"Tempus fugit et nos igitur." Wer kennt sie nicht, diese Redewendung aus dem Lateinischen, die dem Menschen die Vergänglichkeit der Zeit ebenso ins Gedächtnis ruft wie seine eigene. In Falk Richters "Electronic City (Airport Romance)" vergeht die Zeit allerdings besonders schnell.

Sie rast förmlich, so dass die Figuren, allesamt reichlich gesichtslose, Jetset geplagte Manager im Dauerwartezustand einer Flughafenlobby, sich darin selbst verlieren. Das Schauspiel, das am Sonntag im E.T.A.-Hoffmann-Theater Studio-Premiere feierte, hält dem Publikum auf erschreckende Weise einen Spiegel vor. Die rhythmisch rasante, dabei aber fein austarierte Inszenierung von Alice Asper lohnt sich für all diejenigen, die nachdenklich gestimmt das Theater verlassen wollen.

Schneller, höher, weiter. Das ist das Motto von Tom und Joy. Ihr Leben wird bestimmt von Bits und Bytes, Downloads und Outsourcing, Aufputsch- und Beruhigungsmitteln. Mobil und flexibel sollen sie sein, die Arbeitnehmer von heute, stets funktionieren. Handy, Laptop, Tablet, Kamera: Die Waffen der Moderne sind jederzeit griffbereit, die Technik ist in Richters "Electronic City" gleichsam mit den Figuren verwachsen, der Rollkoffer stets gepackt. Business-Anzüge werden zu Uniformen, alle sehen gleich aus, allenfalls die Farbe ihrer Krawatten unterscheidet sie. Dass dabei keiner der Schauspieler besonders hervorgehoben werden kann, muss nicht verwundern, fügt sich das doch ins Konzept des Stücks. Jeder von uns ist Tom. Jeder von uns könnte Joy sein, denn: Wir alle sind austauschbar, so lautet die Botschaft. Dabei überzeugen die Schauspieler vor allem mit der verkörperten Anspannung, die sie auf die Bühne bringen, einer latent vorhandenen, sexuell aufgeladenen Aggressivität, die jederzeit eruptieren kann.

Regisseurin Asper ist es gelungen, eine Choreografie der Gehetzten zu inszenieren, getragen von orgiastischem Stimmengewirr. Einzig Sybille Kreß sticht mit ihrem präzisen und präsenten Spiel besonders hervor und überrascht mit einer Interpretation von Lana Del Reys "Video Games", eine musikalische Referenz an das Stück an sich, filmen sich die Schauspieler doch permanent bei ihrem eigenen Spiel. Was ist da noch echt, was emotionslose Show, muss sich der Zuschauer in dieser anspruchsvollen Parabel auf die Hektik der Gegenwart fragen. Ist das das echte Leben oder spielen wir nur unsere Rollen? Die Welt wird dominiert von Aktienkursen, Gewinnmaximierung und einem endlosen Datenstrom. Der Mensch wird selbst zum Computer, der gelegentlich abstürzt, wenn das Gehirn nicht mehr richtig rechnet.

Ausstatter Karlheinz Beer hat die Bühne spartanisch gehalten. Ein Wasserspender, illuminiert von kaltem, bläulichem Licht, zwei Monitore mit Abflugzeiten und Terminalnummern darauf und ein paar Stühle bilden die Lobby eines Flughafens im Nirgendwo; ein ortloser Ort, an dem sich auch die Zuschauer befinden, sitzen sie doch auf den gleichen Stühlen wie die Schauspieler. Die hetzen über die Bühne, am linken Ausgang raus, rechts wieder rein. Wo befinden sie sich eigentlich gerade? Rom, Madrid, Brüssel? Ist ja auch schon egal.

"Electronic City" am Bamberger Theater bietet spielfreudige Akteure, eine rhythmisch stimmige Inszenierung, getragen von der passenden Musikauswahl (beispielsweise "Thistle & Weeds" von Mumford & Sons) sowie tiefgründige Unterhaltung.


Stück

Bei "Electronic City (Airport Romance)" von Falk Richter handelt es sich um ein Schauspiel der Gegenwartsdramatik. Das Stück wurde 2003 uraufgeführt und zählt mit Übersetzungen in mittlerweile mehr als 20 Sprachen zu einem der weltweit meist gespielten Texte der neuen Dramatik.

Inszenierung

Am E.T.A.-Hoffmann-Theater führt Alice Asper Regie, für die Ausstattung zeichnet Karlheinz Beer verantwortlich. Zu den mitwirkenden Ensemblemitgliedern zählen Verena Ehrmann, Sybille Kreß, Thomas Jutzler, Eckhart Neuberg, Felix Pielmeier, Volker J. Ringe, Patrick L. Schmitz und Florian Walter.

Premiere

"Electronic City" feierte am 17. März 2013 im Studio Premiere. Weitere Vorstellungen sind geplant für den 19.-24. März sowie für den 4.-7., 12. und 14. April. Am 13. April findet um 15 Uhr eine Nachmittagsvorstellung statt.