Nanu? Der Blick von Karl-Georg Pfändtner stockt. Dann sieht er noch einmal genauer hin. Das könnte doch...? Richtig. Aus dem Initial eines Gesangbuchs aus der Zeit um 1440 lacht dem Betrachter ein junger Mann entgegen, der aussieht wie der Bamberger Reiter. Und auch sein Pferd ist ein paar Seiten weiter zu sehen. Was für eine Sensation: Die beiden Zeichnungen sind damit nach Kenntnis des Historikers die ältesten Bilder der berühmten Domfigur.

Diese Ehre gebührte bislang einem Gemälde von Georg Adam Arnold aus dem Jahr 1669, das sich im Besitz des Historischen Museums Bamberg befindet und eine Innenansicht des Doms zeigt. Darauf ist aufgrund der Perspektive zwar nur die Hälfte des Reiters erkennbar. "Trotzdem bleibt das Gemälde das älteste bildliche Zeugnis für ihn, das bisher bekannt ist", schrieb die ehemalige Leiterin des Diözesanmuseums, Renate Baumgärtel-Fleischmann, 1987 im Ausstellungskatalog "Die Altäre des Bamberger Doms von 1012 bis zur Gegenwart". Sollte nun also eine Abbildung entdeckt worden sein, die über 200 Jahre älter ist?


Bisher "nichts Vergleichbares" gesehen


Karl-Georg Pfändtner hat daran keinen Zweifel. Der Kunsthistoriker untersucht und katalogisiert derzeit die illuminierten Handschriften der Staatsbibliothek für ein verbändiges Standardwerk. In einer dieser liturgischen Handschriften entdeckte Pfändtner jetzt in zwei der Initialen für die Notation, sogenannten Cadellen, einen Pferdekopf und ein männliches Haupt, die Pfändtner für eine "frühe Rezeption des Bamberger Reiters" hält: "Unter den Tausenden Cadellen, die ich im Laufe meiner Berufstätigkeit gesehen habe, ist mir bisher nichts Vergleichbares aufgefallen."


Nürnberger Handschrift für den Bamberger Dom


Denn es sei zwar üblich, Masken oder Gesichter im Profil oder vollrund abzubilden, "aber nicht Pferdeköpfe oder Ritter- bzw. Adels- oder Königshäupter". Auch die Anmutung der Zeichnung des Reiters gibt Rätsel auf: "Die halboffenen Lippen, die schulterlangen Haare, die in die Ferne blickenden Augen das alles ist sehr ungewöhnlich." Die für den Einsatz im Bamberger Dom bestimmte Handschrift, ein Text- und Melodienbuch für die Stundengesänge (Antiphonar), entstand in einer Nürnberger Werkstatt. Pfändtner hält es für wahrscheinlich, dass sich der Cadellenschreiber zuvor ein Bild von der Kathedrale machte und von der Figur so beeindruckt war, dass er sie in seinem Werk verewigte. Zumal es die Zeit war, in der monumentale Reiterstandbilder wieder in Mode kamen. Gewiss, räumt Pfändtner ein, sei der Cadellenschreiber kein großer Künstler gewesen. Doch durch die früheste Darstellung des Reiters könnte ihm nun ein Platz in der Kunstgeschichte sicher sein.


Es bleibt ein Geheimnis


Freilich: Eine Antwort auf die Frage aller Fragen, wen die berühmte Figur darstellt, gibt auch dieser Fund nicht. "Die beiden Cadellen befinden sich leider nicht bei den Formularen eines bestimmten Heiligen, so dass man somit leider auch nicht mit der Identifizierung des Bamberger Reiters weiter kommen könnte. Es wäre ja auch zu schön gewesen, wenn sich der Kopf des Reiters etwa zu den Formularen zu Kaiser Heinrich oder zu König Stephan von Ungarn befunden hätte", sagt Pfändtner. Tatsache ist: Der Pferdekopf steht im Kirchweih-, der Reiterkopf im Totenoffizium. Was das zu bedeuten hat, wird noch zu erforschen sein.