Als mein Vater starb, war ich acht. Kurz vor ihm war ein Opa von mir beerdigt worden. Besuche an ihren Gräbern waren für mich als Kind eine Selbstverständlichkeit. Nicht unbedingt von mir geliebt, aber auch nichts, was mich abgeschreckt hätte. Ich lernte Friedhofsgänge als Teil des Lebens, ja des Familienlebens, kennen.

Heute scheint das nicht mehr so zu sein. Kinder sind zwischen den Grabreihen nicht mehr oft zu sehen. Das beobachtet Peter Oster, Abteilungsleiter Friedhofswesen im städtischen Garten- und Friedhofsamt. Er berichtet auch von Gesprächen mit Erwachsenen, mit Eltern, die unsicher sind, ob sie ihren Kindern eine Beerdigung oder Aussegnungsfeier zumuten können.
Osters Rat lautet gewöhnlich, die Kinder mitzubringen. Nicht immer folgen die Eltern seiner Empfehlung. Manche bleiben einer Beerdigung fern, wenn sie keinen "Babysitter" finden

Besorgnis erregende Entwicklung


Diese Entwicklung bereitet den Verantwortlichen im städtischen Garten- und Friedhofsamt Sorge. Nicht nur, weil sie - auch angesichts des anhaltenden Trends zur Urnenbeisetzung - um die traditionelle Friedhofs- und Grabkultur fürchten.
Amtsleiter Robert Neuberth, selbst Vater, warnt: Eltern würden ihren Kindern nichts Gutes tun, wenn sie von ihnen alles fern zu halten versuchten, was mit Tod und Friedhof zu tun hat. Kinder würden viel unbefangener an das Thema herangehen, als es manche Mütter und Väter für möglich halten. Das bestätigt der neue Meister im Friedhofsamt, Wolfgang Hollmach. Er erlebt es gerade mit einer kleinen Nichte: Das Mädchen wolle wirklich "alles" über seinen Arbeitsplatz Friedhof wissen.

"Die Kinder sind sehr aufgeschlossen und neugierig", sagt Oster. Sie seien interessiert an den Abläufen in einem Friedhof, empfänden noch nicht die Scheu der "Großen", würden unbefangen über das Sterben und den Tod sprechen und nachdenken.

Er hat es bei zwei Führungen erlebt, die das Amt auf Initiative einer Erzieherin und eines Religionslehrers gehalten hat. Ein Junge wollte zum Beispiel wissen, wie viel Asche von einem Menschen übrig bleibt, der verbrannt wurde. Ein anderes Kind interessierte sich dafür, wie es im Boden weitergeht. "Wir haben ihnen die Fragen in ruhiger Atmosphäre beantwortet", so der Abteilungsleiter.
Den Führungen ging jeweils ein Gespräch in der Aussegnungshalle voraus, in dem den Kindern die Besonderheiten eines Friedhofsbetriebs erklärt wurden.
Das Interesse der jungen Besucher ließ im Friedhofsamt die Idee reifen, Führungen für Kinder bis zehn Jahren gezielt anzubieten. Noch ist das Angebot wenig bekannt. Organisiert wird es über das städtische Kulturamt im Projekt "Kulturklassen".


Trauerkultur verändert sich


Die Intention von Neuberth und seinem Team ist, Kinder wieder frühzeitig an ein Thema heranzuführen, mit dem sie zwangsläufig in ihrem Leben konfrontiert werden. In das sie aber nicht mehr hineinwachsen, wie Kinder früherer Generationen, als die Menschen zumeist noch zu Hause starben. Sie sollen bei den Führungen den Friedhof aber auch als Lebensraum für Tiere und Pflanzen und als Ort der Geschichte kennen lernen.

Das Ende des Lebens ist kein selbstverständlicher Bestandteil des Alltags mehr. Vor allem auf dem Dorf waren Kinder noch oft am Sterbebett von Tante oder Nachbarin dabei. Sie erlebten das Ende eines Lebens, wurden Zeugen von Trauerritualen. Neuberth: "Da hatten Kinder noch eine Vorstellung davon, wie ein toter Mensch aussieht."

Die heutige Elterngeneration kennt diesen selbstverständlichen Umgang mit dem Sterben schon nicht mehr. Deshalb könne sie ihn auch nicht weitergeben, glaubt der Amtsleiter. Die Konsequenz, die das Friedhofsamt daraus zieht: "Wir müssen andere Wege finden, wie man für Kinder Berührungspunkte mit dem Sterben und Tod schafft."


Alte Rituale gingen verloren


In der Stadt, in Bamberg, gingen noch früher als auf dem Land die Rituale verloren. In den 1960er Jahren wurde das zentrale Leichenhaus an der Hallstadter Straße gebaut, mit Kühlmöglichkeiten und einer Glasscheibe zwischen dem Verstorbenen und den Trauernden.
Vor allem hygienische Gründe seien für diese Entscheidung ausschlaggebend gewesen, sagt Neuberth. Es habe sicher Anlass gegeben, das Aufbahren zu Hause abzuschaffen; der Umstand hat nach seiner Überzeugung aber dazu beigetragen, dass nachwachsende Generationen den Umgang mit dem Themenkomplex Sterben und Tod verdrängt und verlernt haben.

Oster sieht weitere Gründe. Die Grabpflege spielte in heutigen Familien nicht mehr die Rolle wie in der Großeltern-Generation. Der Trend zur Einäscherung fördert dies noch; ihr Anteil liegt in Bamberg inzwischen bei 50 Prozent. Dass Hinterbliebenen später oft ein Ort für Kerzen oder Blumen als Ausdruck der Trauer fehlt, sei ein anderes Thema, meint der Abteilungsleiter Friedhofswesen.

Selbst die veränderten Familienstrukturen tragen seiner Meinung nach dazu bei, dass immer mehr Kinder im Grundschulalter noch nie auf dem Friedhof waren: Oma und Opa, in deren Begleitung Jungen und Mädchen noch am ehesten Gräber besuchen würden, wohnen oft weit weg. Und ihre Eltern hätten - von Tagen wie Allerheiligen abgesehen - keine Zeit dafür oder selbst keinen Zugang mehr zum Thema.