Der FT-Kameramann muss weg, und zwar schnell. Eigentlich will er noch ein bisschen Stimmung in der Kneipe einfangen, aber schon wird geschimpft - das Stativ ist zu hoch und steht im Weg, egal, wo.

Das geht gar nicht, schließlich hat der Tatort gerade angefangen. Reden geht auch nicht. "Es kommt schon mal vor, dass einer aus der ersten Reihe Richtung Bar schreit ,haltet die Klappe', wenn sich da welche zu laut unterhalten", sagt Ulrich "Ulli" Herwig (43), der gemeinsam mit Stefan Meyer-Brandis die Kneipe "Stilbruch" betreibt. "Aber Schlägerei gab's noch keine", sagt Ulli und grinst breit.



Jeden Sonntagabend wird im "Stil" der Tatort ausgestrahlt, jeden Sonntagabend wird es voll. Das war nicht immer so. Eigentlich war gerade an diesem Tag immer nicht so viel los - bis der Tatort kam. Schuld daran sind die Thekenmädels, vor allem Katja (31).


Eingefleischter Fan

Sie schaut den Tatort schon seit vielen Jahren, hat ihn sich gerne zu Hause mit Freunden angesehen. Irgendwann wurden es zu viele und der Platz zu wenig. "Ich hab dann mal meine Chefs gefragt, was sie von der Idee halten, wenn wir in der Kneipe ,tatorten'."

Die waren erst etwas skeptisch. Aber Ulli meint: "Leinwand und Beamer hatten wir, also haben wir's probiert." Das war am 9. November 2008. Der erste Tatort im Stil war natürlich ein Münster-Tatort. "Wolfsstunde, ein Kracher vor dem Herrn", sagt Ulli.


Münster ist am beliebtesten

Münster ist die häufigste Antwort am Sonntagabend, wenn man die Frage nach dem Lieblings-Tatort in die Runde wirft. Nur von Theresa (23) kommt sofort: "Kiel." Warum? "Ich bin gebürtige Kielerin. Wir haben früher in der Familie immer gemeinsam geschaut, das war eine richtige Tradition." Theresa hat zum Studieren ihre Heimat verlassen, die Tradition blieb erhalten - nur mit Freunden, in der Wohngemeinschaft, anstatt mit den Eltern daheim.

Irgendwann sind sie in die Kneipe gewechselt. Wie die meisten der anderen Gäste kommt auch Theresa regelmäßig, "wegen des Gemeinschaftsgefühls", sagt sie. "Gemeinsam ermitteln" nennt Edgar das. Der 49-Jährige ist Tatort-im-Stil-Gucker seit der ersten Stunde. "Das Spannende ist die Kino-Atmosphäre, die Kommentare der Leute, das gemeinsame Lachen - auch das Erschrecken."

Wie zum Beweis kann man auch als Zuschauer beim Stuttgart-Tatort "Tote Erde" nicht anders als zusammenzucken: Als "Melli" in einer Szene in der Dunkelheit nicht mit "Timo" rechnet, rutscht ihr ein Schrei heraus - und eine Millisekunde später auch einer Zuschauerin im Stil.


Erst Anspannung, dann Gelächter

Kurze Schrecksekunde, dann löst sich die Anspannung und alle lachen. Die junge Zuschauerin eingeschlossen. An Edgars Tisch wird derweil weiter ermittelt, im Flüsterton, versteht sich. Er ist nicht der einzige mit Stammplatz hier. Aber: Der Stammplatz muss reserviert werden, denn beim Tatort wird's eng.

"Manche, die nichts vom Tatort hier wissen, sind ganz irritiert, wenn auf einmal das Licht gedimmt wird", sagt Edgar. Für die regelmäßigen Zuschauer ist das Dimmen das Zeichen, mit dem Essen fertig zu werden. Eine Viertelstunde noch. Erst kommt die Tagesschau, dann der Tatort. Das sonntägliche Ritual.

Der Bamberger Soziologieprofessor Richard Münch erklärt: "Das ist ein Phänomen, an das man mit der Soziologie des Alltags heran gehen kann. Stichwort Herdentrieb: Die Leute werden wahrscheinlich sagen, dass das Tatort-Schauen im Stilbruch spannender ist als zu Hause."

Tun sie. Neben den reinen Kneipen-Guckern auch die, die nur ab und zu kommen. Der Professor findet: "Es wäre interessant, tiefer einzusteigen. Zum Beispiel mit teilnehmender Beobachtung." Einen, den man nur mit etwas Glück beobachten kann, ist Dominik (30). Er schaut meistens daheim auf der Couch. "Zur Abwechslung treffe ich mich aber auch gerne hier mit Kumpels bei 'nem Bierchen."


Fester Termin am Sonntag

Die Mädels aus dem linken Eck direkt unter der Leinwand kommen dagegen jede Woche ins Stil - versuchen sie zumindest. Das gemeinsame Schauen hat sich zum festen Termin etabliert, wie bei vielen hier. Freunde, Arbeitskollegen, Vater und Tochter.

Victoria (20) ist Kneipen-Tatort-Neuling. Sie ist zum Studieren nach Bamberg gekommen. Früher hat sie mit Mama auf dem Sofa geguckt, seit eineinhalb Monaten immer sonntags mit Papa im Stilbruch. Dort wird auch beim Stuttgart-Tatort fleißig mit-ermittelt und an den richtigen Stellen gelacht.

Nach 90 Minuten ist alles vorbei. Schnell rauchen gehen, schnell bezahlen, schnell heim. Morgen ist Montag und es heißt für viele früh aufstehen. Jetzt darf auch der FT-Kameramann wieder ungestraft rumlaufen und sein Stativ aufstellen, für die letzten Aufnahmen.

Eine Gruppe rechts hinten im Eck soll gemeinsam die Tatort-Melodie in die Kamera singen. Es klappt auf Anhieb. Kein Wunder, sie können ja jeden Sonntag üben, beim Mitsummen in der Kneipe.


Information: Die ARD bietet auf ihrer Internetseite www.daserste.de/tatort eine Übersicht, in welchen Kneipen der Tatort gezeigt wird. In Bamberg ist bisher nur ein Lokal eingetragen.