Es war eine eindrucksvolle Demonstration der Solidarität. Als sich Parteivorsitzender Horst Seehofer bei dem tags zuvor von seinem Amt als Bundeslandwirtschaftsminister zurückgetretenen Hans Peter Friedrich für dessen Arbeit bedankte, war kein Halten mehr. Die Delegierten standen auf, lang anhaltender Applaus für einen, der nur wenige Stunden zuvor die wohl bittersten Stunden seiner politischen Karriere erlebt hatte.

Friedrich hatte sein Amt zurückgegeben, weil er SPD-Chef Sigmar Gabriel darüber informiert hatte, dass der SPD-Innenpolitiker Sebastian Edathy ins Visier der Justiz geraten ist. Der damit einhergehende Vorwurf: Bruch des Dienstgeheimnisses.

Die von Zuneigung und Sympathie getragene Geste der Parteitagsdelegierten mag dem zuletzt so arg Gebeutelten gut getan haben. Rein äußerlich ließ sich Friedrich nichts anmerken. Er hatte sich zuvor schon mit einer bemerkenswerten Gelassenheit den immer wieder gleichen Fragen der Medienvertreter gestellt, die ihn nahezu keine Minute unbehelligt ließen. Und immer wieder verwies Friedrich zur Rechtfertigung seines Vorgehens darauf, dass die Informationen über Edathy politisch relevant gewesen seien, nicht strafrechtlich. Andernfalls hätte er sich gegenüber der SPD sicher anders verhalten.

Neues Drehbuch

Für den kleinen Parteitag der CSU, dessen thematischer Schwerpunkt eigentlich die Kommunalpolitik sein sollte, musste dennoch ein neues Drehbuch geschrieben werden. Natürlich wurde die Tagesordnung professionell abgespult, aber bei den Gesprächen am Tisch, auf dem Weg ins Foyer, überall bestimmte nur ein Thema die Diskussion - Friedrich.

Hans Michelbach aus Coburg, Vorsitzender der CSU-Mittelstandsunion, zeigte sich von der Entwicklung tief betroffen, stärkte Friedrich den Rücken. Seiner Meinung nach seien dem Ex-Minister weder politische noch rechtliche Fehler vorzuwerfen. Die SPD müsse sich nun die Frage stellen lassen, was sie mit Friedrichs Hinweis gemacht habe. Hier bestehe noch Aufklärungsbedarf. Michelbach verwies auf die Zwickmühle, in der sich Friedrich befunden habe. "Stellen Sie sich vor, wenn Edathy plötzlich Justizminister geworden wäre? Und Friedrich hätte im Vorfeld von den Verdächtigungen und Ermittlungen gewusst, aber nichts gesagt?"

So wie Michelbach dachten viele CSU-Delegierte in der Bamberger Kongresshalle. Monika Hohlmeier (Bad Staffelstein) fühlte sich an ihre eigene politische Vergangenheit erinnert. Damals, als Kultusministerin, habe sie sich in einer ähnlich vertrackten Situation befunden. "Irgendwann kommt dann der Zeitpunkt, da kannst du eigentlich nichts mehr richtig machen," so die oberfränkische Europaabgeordnete. Die im übrigen wegen der Entwicklung um Friedrich nicht nur sichtlich gefrustet war, sondern auch an der Haltung der niedersächsischen Justizbehörden kein gutes Haar lassen wollte.

Günther Beckstein, in vielen Jahren politisch gestählter Ex-Ministerpräsident aus Nürnberg, fand nicht nur Worte des Bedauerns für Friedrich, sondern auch Worte des Trostes. "Es geht für ihn weiter," sagte der frühere Regierungschef. Einer, der es wissen muss.

Friedrich ging vorzeitig

Bayerns Gesundheitsministerin Melanie Huml aus Bamberg zeigte sich menschlich berührt. Die Zusammenarbeit mit Friedrich sei immer eine sehr gute gewesen. Man habe sich stets auf ihn verlassen können, erklärt sie im Gespräch im Foyer der Kongresshalle. Als Friedrich dort ebenfalls auftaucht, eilte sie gleich hin zu ihm. Friedrich wahrte Contenance. Versuchte zur Tagesordnung überzugehen. Er sei jetzt auf dem Weg nach Helmbrechts, erklärt er, warum er den Parteitag bereits verlasse. Dort gelte es Wahlkampf zu machen. Immerhin, es stehen Kommunalwahlen an.

Auch Horst Seehofer steht zu Friedrich. Das hatte er zu Beginn des Parteitags unmissverständlich zum Ausdruck gebracht. Und in Richtung SPD gleich nachgelegt. Es gebe da noch eine Menge Fragen warnte der CSU-Chef. Etwa, unter Anspielung auf Rücktrittsforderungen aus Reihen der SPD Schleswig-Holstein, wie sich die SPD den Umgang mit ihren Koalitionspartnern vorstelle. Oder wie man Wortbruch begehen konnte, indem man vertrauliche Informationen öffentlich machte.

Seehofer wollte im übrigen über eine Nachfolge für Friedrich als Landwirtschaftsminister nicht weiter spekulieren. Das werde am Wochenende geklärt, hieß es. Namen werden bereits genannt. Die Unterfränkin Dorothe Bär etwa, oder die Mittelfranken Stefan Müller und Marlene Mortler. Ein CSU-Insider, der Seehofer gut kennt, konnte wegen der Spekulationen nur lächeln. Der Parteichef werde sich das auf der Fahrt nach München gut überlegen. Möglicherweise mit einem Ergebnis, mit dem keiner gerechnet hat.