Oberfranken leidet unter Fachkräftemangel, Arbeitnehmern verdienen in der Region zudem weniger als etwa Beschäftigte im Ballungsraum München. Wie geht unsere Wirtschaft mit diesen Problemen um? IHK-Präsident Heribert Trunk spricht in unserer Zeitung Klartext, warum sich die Region nicht verstecken muss, sondern auch selbstbewusst auftreten soll.

Fachkräfte sind Mangelware. Kommen jetzt rosige Zeiten auf Arbeitnehmer in Oberfranken zu?

Heribert Trunk: Ich denke, wir leben an sich schon in sehr guten Zeiten. Unsere Region hat hochqualifizierte Arbeitskräfte und bietet tolle Ausbildungsmöglichkeiten. Nicht zu vergessen in einem äußerst attraktivem Umfeld.

Franken liegt in Sachen Lohnhöhe aber bekanntlich hinter Altbayern. Welche Argumente sprechen denn für die Region, wenn es um das Anwerben von Fach- und Führungskräften geht?

Die reine Vergütung steht bei den Menschen schon lange nicht mehr auf Platz 1. Immer mehr spielen weiche Standortfaktoren eine entscheidende Rolle bei der Arbeitsplatzsuche. Ich bin der festen Meinung, dass Oberfranken echten Lebensraum bietet im Gegensatz zu urbanen Verdichtungsräumen wie in München. Familien finden hier bei uns optimale Verhältnisse. Trotzdem müssen wir weiter konsequent die Kinderbetreuung ausbauen. Hier denke ich vor allem an die Ganztagesschulen. Nur damit können wir auch Frauen wieder ins Berufsleben zurück bringen.

Spüren Sie als IHK-Präsident den Wettbewerb der Regionen um die besten Köpfe?

Den gibt es schon lange. Jahrelang verloren wir junge Leute in Richtung von Ballungsräumen. Doch das hat sich geändert. Viele orientieren sich nun wieder zurück, ziehen wieder in die Region. Es ist aber eben auch eine Tatsache, dass Berufseinsteiger erst einmal weg müssen, um in der Ferne Erfahrungen zu sammeln. Ich selbst habe das auch machen müssen. Doch dann bin ich gerne wieder hierher zurückgekommen und genieße das Leben in Oberfranken.

Wo liegen die wirtschaftlichen Stärken der Region?

Wir haben einen starken, innovativen Mix aus industriellen Kernen - verbunden mit Dienstleistern aus der IT-Branche. Das bringt eine hohe Wertschöpfung, wie unter anderem die Brose-Ansiedlung in Bamberg beweist, wo sehr stark in Köpfe investiert wird. Dazu kommt ein leistungsfähiger Handel sowie die gesunde Handwerksstruktur. Aufgrund dieser Basis konnten wir selbst den Wandel im Textil- oder Porzellan-Sektor gut verkraften.

Wie beurteilen Sie die Aussichten für das Jahr 2013? Schlittert Oberfranken in die Rezession?

Das Umfeld wird rauer. Doch ich bin ein notorischer Optimist. Daher glaube ich, dass wir dank unserer breit aufgestellten Unternehmen gut gerüstet sind. Die Betriebe hier in Oberfranken haben sich in den vergangenen Jahren geöffnet und neue internationale Märkte erschlossen. Es ist von großem Vorteil, dass der Mittelstand unsere Region prägt. Hier wird nicht in Quartalen gedacht, sondern es wird nachhaltig gewirtschaftet. In der jüngsten Wirtschaftskrise wurden deshalb die Arbeitnehmer gehalten anstatt sie zu entlassen. Zudem erfinden sich Familienunternehmen laufend neu, während Konzerne eher weniger beweglich sind.

Welche Ratschläge haben Sie für Berufseinsteiger? Welche Jobs haben die besten Aussichten?

Als Vater von vier Kindern sage ich, dass vor allem eine Frage für die Berufswahl wichtig sein sollte: Was will ich mit Herzblut machen? Junge Menschen dürfen meiner Meinung nach nicht nur immer aufs Geld schielen. Denn was nützen mir 30 Prozent mehr Gehalt, wenn mir im Job die Freude fehlt? In Bezug auf Berufe hat Oberfranken eigentlich überall Bedarf. Und genau das kommt den Arbeitnehmern entgegen. So haben sie an sich überall gute Perspektiven, den Job zu bekommen, den sie auch wollen. Aber vor allem im Bereich Gesundheit liegt ein großes Potenzial. Unsere Gesellschaft altert weiter und Pflegekräfte werden dringend benötigt.

Stichwort Weiterbildung - lohnt sich der Aufwand für Beschäftigte, dass sie sich neben der Arbeit noch zusätzlich qualifizieren?

Ich bin froh, dass sich die bayerische Staatsregierung durch die Diskussion über die Studiengebühren auch vermehrt diesem Thema annimmt und neu organisieren will. Wir als IHK kümmern uns um das Thema Weiterbildung, müssen das weiter öffnen. Hier sind wir in einer Rolle als Makler. Die Bereitschaft der Arbeitnehmer dazu geht eindeutig nach oben. Die Unternehmen sollten ihre Mitarbeiter noch mehr anspornen, sich weiterzubilden und sie darin auch unterstützen.

Auf Oberfranken kommen auch demografische Probleme zu. Die Bevölkerungszahl wird zurück gehen - für die Wirtschaft ein Problem. Wie kann der Trend gestoppt werden?

Wir brauchen eine Form der Willkommenskultur für neue Fachkräfte. Außerdem müssen wir die Vereinbarkeit von Familie und Beruf verbessern - gerade auch bei der Betreuung älterer Menschen. Hier wird man Lösungen finden müssen, wie Arbeitnehmer etwa ihre Eltern im Alter pflegen können, ohne auf den Job verzichten zu müssen. Ich denke hier auch an den Ausbau der Datenautobahnen, damit auch Arbeit von zuhause möglich wird.

Oberfranken muss sich also vor Oberbayern nicht mehr verstecken?

Wir müssen aufhören, unsere Heimat schlecht zu machen. Wir sollten im Gegenteil selbstbewusster auftreten. Wir haben in Oberfranken vier tolle Hochschulstandorte. Bamberg und Bayreuth wurden von den Studenten sogar zu den schönsten Uni-Städten Deutschlands gewählt! Aber bei allem Lob dürfen wir auch nie vergessen, Defizite offen und ehrlich anzusprechen. Wir brauchen noch einen Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs, müssen auch konsequent die Energieregion Oberfranken weiterentwickeln. Daher richte ich auch immer Appelle an die Politik, langfristiger zu denken und nicht nur auf die kommenden Wahlen zu schielen.

Das Gespräch führte Peter Groscurth