Wer Sport treibt, noch dazu einen Wettkampf- und Mannschaftssport wie Fußball, der geht eine gewisse Verletzungsgefahr ein. Das ist eine Binsenweisheit, die gestern durch die Entscheidung eines Bamberger Zivilrichters untermauert wurde: Sven Wittig wies die Klage eines heute 20-jährigen Unterfranken auf Schmerzensgeld gegen einen Spieler (19) einer gegnerischen Mannschaft ab. Den beklagten Kicker trifft der Urteilsbegründung zufolge keine Schuld an den erheblichen Verletzungen, die der Kläger 2010 bei einem Jugendfußball-Hallenturnier in Eltmann erlitten hat.

Der 20-Jährige, damals Mitglied in der Jugendmannschaft des TSV Kirchaich, hatte nach dem Spiel ins Klinikum Bamberg eingeliefert werden müssen. Die Ärzte stellten einen Bruch des Wadenbeins und des Innenknöchels sowie Bänderrisse fest. Sein Kontrahent spielte seinerzeit in der Jugendmannschaft des FC Haßfurt.

Von der Schwere der Verletzungen allein lässt sich laut Richter Wittig kein Verschulden des sportlichen Gegners ableiten. Für die Behauptung des Geschädigten, er sei Opfer eines unfairen Zweikampfs geworden und der andere habe absichtlich nachgetreten, gebe es keine Beweise. Auch der Schiedsrichter hatte nur ein einfaches Foul gesehen.

"Nicht anders erwartet"

Für Gerold Windfelder, den Rechtsanwalt des beklagten Kickers, ist die Welt nach dieser Entscheidung wieder in Ordnung. Er ist nach eigenen Worten davon ausgegangen, dass die Klage abgewiesen wird, sagte er gestern im Gespräch mit unserer Zeitung. Alles andere wäre seiner Meinung nach eine Katas trophe für den Sport gewesen, hätte "zu einem Flächenbrand geführt" und den Fußball "landesweit kaputt gemacht". Eine Verletzungsgefahr liege in der Natur von Sportarten wie Fußball. Hätte der Kläger Recht bekommen, hätten Vereine künftig landauf und landab bei jedem Spiel damit rechnen müssen, dass Schadensersatz- oder Schmerzensgeldklagen auf sie zukommen, meint der Haßfurter Rechtsanwalt.

Noch ist die gestrige Entscheidung nicht rechtskräftig und eine Berufung zum Oberlandesgericht Bamberg möglich. Ob der Kläger und sein Anwalt Willy Marquardt (Ebelsbach) Rechtsmittel einlegen werden, ist derzeit offen. Auf Anfrage sagte der Jurist, er wolle die schriftlichen Urteilsgründe abwarten und dann mit seinem Mandanten das weitere Vorgehen beraten. Seiner Meinung nach hätte die Klage auch anders ausgehen können. Er spricht von einem Fall "im Grenzbereich", der so aber auch anders hätte entschieden werden können.

Marquardt teilt auch nicht die Bewertung seines Kollegen Windfelder, dass die Zukunft des Fußballs durch ein anders lautendes Urteil in Gefahr geraten würde. Man habe es hier mit einem Einzelfall zu tun, in dem nach seiner Überzeugung ein junger Fußballspieler die Grenzen dessen, was in der sportlichen Auseinandersetzung erlaubt ist, klar überschritten habe.

Den Prozess gern vermieden

Dem Ebelsbacher Rechtsanwalt ist die Feststellung wichtig, dass sein Mandant einen Prozess vermeiden wollte. Man habe versucht, sich außergerichtlich mit der Haftpflichtversicherung des anderen Spielers zu einigen. Das sei leider nicht gelungen.

Der Bayerische Fußball-Verband (BFV) erfuhr von dem "Fall" erst durch die Anfrage unserer Zeitung. Patrik Domanski, Mitarbeiter in der Presseabteilung des BFV, sagte, es sei die Ausnahme, dass ein Foulspiel vor Gericht landet. Unabhängig vom speziellen Fall, über den sich Domanski aus der Ferne kein Urteil anmaßen mochte, meinte der Verbandssprecher: "Es ist dem Sport sicher nicht zuträglich, wenn sich Spieler nach Verletzungen gegenseitig verklagen." Es sei nun einmal so, dass man sich beim Sport verletzen kann und insbesondere bei kampfbetonten Spielen wie Fußball. Ob der Verband weit reichende Folgen für den Fußballbetrieb befürchten würde, wenn der Schmerzensgeld-Klage statt gegeben worden wäre? Zu einer Antwort auf diese Frage sah sich der Sprecher außer Stande.