Ich würde jedem die Angst vor einer Knochenmarkspende nehmen. Nach drei Wochen ist alles wie vorher, eine Spende verändert nicht das Leben des Spenders." Aber vielleicht das Leben eines Patienten, der dringend gesundes Knochenmark benötigt. Die junge Frau aus Bamberg, die an einem kleinen Holztisch in einem Café sitzt, weiß, wovon sie spricht. Viktoria Brießmann hat vor einigen Wochen selbst Knochenmark gespendet. Bei der Aktion "Helft Linus und anderen", die im März in Ebern stattfand, haben sie und ihr Mann sich typisieren lassen.
Der achtjährige Linus aus Rentweinsdorf ist an Leukämie erkrankt. Vor Wochen hat er bereits eine Knochenmarkspende erhalten. Die Menschen im Kreis Haßberge und darüber hinaus bangen mit dem Buben, dass er die schwere Krankheit übersteht.

Viktoria Brießmann wollte mit ihrer Teilnahme an der Aktion dem kleinen Linus helfen. Und anderen Kranken. "Auf dem Weg zu dem Termin haben wir noch darüber gesprochen, wie unwahrscheinlich es doch sei, dass einer von uns als Spender für jemanden in Frage kommt", erzählt die 28-Jährige. Doch vier Wochen später bekam sie von der DKMS, der Deutschen Knochenmarkspenderdatei, die Nachricht, dass sie als Spenderin geeignet und nun eine Feintypisierung nötig wäre.

Unterstüzung von der Familie


Im Mai stand das Ergebnis dann fest: Viktoria Brießmann kommt tatsächlich als Knochenmarkspenderin für eine junge Frau in Irland in Frage. Ohne zu zögern, stimmt sie zu. "Die Patientin wäre gestorben, wenn ich nicht gespendet hätte." Obwohl die 28-Jährige bei der Typisierung im März nur einer peripheren Entnahme von Stammzellen zugestimmt hatte - diese Methode wird bei 80 Prozent aller Spender angewendet -, erklärt sie sich zu der Operation unter Vollnarkose, bei der Knochenmark aus dem Beckenkamm entnommen wird, bereit. Ihre Familie reagiert mit gemischten Gefühlen auf die Neuigkeit: "Mein Mann und meine elfjährige Tochter fanden das toll und haben mich immer unterstützt. Meine Mutter hatte am Anfang Angst um mich wegen der Operation. Inzwischen ist sie aber sehr stolz", schildert die junge Frau.

Nach einigen Voruntersuchungen findet die Knochenmarkentnahme Anfang Juli im Klinikum Nürnberg statt. Bereits am nächsten Tag kann Viktoria Brießmann wieder nach Hause. Die gewonnen Stammzellen müssen innerhalb von 48 Stunden transplantiert werden. Vorher werden die kranken Stammzellen des Empfängers durch eine Chemotherapie oder Bestrahlung abgetötet. Im Idealfall wachsen die Stammzellen aus einer Knochenmarkspende nach etwa 20 bis 30 Tagen im Körper des Patienten an und beginnen, das blutbildende System neu aufzubauen. Nach der Transplantation hat der Empfänger der Spende dann die gleiche Blutgruppe wie der Spender.

Wer genau die Frau ist, die ihre Knochenmarkspende erhalten hat, weiß Viktoria Brießmann nicht. Bekannt ist ihr nur, dass die Patientin aus Irland vermutlich russische Wurzeln hat, genau wie die 28-Jährige selbst. "Es ist wahrscheinlich, dass ich als Spenderin für jemanden aus Russland geeignet bin. Die ähnliche Genetik ist dafür verantwortlich", erklärt die Frau.

Anonymer Kontakt


Neugierig ist die Bambergerin schon. Oft denkt sie an die Frau aus Irland, fragt sich, was sie gerne macht oder wie sie wohl ist. Sogar eine Karte hat sie schon gekauft. Laut irischem Gesetz ist erst einmal nur eine anonymer Kontakt zwischen Spender und Empfänger möglich. Nach einer Frist von zwei Jahren kann dann ein direkter Kontakt stattfinden. Die DKMS wird dafür sorgen, dass die Patientin die Karte erhält. Aber noch wird die 28-Jährige sie nicht abschicken. Zuerst möchte sie die 100 Tage abwarten, die als kritische Phase bei einer Knochenmarkspende gilt und in der sich zeigt, ob der Körper die Stammzellen akzeptiert.

Dass sie als Spenderin in Frage kam, sieht Viktoria Brießmann als Geschenk. "Ich würde jederzeit wieder spenden. Die Schmerzen waren auszuhalten, und die Mitarbeiter der DKMS haben alles organisiert. Als kleines Dankeschön habe ich ein Buch mit Erfahrungsberichten von Spendern und Patienten bekommen." Wer allerdings schon Bedenken bei der Typisierung hat, sollte es lieber gleich bleiben lassen, meint die junge Frau. "Es macht mich wütend, wenn jemand nach einer Zusage für eine Spende und den ganzen Voruntersuchungen doch wieder absagt. Das ist sehr schlimm für den Empfänger."

Um auf solche Fälle vorbereitet zu sein, werden den Patienten vor der Chemo- oder Bestrahlungstherapie eigene Stammzellen entnommen. Falls ein Spender kurzfristig abspringt, können die eigenen kranken Stammzellen dem Patienten wieder zugeführt werden. Ohne Stammzellen kann ein Mensch nur kurze Zeit überleben, heißt es von Seiten der DKMS.

Seitdem Viktoria Brießmann Knochenmark gespendet hat, versucht sie ihr Umfeld für die Thematik zu sensibilisieren. Sie hofft, anderen Menschen begreiflich machen zu können, wie wichtig es ist, sich typisieren zu lassen und damit vielleicht ein Leben retten zu können.