Emad Esser darf an diesem verregneten Dienstag vor bundespolitischer Prominenz den Testsyrer spielen. Esser stammt aus Aleppo, lebt seit zwei Jahren in Würzburg und beschreibt vor dem Bildschirm in der Aufnahmeeinrichtung Oberfranken in arabischer Sprache ein einfaches Bild.

Es dauert etwa zwei Minuten, dann spuckt der Computer die gewünschten Informationen aus. Die Umstehenden erfahren, dass der Mann im Ringelpulli mit hoher Wahrscheinlichkeit aus der westlichen Levante stammt - und damit nicht aus einem sicheren Herkunftsland des Maghreb in Nordafrika. Hätte Esser versucht, beispielsweise einen ägyptischen Dialekt nachzuahmen, wäre ihm der Computer wohl auch auf die Schliche gekommen.
Stimmproben, Betonung und Sprachmelodie verraten viel mehr über die regionale Herkunft des Menschens als es auf den ersten Blick scheint. "Und das System lernt täglich hinzu", sagt Markus Richter, IT-Chef des Bundesamts für Migration.

Die neue Sprachtsoftware zur Sicherstellung der Identifizierung von Ayslbewerbern soll nach einer Testphase in Bamberg zusammen mit anderen digitalen Assistenzsystemen bundesweit eingeführt werden. Doch warum eigentlich wurden sie in Bamberg entwickelt? Das hat einen einfachen Grund. Die Zentrale des Bamf in Nürnberg ist nicht weit entfernt - und in der Aufnahmeeinrichtung an der Buchenstraße leben viele arabisch sprechende Menschen, mit deren Hilfe man die Wirksamkeit der neuen digitalen Helfer erproben konnte.


Revolution im Asylsystem?

So könnte es sein, dass nach der bereits bewährten Zusammenlegung vieler Behörden an einem Ort ("Bamberger Modell") hier gewonnene Erkenntnisse das deutsche Asylsystem nun auch in technischer Hinsicht revolutionieren. Durch die digitale Unterstützung soll es künftig deutlich leichter sein, unklare Identitäten von Flüchtlingen zu überprüfen.


1250 Bewohner verschwanden

Vielleicht helfen zweifelsfreie Identifizierungen ja auch dabei, Klarheit über die zahlreichen untergetauchten Personen in Bamberg zu gewinnen? Wie die Regierung von Oberfranken sagte, wurden in der Großunterkunft in Bamberg seit September 2015 knapp 7000 Menschen aufgenommen. Rund 1250 davon sind spurlos verschwunden - mit kräftig ansteigender Tendenz. Allein im ersten Halbjahr 2017 werden bereits 700 Menschen vermisst. Eine Erklärung für diese extreme Quote konnte Innenstaatssekretär Gerhard Eck (CSU) am Dienstag in Bamberg nicht geben. Eck kannte die Zahlen nicht einmal. Frank-Jürgen Weise, Bundesbeauftragter für Flüchtlingsmanagement, wies auf die Freiwilligkeit der Einrichtung hin.

Tatsächlich gibt es keine Aufenthaltspflicht in der AEO, sondern nur eine Residenzpflicht in der Stadt. Verschwinden Personen aus der AEO, werden sie zur Fahndung ausgeschrieben. Sollten sie aufgegriffen und identifiziert werden, müssen sie nach Bamberg zurück. Doch warum sind die Verluste so hoch? Wie Stefan Krug von der Regierung von Oberfranken sagt, entziehen sich Flüchtlinge der Abschiebung nicht selten durch Flucht. Andere seien straffällig geworden und entgehen so einer Verurteilung.

Dass die Zahl 2017 so kräftig steigt, spiegelt laut Krug die gewachsenen Belegungszahlen in der Aufnahmeeinrichtung Oberfranken wider.