Die Energiewende wird zur Hängepartie: Beim jüngsten Energiegipfel in Berlin wurden zwar Fortschritte erzielt, die von Vertretern der Großen Koalition als Erfolg gepriesen werden. Die großen Streitfragen hat man aber ausgeklammert. Dazu gehören die neuen Stromautobahnen.

Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) bleibt beim Nein zur 450 Kilometer langen Gleichstrompassage Süd-Ost von Bad Lauchstätt in Sachsen-Anhalt nach Meitingen bei Augsburg. Mehr noch: Der "Don Quichotte" der Energiewende, der nicht nur gegen Windmühlen kämpft, sieht seine Haltung nach dem "Gipfel" in Berlin sogar noch gestärkt, obwohl die langen Leitungen da gar nicht auf der Tagesordnung standen.

Streicheleinheiten für Gabriel

"Meine Zweifel an der Süd-Ost-Trasse ... sind in letzter Zeit eher noch größer geworden", sagt Seehofer der Zeitung "Die Welt". Damit sichert sich der Ministerpräsident die Meinungshoheit beim strittigsten Thema der Energiewende, und dies auch noch sehr geschickt, indem er den Seehofer-Kritiker Sigmar Gabriel (SPD) verbal streichelt: "Ich lobe den zuständigen Energieminister und die Kanzlerin, die das sehr gekonnt gesteuert haben. Das war ein Kunststück."

Das weitaus größere Kunststück wird es sein, den vielstimmigen Chor zum Leitungsbau auf Harmonie zu trimmen. Da reichen die Experten-Meinungen von "noch mehr Leitungen" bis zu "völlig überflüssig." Und auch politisch ist kein Konsens in Sicht: Seehofer kann beim Kampf gegen die ungeliebte Stromtrasse, die ungefähr parallel zur A9 unter anderem durch Ober- und Mittelfranken führen würde, auf Unterstützung der Ministerpräsidentin von Thüringen bauen: Christine Lieberknecht (CDU) sagt, dass die Leitung nicht nur hässlich und überflüssig, sondern sogar kontraproduktiv wäre: Sie würde nur gebaut, um "schmutzigen Strom aus den Kohlekraftwerken in Sachsen-Anhalt nach Süden zu transportieren."

Windkraft für die Katz'?

Das sieht der Regierungschef von Sachsen-Anhalt naturgemäß anders. Reiner Haseloff (CDU) verweist auf den Ausbau der Windenergie in seinem Land. "Das haben wir doch nicht gemacht, nur um den Strom dann wegzuwerfen."

Bei der Bundesnetzagentur in Bonn ist man der Debatte müde: Es gelte der Netzausbauplan von 2013, und der sieht den Bau der Stromautobahnen vor. Punkt. Davon treffen zwei Franken: Sued.Link von Hamburg nach Baden-Württemberg (900 Kilometer), die Unterfranken durchschneidet, und die Süd-Ost-Strompassage.
Der Protest in Unterfranken ist (noch?) deutlich verhaltener als der in Ober- und Mittelfranken. Fachleute sind sich einig, dass die Energiewende ohne diese lange Leitung aus dem windigen Norden in den Süden gar nicht funktioniert. Und auch Seehofer hat diese Leitung (noch?) nicht ausdrücklich in Zweifel gezogen. Immerhin kann er in Unterfranken anders als im Osten des Freistaates eine Art Tauschhandel anbieten: Das Atomkraftwerk kommt weg, dafür muss man halt eine neue Leitung schlucken ...