Lisa Bäuerlein (Name von der Redaktion geändert) wirkt selbstbewusst. So, als könne ihr so schnell keiner was. Nie hätte sie von sich selbst gedacht, dass sie sich mal "so verprügeln lässt". Und auch ihre Freunde hätten ihr das nicht zugetraut. Bis im Sommer 2011 Ralf (Name ebenfalls geändert) in das Leben der Studentin trat. Ein Diplom-Pädagoge. Aber anstatt dem Pädagogen-Klischee zu entsprechen, wandte er seine ganze rhetorische Kompetenz gegen Lisa: "Ich sollte ihm meine ständige Wertschätzung entgegenbringen. Täglich wollte er hören, wie toll er ist im Gegensatz zu anderen Männern. Alles sollte sich nur um ihn drehen".

Ein ständiges Minenfeld

Heute sieht Lisa, wie sehr Ralf sie im Griff hatte, ihren wunden Punkt gefunden hatte und sie manipulierte: Er redete ihr so lange ein, dass sie rücksichtslos ihm gegenüber sei, bis sie ihr eigenes Verhalten nicht mehr einschätzen konnte. "Ich hatte keine Ahnung mehr, was richtig und was falsch war. Es war ein ständiges Minenfeld."

Heute lässt sie sich nicht mehr von anderen kleinreden, etwas vormachen. Dass es ihr mittlerweile wieder so gut geht, hat sie unter anderem den ehrenamtlichen Helfern vom Weißen Ring zu verdanken: Sie unterstützen Opfer von Kriminalität auf vielfältige Art und Weise. Bei Lisa war es ein Selbstbehauptungs- und -verteidigungskurs, dessen Kosten der Weiße Ring Bamberg übernahm. Die Übungen dort halfen ihr, die versteckten Mechanismen ihrer alten Beziehung zu entdecken und Gegenstrategien zu entwickeln.

Im Rückblick klingt das, was Lisa erzählt, ziemlich krass. Es hört sich nach Albtraum an. Damals jedoch hielt Lisa sich an den guten Momenten fest: "Die Beziehung war von Anfang an eine absolute Berg- und Talfahrt. Aber ich glaubte fest daran, dass es die höchsten Berge waren, auf denen ich jemals war." Und das, obwohl Ralf sie nicht nur psychisch unter Druck setzte - sich zum Beispiel immer als Opfer ihrer Rücksichtslosigkeit darstellte und es ihr nicht zugestand, sich zu verteidigen, - sondern schon nach drei Monaten das erste Mal handgreiflich wurde.Trotzdem blieb Lisa noch drei weitere Monate in der Beziehung mit dem Diplom-Pädagogen.

Dass (häusliche) Gewalt, Vergewaltigung und Missbrauch nur in den berüchtigten "bildungsfernen" Schichten vorkommen - ein Fehlurteil, das auch Maria Schuster vom Weißen Ring Bamberg entkräften kann. Sie ist seit drei Jahren ehrenamtlich beim Weißen Ring und erinnert sich noch gut an ihren ersten "Fall": "Eine Frau aus einer gut situierten und angesehenen Familie, die jahrelang von ihrem eigenen Onkel missbraucht worden ist..."

Judo gegen die Freundin

Lisa hatte unterdessen vor allem darunter zu leiden, dass ihr Freund sie für stundenlange Diskussionen einsperrte. Versuchte sie sich zu befreien, wandte er seine Judokenntnisse an, trat sie oder zerrte an ihren Haaren. Noch heute, ein Jahr nach der Trennung, sind Spuren dieser Gewalt sichtbar. Parallel dazu zog Lisa sich von Freunden zurück, beschränkte den Kontakt auf wenige Gelegenheiten: "Hätte ich das jemandem gegenüber in Worte gefasst, was da los ist, hätte ich ja einsehen müssen, dass da was schiefläuft!" Gleichzeitig hatte Ralf sie davon überzeugt, dass sie sich "wie die Axt im Wald" verhalte und seine Gefühle ihren Freunden gegenüber gar nicht richtig darstellen könne, so dass sie mit Erzählungen aus ihrer Beziehung dazu beitragen würde, ihre Freunde gegen ihn aufzubringen. Weshalb sie bald immer weniger erzählte.

"Du musst da raus!"

Silvester 2011 dann die Eskalation: Im Vorfeld Drohungen, ihrer besten Freundin zu verbieten, nach Bamberg zu kommen. Die Gewissheit, dass er in ihren Sachen rumschnüffelt, sie ausspioniert. Als Lisa nach einer erneuten Attacke doch die gemeinsame Wohnung verlässt, verfolgt Ralf sie. Droht, ihre Sachen in den Kanal zu werfen. Und sie selbst gleich hinterher.

Ihre beste Freundin erkannte: "So kann das nicht weitergehen, du musst da raus!" Am Neujahrstag setzte sie Lisa in den Zug zu ihren Eltern. Glücklicherweise fuhr Ralf ein paar Tage später in Urlaub - während dieser Zeit holte Lisa gemeinsam mit ihren Eltern ihre Sachen aus der Wohnung. Und zog für zwei Monate ins Frauenhaus.
Ihre Betreuerin dort war ihr eine große Stütze. Sie war es auch, die Lisa auf den Weißen Ring aufmerksam machte: Er übernahm die Kosten für einen Wen Do-Kurs, in dem sie (wieder-)erlernte, sich selbst zu verteidigen und zu behaupten.
Finanzielle Unterstützung ist aber nur eine der vielfältigen Hilfen, die der Weiße Ring anbietet: "Wir finanzieren auch eine Erstberatung beim Anwalt oder Psychologen, helfen beim Umgang mit Behörden, stellen Kontakte zum Frauenhaus oder anderen Einrichtungen her oder begleiten Opfer zu Gerichtsprozessen", so Hans Schuster, Außenstellenleiter des Weißen Rings in Bamberg.

Vor Gericht hat Lisa ihren Exfreund noch nicht wiedergetroffen - das steht ihr aber noch bevor, denn Ralf akzeptierte seinen Strafbefehl nicht, so dass es zu einer mündlichen Verhandlung kommt. Fast ein halbes Jahr dauerte es, bis sie ihn anzeigte, und auch dann zunächst nur aus finanziellen Gründen. Nachdem ihr Anwalt aber die ganze Geschichte gehört hatte, riet er Lisa dringend zu einer Anzeige auch wegen Körperverletzung: "Selbst wenn die Strafe recht niedrig ausfallen sollte, hat er doch schon mal einen Aktenvermerk. Und falls er sich zukünftig wieder etwas zuschulden kommen lässt, wird das ernster genommen, weil er ja schon diesen einen Vermerk hat", weiß Lisa.