Gleich jenseits der Regnitz fängt für Hirschaid der "Wilde Westen" an. In Süsslfoä also. Von da kommt dann auch am Sonntagnachmittag ein kunterbunter, durchaus bedrohlich lärmender Gaudiwurm herübergeschlängelt. Und tatsächlich dringen mit ihm eine ganze Anzahl von Tomahawk schwingenden Indianern nebst anderen furchterregenden Typen aus den Weiten der untergehenden Sonne in das so überaus friedfertige, von einem röhrenden Hirschen bekrönte Dorf im Tal der Bleichgesichter an der Regnitz ein.

Und als ob das nicht schon schlimm genug wäre, pfeift von den Höhen des Steigerwalds ein Wind so kalt und kein kleiner Sonnenschein dringt ins Herz hinein. Gut, dass da etliche Bottles Feuerwasser zirkulieren, Bier und Schampus an der Bar oder ganz einfach als Mitbringsel von den im Treck gen Osten fliehenden Siedlern als milde Gabe zu haben sind. Alles wider die frostige Atmosphäre unter den dicken grauen Wolken.

Ein Marterpfahl als Drohkulisse

Was ist los in Hirschaid? Ach ja, demnächst muss ein Sheriff gewählt werden und ein Senat von weisen Frauen und Männern dazu. Das lähmt offenbar den Einfallsreichtum. Denn es ist wohl anzunehmen, dass Wahlmänner querbeet in allen Vereinsfamilien sich nicht drauf einigen konnten, welche Pfeile und blauen Bohnen denn man nun auf wen verschießen solle.

So blieb der Häschaadä Faschingsumzug des Jahres 2020 zwar schön beim Thema der Prunksitzungen der Fosänächtä - "Wilder Westen" - aber den Beweis schuldig, dass man auch außerhalb der Bütt die Donnerbüchse krachen lassen kann. Immerhin: Ein Marterpfahl ist als Drohkulisse aufgeboten, doch noch ist niemand dran gebunden.

Die Sheriffs in spe zuckeln auf freien Füßen oder im eher spartanischen Prunkwagen des Marktgemeinderats durchs Spalier des Wahlvolks. Die schon im Kommunalen etablierten Kandidaten mit Fotos an der Bordwand, die zwei Greenhorns als Karikaturen daneben: ein Milchgesicht und ein Typ mit Bart. Häuptling Klaus prangt derweil im Federschmuck am Gefährt der Queckenbelzer aus der Fair-Trade-Town-City fränkischer Rothäute und gleich drauf kommt er als freigiebiger Sheriff daher. Ohne Colt, glatt rasiert.

"Wahlversprechen sind nur heiße Luft"

Der optische Höhepunkt des Faschingsumzugs ist das Ballonrückholmobil des ergrünten Sportkegelklubs Köttmannsdorf: SKK for Future. Ein viersitziges Tretauto wird eingesetzt, um völlig abgasfrei die womöglich in alle Winde verwehten Lügenbeutel einzufangen. Prompt ist da ein knappes Dutzend Ballons auf kurzen Beinen unterwegs und der Spruch: "Wahlversprechen sind nur heiße Luft, was uns auf den Plan hier ruft!" Und auch die Stoßrichtung wird klar: "Heiße Luft und Muskelkraft, Klimawandel bald geschafft!"

Ja, genau so wäre dann auch ein drohendes Verkehrsproblem zu lösen: Wenn endlich die Kanal- und die Regnitzbrücke wegen Baufälligkeit gesperrt sind, dann können die Süsslforä doch mit dem Fesselballon einschweben, zumindest beim vorzugsweisen Westwind.

Hexen und Hühner

Mit einer fahrbaren Waldhütte tarnt sich Röbersdorf "Undercover" und macht klar, dass sich der Teufel keine Konkurrenz ins Haus holt. Zur Abschreckung lassen sie die Hexen fliegen, natürlich keine alten.

Die Jugendfeuerwehr Hirschaid gibt den Farmer Stimme: "Sind die Hühner platt wie Teller - war der Traktor schneller!" Und auch das gibt zu denken: "Niemand soll es je vergessen: Bauern sorgen für das Essen". Es sei denn, es passiert ihm was: "Klebt der Bauer an der Mauer, war der Stier so richtig sauer!"

Darauf einen Tusch vom Hirschaider Blech oder der Pettstadter Blasmusik und ein Schluck vom Fass der rollenden Schluckspechte oder eine Umarmung des stelzenden Roboters.

Der Motorsportclub Sassanfahrt brilliert mit seinen Fußgruppen an Einfallsreichtum und Liebe zum Kostüm. 99 Luftballons, ziemlich viel Rauch und Helden der Kindheit steuert die Feuerwehr Strullendorf bei, ein Gogoevent kündigt sich mit nackten Tatsachen an und die Tuss'n sind außer Rand und Band "on Tour".

Andere Puppen - Barbies in pinker Hülle und reizender Fülle - trippeln daher, kuschelige Hühner machen Lust und auch die Jugendgarde wird flügge. Kess verkünden die Tänzerinnen, dass sie lange genug brave Mädchen gewesen seien. Na dann, ab in den Saloon! Eigens für die tollen Tage hat sich das Prinzenpaar Lisa-Maria I. und Daniel I. seiner beruflichen Pflichten entledigt und winkt huldvoll dem Narrenvolk zu. Der Elferrat gleich danach ist aus dem Häuschen. Die Sache gewinnt an Fahrt: Häschaad Helau!