Als Eva-Ute Jacob vor vielen Jahren in der Molitor-Mühle arbeitete, hat sie es entdeckt. Es wäre sonst vielleicht lange schon in Vergessenheit geraten, zumal es nicht eben auffällig ist: Am Eckstein des Gebäudes befinden sich, knapp über dem Boden, zahlreiche tiefe Rillen im Sandstein.

Die geschichtsinteressierte Bambergerin machte sich sofort daran, herauszufinden, was es mit den tiefen Kerben auf sich hat, und stieß auf folgende Legende: "Die schone Kunigunde soll einmal einem attraktiven Reisenden begegnet sein und sich Hals über Kopf in ihn verliebt haben." Als sie ihm ihre Liebe gestand, offenbarte er ihr seine wahre Identität: Es handelte sich um den Teufel. Erschrocken rannte Kunigunde davon, er aber wollte sie fangen und raste hinter ihr her.

Die Verfolgungsjagd ging über die Mühlbrücke bis zu eben jener Ecke des Molitorhauses, wo er sie fast erwischt hatte. Stattdessen bekam er allerdings nur das Hauseck zu fassen und rammte seine Klauen tief in den Sandstein, während Kunigunde durch die Concordigasse Richtung Stephansberg entkam.

Ein zweites Mal wurde der Teufel ihrer in der Concordigasse am Haus der Familie Tröster beinah habhaft, auch hier sind am Eck noch Rillen zu sehen, allerdings zugespachtelt.

Eine schöne Geschichte, doch wie kamen die Rillen wirklich an Ort und Stelle? Denn dass sie nicht durch eine Teufelspranke entstanden sind, durfte jedem klar sein - und wenn er noch so sehr an Schauergeschichten glaubt.

Rillen wie diese finden sich an zahlreichen Stellen in ganz Deutschland. Und es gibt auch ebenso zahlreiche Erklärungsansätze für diese senkrechten, oftmals recht tiefen Einritzungen. Eine Erklärung lautet, Soldaten hatten hier ihre Schwerter wahlweise geschärft oder, wenn sich die Abschürfungen an Gotteshäusern befinden, gesegnet.

Arznei Steinpulver

Eine andere besagt, dass man im Mittelalter Steinpulver als Arznei verwendete und die Menschen es hier herausschabten. Eine weitere Vermutung ist, dass die Rillen beim Funkenschlagen entstanden. Dafür spräche auch, dass sie sich - anders als in Bamberg - häufig in einer Höhe befinden, in der sich diese Handbewegung gut ausfuhren lasst, und meistens an öffentlichen Gebäuden auszumachen sind. Diese Theorie wird dadurch gestützt, dass die Wetzrillen in der Mitte meist tiefer und starker ausgeprägt sind als an den Rändern. Probiert man die Bewegung, die gewissermaßen die des Holzhackens im Kleinen ist, einmal aus, stellt man fest, dass man mit der Hand eine halbkreisförmige Bewegung macht - also in der Mitte am meisten Schwung hat und am tiefsten in den Stein eindringen wurde.

Ob sich der Sandstein tatsächlich eignete, um ein Feuer daran zu entzünden - auch darüber gibt es gänzlich unterschiedliche Meinungen. Der Autor Georg Steffel hat sich akribisch mit den Wetzrillen auseinandergesetzt, Theorien aufgegriffen und hinterfragt und schließlich bilanziert: "Es muss einen konkreten Grund geben, weshalb die Rillen in der Nähe von Türen und Toren entstanden sind." Und noch dazu eben an Gebäuden, in denen viele Menschen zusammentrafen.

"In allen Fällen wird das Bedürfnis bestanden haben, beim Verlassen der Gebäude nach Eintritt der Dunkelheit Licht zu machen, eine Laterne zu entzünden oder etwa eine Tabakspfeife in Brand zu setzen."

Die Sache mit dem Feuer

Übrigens: Steffel hat selbst ausprobiert, ob sich an Sandstein Feuer schlagen lasst, und dabei keine Mühe gescheut. Er schreibt: "Es bleibt festzustellen, dass es möglich ist, ohne besonderen Aufwand und mit Regelmäßigkeit Feuer aus Sandstein zu entfachen. Quod erat demonstrandum." Zu Deutsch: Was zu beweisen war. So weit, so spannend.

Doch für die Wetzrillen an dem Bamberger Mühleck - die übrigens viel tiefer sitzen als in den meisten anderen Städten - hat Eva-Ute Jacob noch eine andere Erklärung: "Die Müller, die hier in der Mühle gearbeitet haben, haben den groben Sandstein genutzt, um ihre Messer und Werkzeuge daran von Eisenspanen und Schmutz zu befreien." Mit dem Teufel hatte all das also rein gar nichts zu tun! Und auch nicht mit einer verliebten Kunigunde.

Aber vielleicht haben die Müller, die hier ihre Messer säuberten, den schönen Mädchen, die über die Obere Mühlbrücke spazierten, feurige Blicke zugeworfen?

Unser Adventskalender Serie Viele Merkwürdigkeiten Bambergs enthüllen wir in diesem Jahr in unserem Adventskalender. Die einzelnen Folgen entstammen dem Buch "Bamberger Geheimnisse - Spannendes rund um das Weltkulturerbe mit Kennern der Stadtgeschichte", das im Verlag Bast Medien in Kooperation mit dem Fränkischen Tag erschienen ist. Es hat 192 Seiten, kostet 19,90 Euro (ISBN: 978-3-946581-54-3) und ist erhältlich in den Geschäftsstellen des Fränkischen Tags, in Buchhandlungen und online auf der Homepage www.bast-medien.de. Termin Am 7. Dezember um 16 Uhr laden wir zur Buchvorstellung und Signierstunde mit der Autorin Eva-Maria Bast in die FT-Geschäftsstelle in der Bamberger Innenstadt, Austraße 14, ein.