Wenn ein Heimbewohner nachts aus dem Bett fällt, gilt das noch nicht als Grund für eine Einweisung in eine Klinik. Und auch bei Fieber müsse nicht gleich ein Antibiotikum verschrieben werden. Diese Feststellungen zweier Rechtsmediziner der Universitätsklinik Würzburg haben im Gleusdorf-Prozess vor dem Landgericht Bamberg durchaus Gewicht. Denn dort geht es im ersten Anklagepunkt um den Tod eines 79-jährigen Heimbewohners im Jahr 2014.

Mann starb an Lungenentzündung

Der Mann starb fünf Tage nach dem Sturz aus seinem Bett an einer Lungenentzündung. Die Erkrankung erkannte der Heimarzt Martin L. (alle Namen geändert) laut der vorliegenden Dokumentation am Tag vor dem Tod des 79-Jährigen. Er verordnete ihm dann ein Breitbandantibiotikum. "Die Entscheidungen, wann was gegeben wurde, sind aus medizinischer Sicht nachvollziehbar", sagte einer der Gutachter, der leitende Forensiker Thomas Tatschner, aus. Es gebe keinen Beleg, dass den Angeklagten im Fall des 79-Jährigen aus medizinischer Sicht etwas vorzuwerfen sei.

Dem schloss sich Michael Bohnert, der Leiter des Instituts für Rechtsmedizin an der Uniklinik Würzburg, an. Lediglich zur vom Heimarzt dokumentierten Todesursache stellte er fest: "Er hat ein akutes Koronarsyndrom festgestellt. Das stimmt zwar letztlich immer, ist aber auch nicht das, was hier erwartet wird. Die Lungenentzündung als Todesursache wäre zutreffend gewesen." In jedem Fall sei aber von einem natürlichen Tod auszugehen, wie ihn L. angekreuzt hatte.

Neben den Gutachtern sagte unter anderem ein Altenpfleger aus, der von 2005 bis zu seinem Schlaganfall 2016 in Gleusdorf gearbeitet hatte. Er konnte sich an vieles nicht mehr erinnern, die Vorwürfe gegen die Angeklagten hält er jedoch für "vollkommen überzogen". Es stimme zwar, dass die Chefin immer Bescheid wissen wollte, "bevor man was Größeres unternimmt". Aber von einem Verbot, einen Arzt zu rufen, wisse er nichts. Er selbst sei nie in eine solche Situation gekommen.

Der ermittelnde Kripo-Beamte stellte Widersprüche zwischen den Aussagen zweier Belastungszeuginnen und den Arzt- und Pflegedokumenten fest. "Der Sturz des 79-Jährigen hat stattgefunden, aber anders als behauptet, war der Heimarzt zweimal dort und hat sich den Mann angeschaut."

Depressionen wegen Gleusdorf

Dass in der Patientenkartei von L. Stellen geweißt wurden, stelle aus seiner Sicht keinen Versuch dar, etwas zu verschleiern. Vielmehr wurde nur der Vermerk für ein erforderliches Rezept gestrichen, weil die Medikamente im Schloss bereits verfügbar waren. "Ich hatte nicht den Eindruck, dass Einträge erst später vorgenommen wurden", erklärte der Kripo-Mann vor Gericht.

Als weitere Zeugin sagte eine Psychotherapeutin aus, der sich eine der Hauptbelastungszeuginnen anvertraut hatte. Die frühere Gleusdorf-Mitarbeiterin habe infolge ihrer Erlebnisse im Heim und ihr anschließendes "Nicht-Gehört-Werden" an einer Depression gelitten. Als ihr die Patientin von den dubiosen Todesfällen berichtet hatte, wandte sich die Ärztin ans Gesundheitsministerium und später auch an die Staatsanwaltschaft. "Das habe ich nicht aus Therapiegründen gemacht, sondern weil ich den Eindruck hatte, dass hier schwerwiegende Delikte vorliegen."

An den folgenden Prozesstagen wird es um weitere Todesfälle gehen. Unter anderem soll der frühere Pflegedienstleiter Peter N. 2011 einem Heimbewohner eine Spritze unbekannten Inhalts in den Bauch verabreicht haben, der Mann sei kurz darauf gestorben.

Dass neben den fünf angeklagten Punkten noch andere Missstände und Unregelmäßigkeiten im Zusammenhang mit der Seniorenresidenz kursieren, zeigt eine Aufstellung, die FT-Redakteur Ralf Kestel dem Gericht hat zukommen lassen. Die wird am 30. Oktober vor Gericht verlesen, allerdings stellt Vorsitzender Manfred Schmidt bereits fest: "Alles, was nicht in der Anklage steht, ist auch nicht Gegenstand dieses Verfahrens."