Vom Jäger werden Rehkeulen geliefert, Claudia Raab dirigiert diese gleich in den Kühlraum. Dann ein Blick auf die Uhr - in zwei Stunden ist Probe. Zu ihren Kindern muss die 37-Jährige auch noch. Schnell schreibt sich die junge Frau "Oma" auf den Handrücken, denn sie darf nicht vergessen, der zum Geburtstag zu gratulieren. Die 86-Jährige ist ein hoch geschätzter Rezept-Fundus und hilft noch in der Küche mit. Der gute Geist hinter dem Tresen und sonstigem, Sebastian Dreßel, schwirrt seinerseits über den liebevoll hergerichteten Dreiseithof. Seit 1875 ist der samt Wirtschaft in Familienbesitz. "Zum Wirt" muss man geboren sein, lautet die Familien-Philosophie. Für Claudia Raab gilt das genauso wie für ihren Vater. Deswegen führt sie den Betrieb seit diesem Jahr und in fünfter Generation. Mit einem ganz neuen Ansatz, der auch ihre eigenen Bedürfnisse erfüllt.

"Ich brauche eine Bühne", sagt die quirlige Frau strahlend. Schon der Großvater war begeisterter Musiker, ebenso der Vater. Schließlich hat jedes der fünf Kinder nicht nur eifrig mitgesungen, sondern auch ein Instrument erlernt. Neben der ganz selbstverständlichen Arbeit in der Gaststätte. Claudia hat sich dabei nicht beim Spülen versteckt, sondern war an der Front bei den Gästen, sie hat bedient.

Claudias Gitarre liegt für den nächsten Einsatz im Wagen bereit. Eines von mehreren Familien-Akkordeons hat einen Ehrenplatz im Schaukasten. Einmal im Monat spielt Sebastian Dreßel beim Wirtshaussingen auf.

Das genügt der Tochter nicht. Sie hat sich in vielen Jahren zur vielseitigen Sängerin ausbilden lassen, die bei Familienfeiern ebenso auftritt wie bei Aufführungen des Fränkischen Theatersommers und mittlerweile auf der eigenen Bühne in der Scheune des Gasthofes. Ein Teil des Konzeptes, mit dem Claudia Raab das Unternehmen fit für die Zukunft machen will.

Nach dem Tod der Mutter vor zwei Jahren, von der alle sagen, sie sei Herz und Motor der Wirtschaft gewesen, haben Sebastian Dreßel und seine Kinder mit ihren Partnern die Wirtschaft mehr oder weniger improvisierend über Wasser gehalten. Es wurde eine GmbH gegründet, damit derjenige, der hier weitermacht, auch abgesichert ist. "Klar war immer, dass einer alles bekommt", erklärt der 62-Jährige. Nachdem sich einige Geschwister versucht hatten, aber dann andere Pläne verfolgten, blieb Claudia.

Als gelernte Hauswirtschafterin und Hotelfachfrau kann sie kochen und Service. Ihr Ehemann und die Kinder stehen voll hinter der Mama als Wirtin. "Sonst würde das nicht gehen", weiß sie. So werden zugleich ein bisschen die Weichen dafür gestellt, dass womöglich eines ihrer Kinder "Zum Wirt" wird.

Grundsätzlich hatte für Sebastian Dreßel und seine verstorbene Frau Gerlinde immer festgestanden, dass jedes der Kinder den Betrieb übernehmen kann, "aber dann alles". Also Gastwirtschaft und Landwirtschaft. Heute sind die Felder erst einmal verpachtet.

Aber bald könnten sie wieder das liefern, was in der Gaststätte auf den Tisch kommt: Heimisches, Ökologisches, Fränkisches. Auch wenn man zwei Mal im Jahr Sushi anbietet. "Einfach, weil das heute ein Muss ist", steht für die Chefin fest. 20 Gerichte umfasst die Karte, zu der Claudia Raab sagt: "Ich möchte sie noch kleiner, noch regionaler und mit noch mehr vegetarischen Gerichten machen."

Freitags und sonntags

"Zum Wirt" kann man freitags und sonntags (ab dem Nachmittag ist geschlossen). Dazu kommen noch Familienfeiern und ab und zu eine Versammlung aus dem Ort. Das Gros der Gäste - im Alter von 16 bis 86 - kommt jedoch aus dem gesamten Bamberger Landkreis und den angrenzenden. Neun Teilzeitkräfte und Geringverdienende aus dem Ort und Umgebung schmeißen den Laden. Wenn sie in den Urlaubsmonaten frei haben, greift man bei Veranstaltungen auf Caterer zurück.

Neben dem im eigenen Backhäusla gebackenen Zwiebelkuchen und den Karpfen zählt das Kleinkunstprogramm zu den Spezialitäten des Hauses. Acht Veranstaltungen sind es in diesem Jahr. Dabei tritt Claudia Raab selbstverständlich selbst auf, wobei sie bis zu den letzten Minuten noch selbst bedient. Wohl ein weiteres Alleinstellungsmerkmal. In diesem Jahr will die Künstlerin die Mischung aus guter Küche und guter Kleinkunst weiter modellieren. Froh ist sie freilich darüber, dass der Mann noch einen festen Job hat. Zur Sicherheit.

Das man "Zum Wirt" geboren sein muss, weiß die 37-Jährige inzwischen nur zu gut: Denn genau das hat sie gespürt, als man vor ein paar Jahren begonnen hatte, zu besonderen Anlässe wieder Bier zu brauen. "Das war ein Gefühl, wie wenn dir klar wird, den heiratest du." Genau deswegen will sie die Familien-Gaststätte am Leben erhalten. Dabei hilft ihr die Familie - die eigenen Kinder und der Mann, aber auch Geschwister, Vater und Großmutter. Denn auch die verfügen über eine sehr emotionale Beziehung, ja auch eine Art Liebe "Zum Wirt".