"Mich ärgert es, wenn die Leute in den Möbelhäusern Poster kaufen. Für die 60 Euro könnten sie auch Kunst aus der Region bekommen." Annette Groh ist froh, dass dank der neuen Artothek in Hallstadt authentische und in der Gegend entstandene Kunst unter die Leute gebracht wird. Der Bamberger Thomas Gleixner pflichtet ihr bei. "Sieben Euro für ein Vierteljahr, das ist gar nichts", findet er. Wie so viele andere sind auch diese beiden Fans der Artothek-Initiatorin, Künstlerin und Kunstdozentin Waltraud Scheidel.

So kommen sie selbstverständlich in die Hallstadter Bücherei, um das Wachstum der Artothek - Bilder- und Kunstausleihe - auf aktuell 74 Werke mitzufeiern.

Mit ihnen feiern viele Besucher aus Hallstadt und der Region, ebenso Künstler, meistens solche, deren Werke man hier ausleihen kann und natürlich Waltraud Scheidel.

Die Bilder unterschiedlicher Formate und Stilrichtungen hängen sowohl in Räumen des benachbarten Rathauses als auch in der Bücherei. Die Ausleihe erfolgt allerdings nur in der von Claudia Helmreich geleiteten Bücherei. Deren Team hat sich, wie man hier auf Schritt und Tritt erlebt, inzwischen schon gut in die Welt der Kunst vorgearbeitet. So schaffen es die Mitarbeiter, die Werke so zu positionieren, dass sie wie anspruchsvolle Bücherei-Elemente wirken.


Bilder im Katalog

Wer sich für ein bestimmtes, im Katalog aufgeführtes Bild interessiert, muss sich regelrecht auf die Suche begeben.

Der Hirschaider Künstler Klaus Borowietz etwa, der sein Werk sucht. Nicht nur ihn trifft man bei dieser Artothek-Feier. Maria Söllner sucht ihr Bild gleichfalls. In einer Lese-Ecke wird sie fündig und stößt dabei auf eine äußerst interessierte Betrachterin: Irmgard Kramer, ihrerseits Künstlerin. Im März aus Düsseldorf zugezogen. Die beiden kommen schnell ins Gespräch. Dass die Düsseldorferin "Herrn Beuys" (Joseph Beuys, versteht sich) noch 50 Pfennig schuldet, dürfte nur eine interessante Facette auch dieses Kunstgesprächs sein.

Hallstadt ist wohl auf dem besten Weg, sich in Sachen Kunst zu einer wichtigen Location zu entwickeln. Eben weil es zur Anlaufstelle und Begegnungsstätte wird.
Ein gutes Beispiel dafür, wie sich Menschen, die bislang wenig mit zeitgenössischer Kunst am Hut hatten, auf dieses Terrain vorwagen, dürfte Büchereileiterin Helmreich sein. Mit Begeisterung führt sie Besucher zu den Bildern, zeigt stolz eine nahezu über der Wendeltreppe frei schwebende Bilder-Installation und zieht respektvoll zum Wagenhäuser, "unserem größten Bild hier", gleich über dem Aufzugschacht. Damit das Bild hier wirken kann, wurde darüber ein Textil gehängt, das perfekt mit dem Stahlgrau des Aufzugs korrespondiert, wie auch Wagenhäuser selbst später noch loben wird.
Helmreich und ihre Kollegen vom Bücherei-Team arbeiten seit November gefühlt noch einmal so gern in diesem Haus. "Man hat Zeit, sich mit einem Bild zu beschäftigen, und das braucht es auch", verrät die Bücherei-Leiterin. Sie hat die Lektion von Waltraud Scheidel bei einer Artothek-Veranstaltung offenbar gut gelernt und verinnerlicht. "Aber auch Gerhard Schlötzer hat uns viel beigebracht." Die Artothek, die noch auf Fertigstellung der eigenen Räumlichkeiten in der Fischergasse wartet, bietet schon im Provisorium Bücherei nicht nur Bilder zum Entleihen (oder auch Erwerb) an, sondern flankiert das Angebot mit einfühlsamen Vorträgen, bei denen Künstler Einblick in ihr Werk und Schaffen geben.

Allein die Präsenz der Bilder in der Bücherei hat bewirkt, dass sich Helmreichs Vorgänger, Rudolph Härtl spontan zwei Bilder ausgeliehen hat. Die Titel weiß, er zwar auf Anhieb nicht, aber sie haben ihm gefallen und er will sich zuhause damit beschäftigen.


39 Ausleihen

Seit November wurden insgesamt 39 Bilder der Artothek ausgeliehen. Das findet Hallstadts Bürgermeister Thomas Söder (CSU) einen wirklich schönen Erfolg: "Die Ausleihzahlen sind ganz hervorragend." Dafür, dass der Stadtrat hinter Idee und Einrichtung steht, ist er dem Gremium dankbar. Das Engagement des Büchereiteams trägt gleichfalls zum Erfolg bei.

Dass Hallstadt der Weltkulturerbestadt in unmittelbarer Nachbarschaft in diesem Segment mit der ersten und einzigen Artothek in Oberfranken den Rang abläuft, erfüllt ihn wohl schon mit einer gewissen Genugtuung. Jetzt wäre es schön, wenn allmählich auch ein paar Bilder verkauft würden, findet Gerhard Schlötzer.

Die Hallstadterin Ilse Gunreben würde ja gerne ein Werk Peter Schoppels, den sie gut kennt, erwerben. Aber derzeit ist wohl noch nicht das richtige dabei.

In der Bücherei fällt es den Besuchern augenscheinlich leicht, sich ganz unverkrampft auf Kunst einzulassen. Denn erst in der Auseinandersetzung mit einem Werk passiert etwas, weiß auch der weit bekannte Bamberger Metallbildhauer Wagenhäuser. Die Artothek, so ist er sich sicher, sie besitzt Strahlkraft.


Kommentar von Anette Schreiber:

Hallstadt, ein Vorreiter

Mt Verlaub, Bamberg hat es nicht geschafft. Vielleicht ja auch gar nicht in Erwägung gezogen, dafür aber Hallstadt: Hier ist die erste Artothek in ganz Oberfranken im Entstehen und nach den ersten Monaten lassen sich sowohl Akzeptanz als auch Wachstum feststellen.

Man kann den Hallstadtern zum Wagemut und das Einlassen auf etwas ganz Anderes und Neues nur gratulieren und vor allem auch Waltraud Scheidel für ihre Fähigkeit, die Entscheidungsträger nicht nur zu überzeugen, sondern auch zu begeistern, nicht genug loben. Die Artothek tut Hallstadt gut, und sie tut der Region gut.Vor allem bereichert sie die Kulturlandschaft, indem sie einen niederschwelligen Einstieg in zeitgenössische Kunst ermöglicht.

Damit hat Hallstadt die Nase vorn. Schön, dass eine Kommune die es finanziell kann, auch bereit ist, sich Kunst für die Allgemeinheit zu leisten.

Ein spannendes Projekt, ein schönes noch dazu. Glückwunsch auf der ganzen Linie.