Dunkelblauer Anzug, weißes Hemd, offenes Sakko, Krawatte: Äußerlich könnte man den Grünen OB-Kandidaten Jonas Glüsenkamp auch der FDP zuordnen. Der 31-jährige Vater zweier Kinder versucht im Gespräch mit FT-Redaktionsleiter Michael Memmel auch inhaltlich, Klimaschutz und Wirtschaft zu vereinen. Das passt zu seinem Beruf: Er arbeitet seit zwei Jahren bei einem privatwirtschaftlichen Umweltunternehmen, der Naturstrom AG in Eggolsheim, bald Bamberg.

Auch beim Bürgerdialog bewegt er sich zwischen zwei Polen. Einerseits wirbt er für politisches Engagement per Smartphone in einer "Mitmach-App", für Live-Übertragungen von Stadtratssitzungen im Internet und dafür, Schulen digital aufzurüsten. Andererseits setzt er auf direkte Gespräche vor Ort: Er klingelt an Haustüren, macht eine Spielplatz-Tour und trifft sich auch mal mit einem Facebook-Kritiker in dessen Gartenlaube auf ein Seidla. Seine Jugendlichkeit und seine Herkunft (Belm bei Osnabrück) seien im Gespräch mit den Bürgern kein Kriterium, "das wird nur von den anderen Stadtratsmitgliedern thematisiert", sagt er.

Der seiner Ansicht nach mangelhafte Dialog der Machthaber mit den Bamberger Bürgern " ist die zentrale Triebfeder meiner Kandidatur". Bei den Themen Muna und Radentscheid etwa seien die Bürger nicht richtig ernst genommen worden. Und auch bei der Ansiedlung des Ausbildungszentrums der Handwerkskammer kritisiert er: "Es kann nicht sein, dass die Betreiber der Solidarischen Landwirtschaft aus der Zeitung erfahren müssen, dass sie jetzt ihr Feld verlieren", kritisiert er. Auch wenn er das Ausbildungszentrum für wichtig und richtig hält. Seine Kandidatur sieht er als "klares Gegenangebot zu dem, was auf dem Tisch liegt."

Das sagt der Bewerber um den Spitzenposten über...

... (mangelnde) Erfahrung: Zu jung, nicht aus Bamberg, also zu unerfahren für das höchste Amt der Stadt - dieser Vorwurf begegnet Jonas Glüsenkamp immer wieder, unter anderem auch an diesem Abend bei einer Publikumsfrage. "Erfahrung ist hilfreich, frischer Wind aber auch", kontert er. Zudem hat er bereits mehrere Jahre in einer Kommunalverwaltung (Landratsamt Coburg) und in einem großen Privatunternehmen (Naturstrom AG) gearbeitet - "das haben meine zwei Hauptkonkurrenten nicht."

...die Arbeit der Groko: Glüsenkamp kritisiert einen Politikstil nach dem Motto "setzen Sie sich aufs Sofa, wir machen die Politik". In viele Entscheidungen würden die Bürger nicht einbezogen, zudem zu spät oder gar nicht informiert. Zwar müssten Politiker den Bürgern manchmal "vor den Kopf stoßen", dies aber so gut es geht kommunizieren. Dazu will er im Januar seine Idee einer "Mitmach-App" vorstellen.

...den Klimaschutz: Den Groko-Vorstoß "Plastikfreies Bamberg" hält Glüsenkamp für eine gute Initiative. Zwar "pünktlich zum Wahlkampf", wie er anmerkt, aber "es reicht nicht, wenn nur die Grünen Klimapolitik machen." Man müsse jedoch höher ansetzen: "Tübingen hat den -Ausstoß um 30 Prozent gesenkt. Das ist der Weg, den man gehen muss", findet Glüsenkamp. Um die Stadt grüner zu machen, "müssen wir in Zukunft auch massiv Flächen entsiegeln". Und der Verkehr müsse sich ändern.

