Mehl abwiegen, den ersten Teig kneten und in den Ofen schieben: Gegen 3 Uhr begann Jahrzehnte lang Reinhold Gramß' Arbeitstag, der spätabends in der Backstube endete. Zuvor noch letzte Lieferscheine schreiben und den Sauerteig ansetzen, der die Handschrift jedes Bäckers ist. Dann erst kam der Jungunternehmer zur Ruhe. "Bis heute verbinde ich mit meinem Vater vor allem die weiße Kluft, in der ich ihn als Knirps fast rund um die Uhr sah", sagt Rupert Gramß. Gleich neben dem Büro und der Backstube wohnte die Familie in den 50er Jahren.
So konnte Reinhold Gramß seinen Söhnen nebenbei noch "kleine Backaufgaben" stellen, um sich das Ergebnis später bestenfalls auf der Zunge zergehen zu lassen. - Reminiszenzen anlässlich des 80. Geburtstags eines Unternehmers, der ab den Wirtschaftswunderjahren ein eigenes Bamberger Geschichtskapitel schrieb und nach der Grenzöffnung auch im Osten keine kleinen Brötchen buk.

Die Anfänge

"Ja, mein Vater dachte und handelte in großen Schritten", erinnert sich Rupert Gramß, der mit seinem Bruder Gerhard in die Fußstapfen des Bäckermeisters trat. Ebenso wie Reinhold Gramß seinem Vater Hans nach dem Krieg nachgeeifert hatte. Wobei die Backtradition im Familienanwesen der Unteren Königstraße 30 noch viel weiter zurückreicht. Bis ins Jahr 1878, als Johann Michael Beckstein hier eine Bäckerei gründete, die später sein Schwiegersohn übernahm: Reinhold Gramß, Obermeister der Bäcker-Innung, und Großvater des nun 80-Jährigen. Nach der Heirat Reinholds mit der schönen Christine als ältester Tochter, wurde aus der Bäckerei Beckstein Gramß.

"Früh übt sich, was ein (Bäcker)Meister werden will." Nach diesem Prinzip wuchs Jahrzehnte später auch der nun 80-jährige Reinhold Gramß heran. So wünschte sich der Bamberger, der die Oberrealschule (heute CG) besuchte, von Kindesbeinen an keinen anderen Beruf als den seines Vaters, Großvaters und Urgroßvaters.
Lehrjahren in Würzburg folgten Lehrgänge in der Schweiz und in Schweden, wo der angehende Bäcker- und Konditorenmeister in die süße Welt der Pâtisserie schnupperte. Die hohe Kunst des Konditorenhandwerks brachte Gramß nach Bamberg. In der Unteren Königstraße 30 übernahm der mittlerweile 28-Jährige das Café Gramß und die Bäckerei seines Vaters. In Zeitungsanzeigen warb der ehrgeizige junge Mann mit Schweizer Petits Fours, auch "erstklassigen Torten und Eisbomben für die Festtage ab 6 DM".


Große Raumnot

In den 60er Jahren vergrößerte Reinhold Gramß die Bäckerei - unterstützt von seiner Frau Adele, mit der der Bamberger heute über ein halbes Jahrhundert glücklich verheiratet ist. Lebensmittelgeschäfte, Krankenhäuser und Hotels mussten inzwischen beliefert werden. Dementsprechende Raumnot herrschte im Familienanwesen. "Einen geeigneten Bauplatz zu finden, war aber kein leichtes Unterfangen." Gespräche mit Oberbürgermeister Mathieu führten letztendlich zum Spatenstich im unerschlossenen Bamberger Norden - "dem Laubanger, wo's damals vor allem Felder gab und die Hasen herumsprangen".

Gut ist Gramß' ältestem Sohn noch in Erinnerung, über welche Schotterpiste er 1971 mit seinen Eltern zum Bauplatz fuhr. Im darauf folgenden Jahr wurde Gramß' Backhalle eingeweiht. Am neuen Standort wuchs und gedieh das Unternehmen weiter. Die Produktion wurde ausgebaut, ebenso das Filialnetz und die Bäckermobilflotte. "Gut schmeckt, was Gramß bäckt" hieß der Werbeslogan jener Jahre.


