplegiker. Eine teilweise vorhandene Tiefensensibilität und die kräftige Schultermuskulatur ermöglichen ihm, begrenzt etwas zu spüren - und küssen kann er natürlich noch. "Je nach Attraktivität, ist küssen erwünscht", erklärt er seinem Freund und Sänger Samuel, der ihn fragt, wie man ihn denn am besten begrüßt.

Es sind gerade diese alltäglichen Kleinigkeiten, Berührungsängste und gedankliche Barrieren, die ein Leben mit Behinderung in der Gesellschaft mühsam und "nicht-normal" erscheinen lassen. Dabei ist Samuel Koch kein Einzelschicksal. Aber es ist die tragische Geschichte eines jungen Mannes, dessen Leben sich in 60 Millisekunden für immer veränderte - und das in der Öffentlichkeit.

Es ist eine Mischung aus Erschöpfung und Erschrecken an diesem Abend, vor dem, was ein Mensch alles aushalten kann. Es ist Hoffnung und Sehnsucht, zu erkennen, dass man noch viel in der Gesellschaft verändern muss, bis man von Chancengleichheit sprechen kann. Junge Menschen, mit und ohne Behinderung, im Publikum, auf der Bühne, versuchen klar zu machen, dass es normal ist, verschieden zu sein.

Obwohl Barrierefreiheit groß geschrieben wird, eine gepflasterte Fußgängerzone bedeutet für einen Rollstuhlfahrer, dass sein ganzer Körper Zentimeter für Zentimeter durchgeschüttelt wird - und das ist oft mit starken Schmerzen verbunden. Samuel Koch erzählt, wie es ihm ergangen ist: "An diesem Tag habe ich begriffen, dass ich nicht mehr laufen kann."

Genau in diesem Moment steht Jessica im Publikum auf. Nur mit Hilfe ihrer Mutter, die geübten Schrittes ihre behinderte Tochter stützt, kann sie laufen. Aber Jessica kann laufen.

Während Klänge von Samuel Harfst leise nachklingen, hört man immer wieder die letzten Sätze aus Kochs Buch. Gänsehaut, Tränen und zwischendurch ein erlösendes Lachen: Weil Samuel Koch nichts als Zuversicht versprüht. Letzte Worte, die Mut auf mehr Leben machen. Von einem Menschen, der immer wieder seinen Arm bewegt, obwohl er ihn eigentlich gar nicht spüren kann. Samuel Koch hat in den letzten drei Jahren aus seinem Zustand gelernt: "Zufrieden sein, aber sich noch nicht zufrieden geben."