...den Verkehr: "Ich bin der einzige Bewerber, der eine deutliche Verkehrswende fordert: Eine Stärkung von ÖPNV und Radverkehrs - zu Lasten des motorisierten Individualverkehrs", wird Glüsenkamp deutlich. Kostenlose Busse seien zwar eine "noch nicht finanzierbare Utopie". Stadt und Landkreis sollten seiner Meinung nach aber massiv in Taktung, Preise und Bequemlichkeit investieren, um mehr Menschen zum Umsteigen zu bewegen. Um dies zu finanzieren, "muss Autofahren teurer werden". So kann sich der Grünen-Kandidat etwa vorstellen, Anwohnerparkplätze zu Geschäftszeiten gebührenpflichtig für alle anzubieten und die Parkgebühren überall zu erhöhen. Fahrradfahren müsse vor allem sicherer werden, "alte Menschen und Kinder trauen sich in manchen Straßen gar nicht, Rad zu fahren", sagt Glüsenkamp. Bisher arbeite die Stadtverwaltung zwar an Verbesserungen, "aber wenn es an den Autoverkehr geht, kneift sie. Das ist verständlich, aber den motorisierten Verkehr einzudämmen ist nötig und ich werde es auch tun." Dem E-Scooter erteilt er eine klare Absage: "Das ist keine Lösung für urbane Mobilität."

...Wohnen: Es müsse mehr sozialen Wohnungsbau geben, "auf städtischen Flächen ist hier zu wenig passiert". Dieser dürfe aber nicht in Blocks isoliert sein, stattdessen will Glüsenkamp durchmischte Quartiere. Der Grünen-Kandidat plädiert außerdem für höhere Gebäude. "Das Einfamilienhaus mit Garage ist nicht mehr zeitgemäß", meint er.

...den Wirtschaftsstandort: Für die kriselnden Automobil-Zulieferer sieht Glüsenkamp eine Chance in ökologischen Antriebstechniken. Das alleine genüge aber nicht. Der Grünen-Kandidat will Green-Tech-, Digitalisierungs- und Medizin-Unternehmen nach Bamberg holen, um den Wirtschaftsstandort langfristig zu stärken. Dazu könne er sich auch vorstellen, bei den Firmen "auf der Matte zu stehen". Werben will er mit hoher Lebensqualität und guter ICE-Anbindung. Glüsenkamp kritisiert, dass es die derzeitige Regierung versäumt habe, einen Wirtschaftsbeirat einzurichten. "Wir müssen vernetzt sein, um für Bamberg zu kämpfen", meint er. Dazu brauche es auch Gewerbe und eine Entwicklung hin zu gemeinsamen Natur-, Wohn- und Industrieflächen - die er sich auch auf der Muna vorstellen kann. Um mehr Geld in den Haushalt zu spülen, plädiert er zudem für eine Tourismus-Abgabe.

Mit diesen Maßnahmen gibt Glüsenkamp auch Antworten auf die immer wiederkehrende Frage, wie er seine Ideen finanzieren will. Die Skeptischen vertröstet er auf Januar, wenn er sein Gesamtkonzept vorstellen will. "Da wird es dann auch Rechnungen geben, denn sowas macht mir Spaß."

Die nächsten Kandidaten-Interviews:

Termine In öffentlichen Interviews im Verlagsgebäude (Gutenbergstraße) fühlt die Redaktion den OB-Kandidaten auf den Zahn. Nach Christian Lange, Andreas Starke und Jonas Glüsenkamp folgen nun jeweils um 19 Uhr Hans-Günter Brünker/Volt (11. November), Ursula Redler/BA (13. November, bereits um 18 Uhr), Fabian Dörner/Die Partei (18. November), Claudia John/FW (25. November) und Martin Pöhner/FDP (2. Dezember). Anmeldung Online auf infranken.de/abovorteil oder unter 0951/188108. Fragen an die Kandidaten können dort oder per Mail an redaktion.bamberg@infranken.de gestellt werden.