Vopos gleich zur Stelle

1989 die Wende. "Und mein Vater wertete den Mauerfall als Auftrag, weil unsere Vorfahren aus dem Thüringer Wald kamen", so Rupert Gramß. Mit dem Backmobil fuhr der Unternehmer gleich nach der Grenzöffnung nach Rudolstadt, wo sich die Vopos frühmorgens seiner annahmen: "Sie kauften die ersten Bamberger Hörnla, die wir zu Ost-Preisen anboten. Eine Stunde später war unser Backmobil leer."

Fortan brachte Gramß das Gebäck, das er in den 90er Jahren auch in die USA, nach Russland, Frankreich, ja selbst Venezuela exportierte, über die gefallene innerdeutsche Grenze. "Die Hörnla waren ein Renner, so dass wir sie bald in unterschiedlichsten Varianten mit Nuss, Aprikosenfüllung und Schokoglasur offerierten." Angesichts des Hörnla-Potenzials trat der Bamberger Unternehmer in Kontakt mit der Treuhand und übernahm wenig später das Suhler Backwarenkombinat. "Über 200 Thüringer Bäcker und Konditoren waren hier 1991 beschäftigt und belieferten nach unseren Rezepten die gesamte Region." Auch die "Gramss-Wecken" gingen bald weg wie warme Semmeln, pardon Konsumbrötchen: "Denn an ihrer kompakten Form orientierte sich mein Vater - wohl wissend, dass man im Osten mit leichteren Westbrötchen nichts anfangen konnte."

Bis auf die Titelseite eines Heimatbuches schaffte es der Gramss-Weck. Dementsprechend übernahm der Bamberger Bäckermeister 1992 noch die Konsumbetriebe im sächsischen Meerane. Nach der Jahrtausendwende hatte sich die Unternehmensgruppe Rupert Gramß zufolge sogar auf fünf Produktionsstandorte mit fast 2000 Mitarbeitern und 280 Filialen in Mitteldeutschland vergrößert. "Und laut Backbusiness, der Fachzeitung für die Bäckerbranche, belegte mein Vater Platz acht unter den größten Bäckereien Deutschlands."

2003 übernahm die fünfte Generation das Unternehmen. Aber die goldenen Jahre waren vorbei: 2011 meldete die Gramss-Gruppe Insolvenz an, "von der die Bamberger Tiefkühlteigproduktion blieb", so Rupert Gramß. Der älteste Sohn, der die Trosdorfer Landbäckerei aufgebaut hatte, war inzwischen als Professor der Betriebswirtschaftlehre in Weihenstephan-Triesdorf tätig. "Während mein Bruder Gerhard mit der Weiterführung der Tiefkühlteigproduktion an unserer Familientradition festhält. Mit seinen Tiefkühlteiglingen war unser Vater in den 90er Jahren ja vielen Konkurrenten weit voraus und startete den Export in diverse Länder."


Liebe zur Musik

Reinhold Gramß war als innovativer Unternehmer, der sich auch für das Obdachlosenprojekt "Menschen in Not" engagiert, 2002 in Bayreuth mit dem Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik ausgezeichnet worden. Übrigens feiern am 12. 12. zehn Enkel mit dem nun 80-Jährigen, der sich inzwischen vor allem der Musik verschrieben hat. "Mal lauscht unser Vater den Bamberger Symphonikern, dann wieder erfreut er sich an Konzerten meines Bruders Klaus und seiner Frau Cordula."

Stolz blickt Gramß auch auf den Werdegang der Enkel - darunter Hannah, die mit dem Bundesjugendorchester um die Welt reist. "Und bis heute beginnt unser Vater mit einem Bamberger Hörnla jeden Tag, der abends mit einem kräftigen Bio-Brot endet." Herzlichen Glückwunsch zum 80. Geburtstag!