"Die Auswahl ist nicht mehr sehr groß. Aber ich schließe heute mein Geschäft", erläutert Edelgard Koch einem jungen Pärchen, welches zum Einkaufen in den kleinen Tante-Emma-Laden in der Sandstraße gekommen ist. Doch wie alle Kunden, die die Ladeninhaberin in den letzten fünfeinhalb Jahrzehnten bedient hatte, wurden auch die zwei ihrer letzten Kunden fündig: zwei Flaschen Mineralwasser und eine Tüte Gummibärchen.


"Quetsche" nennt sie das Geschäft liebevoll

"Bei uns kauft man meistens, was man woanders vergessen hat. Reich bin ich daher über all die Jahre mit meiner kleinen Quetsche nicht geworden", schildert sie. "Quetsche" nennt Edelgard Koch liebevoll ihren Laden.
Dennoch fällt es ihr sichtlich schwer, wenn sie heute am späten Nachmittag zum allerletzten Mal den Schlüssel zu ihren Laden herumdrehen wird. Schließlich hat sie 55 Jahre den Laden in der Sandstraße mit Unterstützung ihres Mannes geführt. Und dabei ist er auch ihr sehr ans Herz gewachsen. Dennoch hat das Ehepaar nunmehr endgültig beschlossen, zu Beginn des neuen Jahres sich zur Ruhe zu setzen.

"Ich habe mein Geschäft bei der Stadtverwaltung schon abgemeldet. Aber auch gleich angedroht: Wenn es mir zu langweilig wird, mache ich es wieder auf", scherzt die 77-Jährige tapfer. Das werde, so betonte sie weiter, aber nicht geschehen. Zwar werde sie nicht auf Weltreise nach Hawaii gehen, wie sie in den vergangenen Wochen scherzhaft einigen ihrer Kunden auf die Frage, was sie denn künftig machen werde, erzählt hatte. Vielmehr werde sie ihre neu gewonnene Freizeit dazu nutzen, um auch mal unter der Woche gemeinsam mit ihren Mann in der Stadt einen Tee trinken zu gehen. Oder im Sommer gemeinsam tagsüber im Garten zu sitzen.
"Die letzten Jahrzehnte war ich außer am Sonntag immer für mein Geschäft da. Von früh um sieben bis abends um 18 Uhr", schildert Koch. Erst seit einigen Jahren, nach einer schweren Krankheit, gönnte sie sich am Samstag einen zweiten Ruhetag.


Kaum Urlaub gehabt

Auch hat das Ehepaar sich erst in den vergangenen Jahren regelmäßig einen zweiwöchigen Urlaub genehmigt und für diese Zeit den Laden geschlossen. "Das haben wir uns am Anfang nicht getraut. Ganz im Gegenteil: Wir hatten die ersten Jahrzehnte auch immer sonntags und an den Feiertagen geöffnet gehabt und Brot und Brötchen verkauft", erinnert sie sich.

Selbst nachdem Edelgard Koch drei Söhne bekommen hatte, stand sie nach wie vor täglich in ihrem Laden. Die angrenzende Wohnung hat es ihr erlaubt, sowohl den Haushalt als auch ihr Geschäft zu führen. Zudem, so berichtet sie stolz, seien ihre Kinder immer sehr selbständig gewesen. Selbst als sich einer ihrer Söhne mal den Arm gebrochen hatte, kam er mit den Worten nach Hause: "Ich war schon beim Arzt und habe den Bruch gipsen lassen."


Alles begann mit einem Milchhandel um 1900

Übernommen hatte Edelgard Koch den kleinen Laden im November des Jahres 1959 von ihrer Oma. Die hatte um 1900 herum ihr Gewerbe mit einem Milchhandel angemeldet. Wann genau sie das Tante-Emma-Geschäft in der Sandstraße eröffnet hat, lässt sich nicht mehr nachvollziehen. Laut Edelgard Koch muss es um die 20er-Jahre gewesen sein. Denn 1922 hatten ihre Großeltern das Haus in der Sandstraße erworben. "Ich selbst habe den Laden in einer schwierigen Zeit übernommen. Nach meiner Oma war er kurzfristig vermietet, ehe ich ihn übernahm. Wir hatten damals gerade mal 60 Deutsche Mark in der Tasche und von außen keinerlei Unterstützung", erinnert sich Koch. Auch war es schon damals nicht einfach, ein Geschäft zu führen: denn alleine in unmittelbarer Nachbarschaft gab es neben ihren Tante-Emma-Laden drei weitere kleine Milchläden in der Sandstraße. Doch nach und nach hat sich Edelgard Koch zusammen mit ihrem Mann durchgekämpft, das Sortiment erweitert und Stammkunden hinzugewonnen.

Doch das Riesengeschäft sei es über all die Jahre nie gewesen. Zumal in den letzten Jahren viele ihrer Stammkunden verstorben seien. Und neue Kunden hätte sie kaum gewinnen können. "Uns fehlt die Laufkundschaft. Aus dem Knast dürfen sie nicht raus und in der Sandstraße gibt es zwar viele Kneipen, aber fast keine Familien mehr mit Kindern, die dort wohnen", erläutert sie.


Russische Eier gibt es weiterhin

Und wie wird es mit ihrem Laden weitergehen? Vermieten wird sie ihn auf keinen Fall, da er direkt an ihre Wohnung angrenzt und über alle die Jahre zu ihrem zweiten Wohnzimmer wurde. "Ich werde einfach meinen Mann dort nachts einquartieren, wenn er mal wieder schnarcht", scherzt sie lachend. Zudem will sie dort zusammen mit ihrem Sohn nach wie vor über der Sandkerwa ihre berühmten russischen Eier weiter verkaufen. Nur auf ihre selbst gemachten Spezialitäten wie den Heringssalat oder den Gerupften werden die Kunden ab morgen verzichten müssen...