Vorbeigefahren. Wieder einmal führt der Weg in die Universität vorbei an dem Laden in der Siechenstraße 10. Einladend sieht anders aus. Im Schaufenster hängen alte, vergilbte, handgeschriebene Preisschilder. Immer wieder hätte man einfach den Laden betreten können.

Aber manchmal kommt alles anders und in diesem Fall auch fast schon zu spät. Sobald man "Gack's Frischeladen" einmal betreten hat, weiß man: Es gibt sie, die Liebe auf den zweiten Blick.



Das kleine Lädchen versprüht diesen "Tante-Emma-Nostalgie-Faktor". Das Lebensmittelgeschäft besteht seit 79 Jahren in Bamberg, immer in Familienhand. Einkaufen dient hier nicht nur dem Zweck, Einkaufen in "Gack's Frischeladen" ist vielmehr ein Erlebnis.

So ist es nicht verwunderlich, dass die bevorstehende Schließung bei vielen Bambergern Traurigkeit hervorruft. Noch halten sich Harald und Christine Krause mit der Verkündung ihrer Ladenschließung zurück. Vielleicht, weil sie sich selbst noch gar nicht so recht vorstellen können, wie ein Tag ohne die Arbeit im eigenen Laden aussehen wird.

Wenn's am schönsten ist
Harald Krause zündet sich eine Zigarette an. 37 Jahre Arbeit, so gut wie täglich, sind an ihm nicht spurlos vorüber gegangen. "Als Selbstständiger geht man nicht zum Arzt. Ich war in den letzten Jahren einmal krank. Und da wurde mir eine Niere entfernt."

Tiefe Falten im Gesicht, angeschwollene Finger. Es braucht fünf Sätze, bis Harald Krause im Gespräch auftaut. Er wirkt erschöpft.Neben Wehmut blitzt in seinen Augen aber immer wieder ein Funken Hoffnung auf, dass es ab dem 31. Dezember etwas ruhiger wird. Gearbeitet hat er in den letzten Jahren genug.

Es sind die Arbeiten hinter der Kulisse, am Morgen und nach Ladenschluss: "In der Zwiebelkuchensaison schält und schneidet meine Frau bis spät in die Nacht kiloweise Zwiebeln. Um fünf Uhr steht sie dann auf, um den Kuchen ganz frisch in den Ofen zu schieben."

In "Gack´s Frischeladen" gibt es alles und noch mehr. Christine Gack erfüllt seit 1967 Kundenwünsche - und das mit Herzblut. In der Bamberger Siechenstraße ist sie geboren, mit 14 Jahren beginnt sie eine Ausbildung im Laden ihrer Eltern. "Ich glaube nicht, dass ich meine Frau hier jemals wegbekomme", sagt Harald Krause.
Grund für die Eröffnung des Geschäftes vor fast 80 Jahren war eine neue Lebensmittelverordnung unter Adolf Hitler. Die damaligen Milchfrauen, die mit einem Leiterwagen Milchwaren von Haus zu Haus gebracht haben, mussten nachweisen, dass die Ware gekühlt verkauft wurde.

Eine eigene Verkaufsstation konnte bei einem durchschnittlichen Verkauf von rund 600 Litern am Tag eröffnet werden. Katharina Gack war eine der Milchfrauen, die sich 1934 "selbstständig" machen konnten.

Passend zur Ladeneröffnung für Milchwaren lernt Sohn Lorenz Molker und Käser bei der Molkerei Albert in Scheßlitz. Im Jahr 1950 übernimmt Lorenz Gack das Geschäft und verlegt den Firmensitz 1954 in das heutige Anwesen in der Siechenstraße 10. Mit Lorenz Gack erweiterte sich erstmals die Produktpalette.

Beliebt: Wein und Spirituosen
Das ursprüngliche Milchgeschäft erhielt 1949 die Erlaubnis zum Kleinhandel mit Nährbier. Süßwaren, Schokolade, Kakao und Tee ergänzten nach und nach das Sortiment.

"Irgendwann durften wir dann auch Waschmittel und andere Hygieneartikel verkaufen. Da gab es einige Auflagen zu erfüllen", erzählt Harald Krause. 1960 kam der Handel mit Wein und Spirituosen hinzu.

Betritt man den Laden, steht man vor einem Meer aus unterschiedlichen Lebensmittelverpackungen. Gestapelt in Regalen, dicht an der Wand, teilweise nur mit einer Leiter zu erreichen. Und dann ist da rechts dieser zusätzliche Raum, in dem einem als erstes das Waschmittel ins Auge fällt. Direkt daneben Zahnpasta, Wein und Likör.
Wer sich hier nicht auskennt, wird erschlagen von all den Verpackungsaufschriften - dafür fällt einem die Auswahl leichter, denn während man sich im Supermarkt durch all die Marken kämpfen muss, kann man auf Christine Krauses Vorauswahl vertrauen. Hat man den Laden einmal betreten, kauft man immer und immer wieder in "Gack's Frischeladen" ein.

