Unbändige Wut brodelt im Bauch. Im Denkerstübchen qualmen die grauen Zellen, um den drohenden verbalen Gau als Folge des Emotionsstaus noch abzuwenden. Zu spät . . . Kaum ist der Dampf abgelassen, bereuen zivilisierte Zeitgenossen aber schon ihre verdammt peinlichen Entgleisungen. Schwarz auf Weiß liefert uns Rolf-Bernhard Essig nun glücklicherweise den Beweis, dass Fluchen gesund und ums Verrecken nicht zu vermeiden ist. Indes hält er über "Holy Shit!" ein Plädoyer fürs "schönere Schimpfen", nachdem sich der Homo sapiens in den vergangenen Jahrtausenden Originelleres als Tiernamen einfallen ließ, um seinem Gegenüber den Marsch zu blasen.

"Fluchen ist ein Stück Lebenskraft", meint Essig. Um dem Publikum gleich einleitend passende Beleidigungen mitzuliefern, die bei eventuellem Lesefrust zur Abreaktion führen: Angefangen bei A wie Affenpoet über B wie Buchkacker bis hin zu W wie Wortkotrührer. Indes bringt der Autor Rezensenten im Nachwort ohne Nachsicht nahe, was sie bei eventuellen Verrissen erwartet: "Zur Hölle mit allen denkfaulen Kritikern."

Schon dringt der Literaturwissenschaftler tiefer in die Materie vor. Und beginnt bei Adam und Eva, um das Fluchen und Schimpfen an der Wurzel zu packen. Bis zurück zum Sündenfall datiert Essig die erste Schimpftirade der Menschheitsgeschichte, die die Vertreibung des primären Liebespaares aus dem Paradies begleitete. Samt der arglistigen Schlange, die als Verführerin dank des göttlichen Fluchs "Auf dem Bauch sollst du kriechen und Staub fressen alle Tage deines Lebens" zu Boden ging.


Einblick in eine längst vergangene Fluchpraxis



Wie aber verwünscht man auf Erden Kontrahenten seither ohne göttliche Allmacht? Voodoo. Klar, schwarze Magie! So wagt sich Essig in die aberwitzige Welt des Aberglaubens, um von Flüchen und Gegenflüchen zu berichten, die sich im Lauf der Zeit zu einer wahren Flut an "Fluchtafeln, Fluchtieren, Fluchknochen und Fluchschriften" summierten. Was Interessenten die gängige "Fluchpraxis" vergangener Jahrtausende nahebringt. Bis hin zur römischen Antike, in der man Flüche auf Metalltäfelchen bannte ("meistens Blei, weil's billig, giftig und wertlos war") und anschließend in Gräbern verscharrte. Noch effektiver: Fluchschriften Gegnern unbemerkt "unterzujubeln", so dass sie sie fortan auf Schritt und Tritt begleiteten.

Aber zurück in die Gegenwart, in der der "Shitstorm" durchs Netz tobt und Autoren ereilt, sofern sie diskussionswürdige Facebook-Meldungen, Blogbeiträge oder Twitternachrichten liefern. Wobei schon ein harmloser Gag wie die Yo uTube-Präsentation einer deutsch-türkischen Nationalhymne (hiesiger Text, dortige Musik) zu 1418 Kommentaren (teils übelster Art) führte. Ja, so leicht ist's, sich in der Anonymität virtueller Weiten auszutoben, während sich die Gegner eines "Disrespekt Battle" im Real Life (RL) schlagfertig oder eben als langsame Denker vor den Augen ihres Publikums zeigen. Was Essig an Szenen mit Stan Laurel und Oliver Hardy aus den Pionierjahren des Films erinnerte, bei denen die Helden Hiebe wechselweise verteilten und mit stoischer Gelassenheit entgegen nahmen. Geduldig litt der jeweils "Malträtierte", bis er sich - an die Reihe gekommen - revanchierte.


Regional verwurzelt schimpfen



Regionale Kraftausdrücke liefert "Holy Shit!": Beispielsweise erläutert Essig den Begriff "Koäfraidoochsraadschn", um sich über die ebenfalls fränkische "Bissguan" bis weiter in den hohen Norden der Republik vorzuarbeiten. Ein eigenes Kapitel widmet der gebürtige Hamburger dem Straßenverkehr, der Teilnehmer bekanntlich rasant auf 180 bringt. Indes kommen verbale Crashs Fahrer und Fußgänger teuer zu stehen, sofern sie Politessen, Polizisten und PÜD-Mitarbeiter ins Kreuzfeuer nehmen. Das Bußgeld-Ranking beginnt dem Autor zufolge bei Strafen von 250 Euro für "Bekloppter" und steigert sich bis hin zu 2500 Euro für "fieses Miststück". 600 Euro allein fürs Duzen. Verfluchtes Wegelagerer-Gesindel? Nein, diesen Vorwurf sparen wir uns angesichts der dann fälligen 900 Euro.

Zuletzt noch ein Ausflug in die "sprachlichen Niederungen hoher Häuser", wie sich Essig ausdrückt: Beginnend bei Kaiser Augustus, der die Tochter seines Neffen Agrippa und Enkelin Julia "Krebsgeschwüre" oder "Furunkel" nannte. Während sich die politische Prominenz im Bundestag des 20. Jahrhunderts Entgleisungen jenseits des medizinischen Fachjargons erlaubte. "Der redet mal so, mal so, wie der Bulle pisst" , lästerte Altkanzler Helmut Schmidt 1980 beispielsweise über Franz Josef Strauß. "Adeliger Klugscheißer", titulierte Theo Waigel Otto Graf Lambsdorff 15 Jahre später. Zu toppen nurmehr von Joschka Fischers legendärem Zwischenruf von 1984: "Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch" (gerichtet an Bundestagsvizepräsidenten Richard Stücklen, der ihn für zwei Tage aus dem Saal verbannte.)