Die Liste ist lang. Sie enthält 125 Namen. Junge Familien, Senioren, Alleinerziehende, Bamberger, aber auch Umlandbewohner. Sie alle interessieren sich für eine der 100 Wohnungen, die schon Mitte nächsten Jahres dort angeboten werden könnten, wo heute kein Deutscher ohne Passierschein hinein darf. Auf dem Gelände der Pines-Area am Rande der US-Kaserne.

Dort hat ab Frühling 2015 nicht mehr die US-Armee das Sagen, sondern die Bundesrepublik. Das hat Auswirkungen auf eine Stadt, die in den letzten Jahren vom Bau von Studentenwohnungen und Luxusappartements für so genannte Besserverdiener und Investoren geprägt war.


Was möglich wäre
Der Blick hinter den Kasernenzaun gleich neben der Zollnerstraße ist für Wohnungssuchende durchaus verführerisch: Er zeigt, was auch in Bamberg möglich wäre, wenn man nur wollte. Die Wohnungen sind ungewöhnlich großzügig geschnitten, sie haben 100 bis 130 Quadratmeter Fläche, viel Platz auch vor der Haustür und, was am wichtigsten ist: Sie könnten erschwinglich sein. Auf 6,50 Euro pro Quadratmeter taxiert Heiner Kemmer, Chef der Stadtbau GmbH, den voraussichtlichen Mietpreis für die 100 Wohnungen. Dass sich die Interessentenliste nach nur zwei Artikeln in unserer Zeitung rasch gefüllt hat, wundert den erfahrenen Immobilienfachmann nicht: "Es sind gerade solche Wohnungen, die in Bamberg fehlen."

Wann die ersten Bewohner an der Zollnerstraße einziehen können, ist dennoch ungewiss, man spricht vom Herbst 2015. Die Verhandlungen zwischen Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima), Stadt und Stadtwerken gestalten sich langwierig. Das hat nicht allein mit den technischen Problemen wie der Beheizung der Häuser, der Verlegung des Zauns oder der Tatsache zu tun, dass immer noch keine deutsche Behörde die Wohnungen untersuchen durfte.

Tückenreich sind vor allem die Details des Gestattungsvertrages, den Bund und Stadt schließen müssen. Fragen tauchen auf: Zu welchen Konditionen könnte die Stadtbau die Wohnungen im Anschluss an die Vermietung übernehmen, was ihr erklärter Wille ist? Welche Gebühren werden inzwischen fällig? Und vor allem: Wie geht es weiter mit dem Gesamterwerb von 450 Hektar Kasernenfläche, wie ihn die Stadt zum Ziel erklärt hat.


Heizung bleibt an
Im Gespräch mit unserer Zeitung bekundet Larissa Komnick von der Bima den Willen der Bundesbehörde, die Liegenschaften der Kaserne möglichst ohne Unterbrechung einer Nachnutzung zuzuführen. Komnick verspricht, dass sämtliche Wohnungen durch den nächsten Winter hindurch frostfrei gehalten werden. Das Interesse dahinter ist klar. Es geht weniger um das Herz der Bundesrepublik für Wohnungssuchende: Jede Form von Nichtnutzung und Verfall vermindert den Wert der Immobilien und auch der Grundstücke.


Wald holt sich die Siedlung zurück
Zum Beispiel, die Flynn-Area entlang der Pödeldorfer Straße. 610 Wohnungen und 33 Einheiten in den Offiziershäusern der Natosiedlung blicken hier einer ungewissen Zukunft entgegen. Nicht wenige Besucher des letzten Konversionssenats haben irritiert festgestellt, dass dieser Riesenbestand an Häusern im städtebaulichen Entwicklungskonzept von Kunibert Wachten nicht mehr auftaucht. Die ganze Siedlung ist verschwunden. Einer Grünfläche gewichen, die sich künftig nördlich der Pödeldorfer Straße bis zur Autobahn erstrecken soll. Die Bäume könnten sich gewissermaßen den angestammten Raum zurückerobern. Dort, wo heute noch die Häuser stehen, liest man nur noch das Wort "Hauptsmoorwald".

Wird hier dringend benötigter Wohnraum dem Abbruchbagger geweiht? Christian Hinterstein widerspricht. Der Bamberger Konversionsreferent verteidigt den Vorschlag des Stadtplaners als eine Variante, über die man nachdenken können müsse. Denn anders als für die Pines-Area bestehe für die Häuser an der Pödeldorfer Straße kein vorrangiger Bedarf. Das heißt: Bamberg könne seine seine städtebaulichen Ziele von 74.000 Einwohnern auch "ohne" erreichen.

Doch es ist fraglich, ob die Planer beim Abriss eines ganzen Stadtteils auf die Bevölkerung zählen können. Vor der Kommunalwahl hatten Politiker aller Couleur erklärt, dass mit ihnen der Abbruch funktionierender Bausubstanz nicht zu machen sei. Und heute? "Für die CSU hat sich nichts geändert. Intakten Wohnraum abzubrechen, wäre Vernichtung von Volksvermögen", sagt Fraktionschef Helmut Müller. Gegen eine Politik mit der Brechstange plädiert auch die Grüne Ursula Sowa. "Der Abbruch wäre Wahnsinn."


Kommentar: Kleckern reicht nicht
Wie lange musste Bamberg warten? 42 Jahre nach der verhängnisvollen Gebietsreform bietet der Abzug der Amerikaner die Chance, den Missstand einer falschen Konfektionsgröße zu korrigieren. Die Stadt kann die Zwangsjacke endlich abstreifen. Sie kann ihren natürlichen Anforderungen entsprechend wachsen und die Wohnwünsche ihrer alten und neuen Bevölkerung besser befriedigen.Oder muss man besser sagen, sie könnte?

Der Plan, auf dem ein ganzes Wohnviertel ausgelöscht ist, mag dem taktischen Wünschen der Stadt nach viel Grünflächen und einem sich daraus ergebenden günstigeren Preis für die Konversionsflächen geschuldet sein - öffentlich vermittelbar und politisch umsetzbar ist er nicht.

Diese Wohnungen, die sich nach Aussagen des Staatlichen Bauamts in gutem Zustand befinden, bieten genau das, was viele Bürger wünschen, aber in Bamberg fehlt: ausreichend Wohnfläche zu einem bezahlbaren Preis.

Zur Zeit entstehen in der Stadt etliche Neubauprojekte im Bestand. Brachflächen und sogar Parkplätze werden mit teils hohem Aufwand reaktiviert. Erstmals will der Stadtrat eine verbindliche Sozialquote einführen. Gut so! Doch das alles ist nur ein Tropfen auf dem heißen Stein.

Bamberg muss beim Wohnungsbau klotzen. Kleckern reicht nicht.

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