Bei Konzerten dieser Größenordnung kommt es enorm aufs Timing an: Während drinnen noch die Vorband mit dem schönen aber wenig originellen Namen "Booze & Glory" (Saufen und Ehre) spielt, haben Holger und Katja sich noch einmal hinaus begeben. Um vor dem Eingang der Brose- Arena eine zu rauchen und an ihren Bieren zu nippen, für die sie - Timing! - angeblich nur eine Viertelstunde anstehen mussten. Holger wirft einen Blick durch die Fenster der Arena, wo sich die Bierschlange mittlerweile meterweit und bis vor den Merchandising-Stand der "Broilers" schlängelt: "Die stehen bestimmt eine Stunde oder so. " Wegen der "Broilers" also, nicht wegen der Londoner Streetpunker Booze & Glory sind die beiden heute hier. So wie über 6000 andere.

Die Arena ist nahezu ausverkauft. Wegen einer Band, deren Musik im Allgemeinen als Deutschpunk bezeichnet wird. "Klar", sagt Katja, zierlich, blonde Haare, "Broilers"-Shirt, "die alten Lieder waren geiler. Da konnte man besser drauf tanzen." Vor acht Jahren hat sie die Düsseldorfer zum ersten Mal live gesehen, seitdem quasi jedes Jahr. "Damals haben sie in einem Club gespielt, so klein wie der Live-Club."

Die Band hat einen Aufstieg hinter sich, der 2017 im Gewinn des Echo gipfelte, eine Auszeichnung, die keine Aussage über musikalische Qualität, sondern verkaufte Einheiten trifft. Aber was die Band so extrem abhebt von anderen Vertretern des Genres - "Die Ärzte" und "Die Toten Hosen" ausgenommen - das können auch die treuen Holger und Katja nicht wirklich beantworten. Drei Dinge kann man offenbar bei einem "Broilers"-Konzert tun: Abgehen, Tanzen und Mitsingen. Vorher sollte man sich ein Bier holen, keine Zeit mehr zum Quatschen also.


Fäuste und Smartphones

Selbstversuch in der Bierschlange. Fotograf Matze Hoch kommt vorbei, spottend: "Das wird ein langer Weg!" Er hat Recht, Holger aber Unrecht: Eine halbe Stunde später hat man sein Bier. 21 Uhr und vor der Bühne hängt ein Bulls-Eye-Vorhang und aus den Boxen dröhnt die Oi-Punk-Hymne "If The Kids Are United" von Sham 69, 1987, und die Kids fühlen sich heute genauso united wie damals und grölen und recken Fäuste und Smartphones. Die ersten Bierbecher fliegen von den Rängen in Richtung Parkett.

Das Publikum sieht eigentlich so mittel nach Punkrock aus. Klar, der ein oder andere Mohawk rennt herum, dazwischen viele linke Skinheads, Familienmuttis mit und ohne Nachwuchs, Bierbäuche und so auftrainierte wie zutätowierte Fitnessstudio-Bizepse. Der etwas massentauglichere Punkrocker schmiert sich die Haare gern einfach faul nach hinten so wie auch Sänger Samy Amara das tut. Und dann ist da einer, der sich Muckser nennt, mit "ck", sagt er, weil das aus dem PC-Bereich käme. Aha.


Cooler Gegenwind

Muckser, 49, trägt, das ist selten, langes Haar, ein Stirnband, eine flickenbesetzte Lederjacke und ein zerfurchtes,bärtiges Gesicht, das an den Liedermacher Hans Söllner erinnert. Interviewt werden will er eigentlich nicht so gern, deswegen gibt er wahrscheinlich so kryptische Antworten. Was ihm an der Musik gefällt? "Na ganz einfach: Der Gegenwind! Die eine Band besingt die andere und die andere Band besingt die andere. Cool." Schon bei der Vorband aus England kann man einen Eindruck davon gewinnen,wie sich das, was auch immer das heißen soll, in etwa anhört: Punkrock, ja, also schnelle, einfache Rockmusik, aber dann doch ohne die typische Hardcore-Räudigkeit.

