Sie durchforsteten Bibliotheken, um sich Mythen, Sagen und Volkslieder anzulesen. Und zapften den geistigen Fundus von Märchenerzählern wie Dorothea Viehmann an, die die Brüder zur "rüstigen Bäuerin" umstilisierten: Fünf Jahre lang arbeiteten Jacob und Wilhelm Grimm an der Veröffentlichung ihrer "Kinder- und Hausmärchen", die 1812 in einer ersten Auflage von 900 Exemplaren erschienen und keineswegs nur Beifall fanden. - Ein Jubiläum, das Alexandra Eyrich und Marianne Vier zu der Hommage "Echt GRIMMinell" inspirierte. Im Alten E-Werk wird am kommenden Dienstag, 16., und Mittwoch, 17. Oktober, ihr "märchenhaft tragisch-tödlicher Abend" zu erleben sein.

"Die Geschichten der Gebrüder Grimm sind nicht als Kinderprogramm zu verstehen", meint Alexandra Eyrich, die in Bamberg seit vier Jahren die "Akademie Vielfalt de luxe für Märchen, Pädagogik & Kultur" führt. So lässt sie mit ihrer auch aus dem Fernsehen bekannten Partnerin die schaurige Seite der Sammlung aufleben, die als eines der bekanntesten Werke der deutschen Kulturgeschichte in 160 Sprachen übersetzt wurde. Statt "Dornröschen" wachzuküssen oder "Frau Holle" aus Kissen Schneeflocken schütteln zu lassen, ziehen die Erzählerinnen "Gevatter Tod" aus der Zwischenwelt, der den Gebrüdern Grimm den Vorwurf der Areligiosität einbrachte. Sie widmen sich "Fitchers Vogel" und einem meuchelnden "Räuberbräutigam", um ganz nebenbei noch zwei Fabeln zu nennen, in der schöne junge Mädchen in bester Splatter-Manier geschlachtet, zerhackt und in letzterem Fall sogar verspachtelt werden.

So waren Märchen in alter Zeit keine Gute-Nacht-Geschichten, mit denen man Kinder in den Schlaf wiegte. Sie bildeten einen Erfahrungs-, Wissens- und Kulturschatz, der von Generation zu Generation überliefert wurde, bevor es Bücher im Überfluss, Radio, Fernsehen und Internet gab. Gemäß dem arabischen Sprichwort "Eine Fabel ist eine Brücke, die zu den Ufern der Wahrheit führt".

An die Geschichte, die den Geschichten zugrunde liegt, erinnern Alexandra Eyrich und Marianne Vier mit ihrer Hommage. So wurden Erzählungen im Lauf der Zeit ja immer wieder entschärft, mit christlicher Moral unterfüttert und verniedlicht. Womit übrigens schon die Schöpfer der Anthologie begannen, um damit auf Kritik des bürgerlichen Publikums zu reagieren. Zumal sich der Erfolg der "Kinder- und Hausmärchen" anfangs nur schleppend einstellte, die die Gebrüder Grimm als "Erziehungsbuch" - eine Art pädagogischen Ratgeber - werteten.

Heiße Nächte im Turm


Also weg mit schlüpfrigen Details wie der unehelichen Schwangerschaft von "Rapunzel", die auf heiße Liebesnächte im Turm schließen ließ. Auch verwandelte sich "Hänsels und Gretels" Raben- zur Stiefmutter, nachdem das Verstoßen der eigenen Kinder gegen jede moralische Vorstellung des Bürgertums des 19. Jahrhunderts verstieß.

Mittlerweile gipfelt die Entwicklung in verkitschten Zeichentrick- oder Animationsfilmen wie "Rapunzel - Neu verföhnt". Was die Leiterin der Bamberger Märchenakademie mit Sorge sieht: "Kinder lernen die Geschichten nicht mehr in ihrer ursprünglichen Form kennen, womit viel von der eigentlichen Bedeutung verloren geht", so Eyrich. Ohne den historischen Kontext zu spiegeln, würden Märchen im Sinne des 21. Jahrhunderts aufbereitet. Womit natürlich auch die Chance schwindet, Kindern auf sagenhafte Weise das Leben vergangener Jahrhunderte nahezubringen.

Die Hommage an die Gebrüder Grimm, die die beiden Märchenerzählerinnen im Alten E-Werk bieten, richtet sich indes nicht an Kinder, sondern erst ein Publikum ab 14 Jahren. Mit Erzählkunst und szenischem Spiel widmen sich die Protagonistinnen "auf gruselige, ironische, gewagte, aber auch amüsante Weise" also der Geschichtensammlung, die am 20. Dezember 200 Jahre alt wird. Umrahmt werden die Abende, die um 19 Uhr beginnen, durch klassische Musik am Klavier.