Die Vormittagssonne strahlt durch die großen Fenster. Wenn Bruno Kellner hinausschaut, sieht er das Zentrum des Rattelsdorfer Geschehens: Direkt vor ihm liegt der Bauhof, etwas dahinter das Feuerwehrgebäude, zur Rechten die Grund- und Mittelschule. Aktuell wird die Aussicht allerdings von wahren Aktenstapeln getrübt, die das Fensterbrett in Beschlag nehmen. "Ich bin gerade am Aufräumen", gesteht Kellner (VU) mit einem entschuldigenden Lächeln. "Normalerweise sieht es hier ordentlicher aus..."

Der Erste Bürgermeister des Marktes Rattelsdorf empfängt uns in seinem großzügigen Büro im ersten Stock des Rathauses. Eine freundliche, warme Atmosphäre strahlt der Raum aus: Helle Holzmöbel, Bilder an den Wänden. Auf dem riesigen Schreibtisch liegen Äpfel und eine Banane. In einer Vitrine dahinter verschiedenste Gaben ortsansässiger Vereine an ihr Ehrenmitglied. Persönliche Gegenstände findet man jedoch kaum in Kellners Büro. Die Privatsphäre seiner Familie ist ihm wichtig, deswegen findet das Interview auch hier statt und nicht bei ihm zu Hause.


Die Begeisterung seiner Frau für die Kandidatur ihres Mannes hielt sich denn auch zunächst in Grenzen: "Ich habe lange mit meiner Frau gehadert, ob ich meinen Hut in den Ring werfen soll", erzählt er. Nachdem ihn aber politische Weggefährten mit der Warnung "Wenn du nicht antrittst, ist die Wahl schon entschieden" darin bestärkt hätten, entschloss Kellner sich dazu, für die Freien Wähler beziehungsweise die Überparteiliche Wählergemeinschaft (ÜWG) anzutreten und somit vor allem der CSU Konkurrenz zu machen.

Seine Frau sowie seine beiden Kinder unterstützen ihn - aber eben unter der Bedingung, dass Privates privat bleibt. Und mittlerweile wissen sie auch: Bruno Kellner ist Kommunalpolitiker mit Leib und Seele, halbe Sachen sind sein Ding nicht. "Ein Jein gibt es da nicht!" Seit er 2005 nach einer Stichwahl überraschend ins Rattelsdorfer Rathaus einzog, hatte er "maximal fünf, sechs Tage Urlaub pro Jahr", an einem einzelnen Wochenende fallen gut und gerne mal acht, neun oder mehr Termine an. Aber: "Mein Herz hängt an der Kommunalpolitik." Dazu kommt noch die Arbeit in den zahlreichen Ausschüssen im Kreistag Bamberg, dem er ebenfalls angehört.

Start als Seiteneinsteiger
Dabei hatte der Seiteneinsteiger vor seiner Wahl zum Bürgermeister "überhaupt nichts mit Politik zu tun": Der gebürtige Rattelsdorfer hatte sich nach seiner Ausbildung in der Arbeitsverwaltung - damals noch im Arbeitsamt Bamberg - nach und nach über den mittleren bis in den gehobenen Staatsdienst hochgearbeitet und war vor seinem Wechsel in die Politik in leitender Position in der Zentrale der Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg tätig. Gerade dieses "gerüttelt Maß an Erfahrung", glaubt Kellner, sei sicherlich hilfreich - nicht nur in seinem jetzigen Job als Bürgermeister, sondern auch für den Posten des Landrates: "Ich bringe ein breites Spektrum an Verwaltungserfahrung auf den verschiedensten Positionen mit und habe schon Behörden von bis zu 160 Personen geführt."

Zusammen mit der politischen Erfahrung aus der Kreistagsarbeit und dem Bürgermeisteramt sieht Bruno Kellner sich damit bestens gerüstet für das Landratsamt. Das erste, was er als neuer Chef dort machen würde, wäre eine Art Mitarbeiterversammlung zum gegenseitigen Kennenlernen einzuberufen - und er würde sein Gehalt kürzen: "Ich würde sofort um zwei Gehaltsstufen zurückgehen und das Geld, dass dadurch frei wird, für soziale Zwecke zur Verfügung stellen, vielleicht in Form einer Stiftung."

Er, der aus einfachen Verhältnissen stammt (die Eltern hatten eine kleine Landwirtschaft) und stolz darauf ist, alle bisherigen Wahlkämpfe aus eigener Tasche finanziert zu haben, findet, dass man das den einfachen Bürgern schuldig sei: "Ein Landrat sollte da mit gutem Beispiel vorangehen", sagt er, und spielt damit auch auf den Miesbacher Landrat und die Affäre um seine Geburtstagsfeier an.

Der Garten bleibt auf der Strecke
Sollte Bruno Kellner zum Landrat gewählt werden, freut er sich besonders darauf, "aktiv gestalten zu können. In einem Bürojob, wie etwa bei der Agentur für Arbeit, arbeitet man auch immer viel für die Schublade. Als Landrat kann man das, was man anpackt, mit dem Kreistag zusammen in die Tat umsetzen und man sieht ein Ergebnis." Außerdem bereite es ihm viel Spaß, mit Menschen umzugehen, oder, wie er es ausdrückt: "Nicht vor den Menschen wegzulaufen, sondern mit ihnen zu arbeiten." Viel Zeit für seine Hobbys bleibt da nicht: Das Tennisspielen leidet schon eine ganze Weile unter dem vollen Terminplan Kellners. Und auch im Garten, in dem er gerne Holz hackt oder anderweitig vor sich hin werkelt, ist einiges liegen geblieben. Fest eingeplant sind aber auch für dieses Jahr eine Bergwander-Tour, auf die er sich regelmäßig mit Freunden begibt, sowie die Treffen der KAB Medlitz. Die Medlitzer KAB-Freunde waren es auch, die ihren Schriftführer 2005 auf die Idee brachten, als Bürgermeister zu kandidieren.
Damals ging es darum, eine durchaus konservativ geprägte Alternative zum CSU-Kandidaten zu bieten, den manche schon als sicher gewählt ansahen. Und auch für die jetzige Landratswahl lässt sich diese Motivation nicht ganz von der Hand weisen. Trotz eines "konservativen Touchs" legt Bruno Kellner aber Wert darauf, sich nicht von Parteilinien vereinnahmen zu lassen: "Deswegen trete ich für die Freien Wähler und die ÜWG an: Ich möchte frei sein in meiner Meinungsäußerung und nicht in eine Parteirolle gedrängt werden!" Weniger mit der Parteizugehörigkeit als mit seiner Person selbst die Wähler zu überzeugen, sei sein Ziel.
Ob ihm das gelingt? Der 16. März wird es zeigen. Bruno Kellner gibt sich "nicht unzuversichtlich" und hofft auf eine Stichwahl. Erfahrung mit einer solchen hätte er ja.