"Booze & Glory" nennen das zwar Streetpunk, es hört sich aber eben doch eher nach Fitnessstudio als nach Straße an, etwas aufgeblasen, etwas zu melodisch, etwas zu männlich. Und vor der Bühne wirbelt schon der erste, kleine Moshpit, aus dem hünenhafte junge Männer auftauchen, die sehr begeistert und sehr falsch im Takt klatschen oder sich selbst auf die Brust. Die Geste ist klar und der der Hauptband ganz ähnlich: Ich gegen den Rest der Welt! "Look at me - I still carry on!" Und wie beim klassischen ZDF-Schlager stellt sich schnell ein verwunderlicher Effekt ein: Man hört die Songs zwar zum ersten Mal und könnte doch schon mitsingen.


Der O-ho-Chor

Die "Broilers" schließlich kombinieren diese Mitgröl-Refrains gerne mit einem Stilmittel, das man von amerikanischen Punkbands oder auch den "Toten Hosen" her kennt: Der große, publikumsumarmende O-ho-Chor. Noch bevor die erste Textzeile gesungen ist, stellt sich so eine gewisse Gemeinschaftlichkeit generierende Fußballstadionatmosphäre her. Man liegt sich gern verschwitzt in den Armen. Und schmeißt dann noch einen Becher, der Biertropfen hinter sich herzieht wie der Stern von Bethlehem seinen Schweif.

Weihnachten ist vorbei, heute wird die Gans abtrainiert, verspricht Sänger Sammy Amara. Der charismatische Amara hat sich schick gemacht mit Schiebermütze, Hemd und Weste. Zwischen Songs wie "Das wird ein harter Weg" oder "Dumm und glücklich" erzählt er gerne was. Dass die Band 2017 über 60 Konzerte hinter sich hat zum Beispiel. Und dass er sich über das Bamberger Bier freut. Er hält zwei Flaschen hoch und lässt das Publikum abstimmen, und wie aus einer Kehle schallt es ihm entgegen: "A U!" Das möge er auch wirklich gerne. "Ich fühle mich heute auch ganz ungespundet. Hab zwar keine Ahnung, was das bedeutet, aber das klingt so nach Rebell und Vagabund."


Schnell ins Ohr

Und wenn man jetzt verstehen möchte, warum diese "Broilers" so viele CDs und Karten verkaufen, muss man ein bisschen zuhören. Irgendwie ist es dieser Band gelungen, ihre Credibility aus Anfangstagen - 1992 war das - nicht zu verspielen in der Punker-Hölle Formatradio. Zwar sagen die meisten Fans wie Katja, klar, das alte Zeug war schon besser, aber das neue Zeug geht dann halt doch so verdammt schnell ins Ohr, dass man in der Arena wirklich das Gefühl bekommen kann, da singen 6000 Menschen mit.

Die "Broilers" machen Punkrock, der nicht wirklich gefährlich ist, gern auch mal melancholisch, nachdenklich, oder auch: einfach nur Deutschrock ohne den Punk. Aber dass es sich im Kern immer noch um eine linke Band handelt, ist Sammy Amara schon wichtig: "Ich wünsche, dass die Scheiße, die unsere Großeltern erlebt haben, nie wieder möglich ist", sagt er und dann spielt die Band einen hymnenhaften Song namens "Keine Hymnen heute": "Schlechte Menschen haben keine Musik / Schlechte Zeiten brauchen keinen Beat."


Lieblingsmenschen geschultert

Während die Band spielt, ist die Ekstase, die Begeisterung der Fans auch wirklich spürbar. Zur Ballade "Wie weit wir gehen" soll jeder einen Lieblingsmenschen auf die Schultern nehmen, viele tun das tatsächlich und das schaut dann spektakulär aus. Es kommt auf dieses Fühlen und Ergriffenwerden an. Auch wenn so mancher Bamberger im Vorfeld so wenig ergriffen wirkt: "Ich dachte, wenn sie schon mal da sind...", sagt Franz, 25. "Ich hör's halt. Man kann's schon hören." Das stimmt.