Es ist das Jahr 1976, als Lorenz Gack die Geschäftsleitung an seine Tochter Christine Krause übergibt. Sie ist mit dem elterlichen Betrieb nicht nur seit ihrer Ausbildung, sondern von klein auf, vertraut.

Bis heute führt Christine Krause gemeinsam mit ihrem Mann den Laden. "Wenn mich meine Frau ärgert, dann drohe ich immer damit, dass ich zum Arbeitsamt gehe und mich arbeitssuchend melde", schmunzelt Harald Krause. Die jahrelange Zusammenarbeit hat das Ehepaar müde gemacht, die Arbeit zehrt nicht an der Begeisterung, aber an der körperlichen Verfassung.

Wenn Harald Krause über seine Ehefrau Christine spricht, ist da Bewunderung und ein wenig Sorge. Er schwärmt regelrecht für sie und die Hingabe, mit der sie immer noch nach all den Jahren jeden Tag arbeitet.
"Sie kennt wirklich jeden Kunden und kann sich die Namen auf Anhieb merken. Ich muss da manchmal noch auf unserem Spickzettel nachsehen", erklärt er.

Harald und Christine Krause sind mit den meisten Stammkunden per Du. "Die Leute stellen sich uns schon gar nicht mehr anders vor", sagt Harald Krause und ergänzt: "Einmal sollte ich einem Stammkunden von uns einen Kasten Bier nach Hause bringen. Als ich dann vor all den Klingelschildern stand, wusste ich, dass es gar nicht immer von Vorteil ist, wenn man nur den Vornamen kennt." Gefunden hat er den richtigen Nachnamen aber zum Glück noch.

Name "Gack" kann bleiben
"Bald ist es wieder so weit. Mit Allerheiligen startet die Produktion unserer Plätzchen", kündigt Harald Krause an.

Es sind diese Kleinigkeiten, die Christine Gack als "Schmankerl" in ihrem Laden anbietet. "Der Nachfolger soll uns nicht kopieren", sagt Harald Krause und erklärt weiter, warum sich die Nachfolgesuche so schwierig gestaltet. Die Arbeit müsse Hand in Hand laufen. "Der Name kann übernommen werden", sagt Harald Krause, "aber alles andere muss aus eigenen Ideen aufgebaut werden. Die Kuchen meiner Frau schmecken nur bei meiner Frau sowie sie jetzt schmecken und geliebt werden."

Allerdings: Ganz unrecht ist Christine Krause das nahende Ende ihres Familienbetriebes nicht: "Wissen Sie, wenn ich mir jetzt vorstelle, dass ich jeden Morgen höre, wie die Lkw die Lieferungen bringen, wie unten sich Kunden tummeln...der Gedanke, dass ich dann nicht mehr arbeiten kann, schmerzt schon."

Anders ist das bei ihrem Mann Harald: "Mich kann man aus- und einschalten." Für ihn bedeutet der Ladenschluss zum Ende des Jahres zwar eine Umstellung des Tagesablaufes, aber er ist froh, wenn er noch etwas vom Leben mit seiner Ehefrau genießen kann.

Die Ära "Gack's Frischeladen" geht wohl ohne Nachfolge zu Ende. Sicher ist: "Gack's Frischeladen" bleibt nicht in der Familie. "Warum sollten meine Söhne ihren festen Job, Urlaub, finanzielle Absicherung und all das von heute auf morgen aufgeben", so Christine Krause.

Neue Ideen und den nötigen finanziellen, aber vor allem auch familiären Rückhalt brauche es, um in dieser Arbeit nicht unterzugehen. Kopieren kann man Harald und Christine Krause nicht, aber man kann sich etwas von ihrer Verkaufsphilosophie abschauen. Aus einem Gästebucheintrag im Netz geht hervor, mit welchem Arbeitseifer und mit welcher Menschlichkeit ein Einkauf auch in der heutigen Zeit verbunden sein kann: "Mir sind vor allem die freundliche und warmherzige Art der Krauses in Erinnerung geblieben. Selbst am heiligen Sonntag bekam man dringend benötigte Dinge. Bezahlt wurde am folgenden Werktag zur normalen Öffnungszeit. Und wenn am Ende des Geldes noch etwas Monat übrig war, konnte man auch anschreiben lassen. Selbst bei verhauenen Klausuren, Liebeskummer oder Ähnlichem konnte man im Laden Zuspruch oder Anteilnahme erfahren. Welcher Discounter vermag all das zu leisten?"

Howard Westoll war Student in Bamberg. Ein treuer Kundenstamm für die Familie. "Morgens und abends herrscht zwischen den Gassen ein wahrer Wildwechsel von Studenten", sagt Harald Krause.

Schlecht ist es Familie Krause nicht ergangen. Aber der Wunsch nach Leben, nach Muße, nach Genießen, lässt Harald und Christine Krause bei der Entscheidung bleiben: "Heuer gibt es den letzten Zwiebelkuchen. Den letzten Federweißer. Die letzten eigenen Plätzchen."

Vielleicht verrät Christine Krause dem ein oder anderen zum Abschluss der Gack-Ära ja sogar das Geheimnis ihrer Walnuss-Plätzchen.