Wenn Schulpsychologe Detlef Weich die Dyskalkulie definiert, hört sich das im ersten Moment sehr sachlich an: "Es handelt sich um eine psychische Störung, genauer gesagt um eine Rechenstörung - eine Entwicklungsstörung schulischer Fertigkeiten."

Aber Weich weiß sehr genau, was das für Kinder bedeutet, die unter Dyskalkulie leiden. Sie verstehen nicht, welche Zahl größer oder kleiner ist, haben keine Vorstellung von Mengen, können nicht umsetzen, was Zahlen im Leben bedeuten. "Was sind 100 Eier im Vergleich zu zehn Eiern? Oder es wird auf zehn Euro Wechselgeld rausgegeben statt auf 100", erklärt er.

Dyskalkulie hat nichts mit fehlender Begabung oder Intelligenzminderung zu tun. Bei der Diagnose wird auch die bisherige Schullaufbahn unter die Lupe genommen: Ist sie fehlerhaft oder unzureichend? Hat das Kind oft gefehlt? Kümmern sich die Eltern bei den Hausaufgaben? "Die Rechenleistung schauen wir natürlich auch genau an. Liegt sie unterhalb des Niveaus, das durchschnittlich aufgrund des Alters, der Intelligenz und der Beschulung zu erwarten ist?", erläutert Weich. "Möglich ist auch ein standardisierter Rechentest."

Da wird zum Beispiel das Wasser von einem hohen, schmalen Glas in ein breites, niedriges Glas geschüttet und das Kind muss entscheiden, ob die Menge die gleiche geblieben ist. "Die Dyskalkulie muss sauber diagnostiziert werden, in der Regel von einem Kinder- und Jugendpsychologen. Es geht darum, herauszufinden, wo das Kind genau steht. Handelt es sich um eine Rechenstörung oder eine Rechenschwäche?"

Manche Kinder könnten sich eine zeitlang durchlavieren. "Aber wenn der Stoff anzieht, in der zweiten Hälfte der zweiten Klasse, spätestens in der dritten Klasse, werden die Schwierigkeiten offenbar." In dieser Zeit würden auch Kinder mit Legasthenie (Lese- und Rechtschreib-Störung) oder ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) auffällig.
Weich gibt zu bedenken, dass Kinder mit Dyskalkulie nicht unbedingt schlecht in Mathematik, sondern in "Rechnen" sind. "Die Mathematik erfasst viel mehr, etwa die Kombinatorik, logische Strukturen und das räumliche Denken." Die Rechenfertigkeiten seien ein Teil der Mathematik, die Basis. "Auch, wenn man schlecht rechnen kann, kann man trotzdem ein guter Mathematiker sein."

Das Problem für die Psyche des Kindes: "Bekommt es dauernd die Rückmeldung, du bist schlecht in Mathe', übernimmt es diese Erfahrung in sein Selbstbild", erklärt der Schulpsychologe. Dadurch baue sich ein Abwehreffekt auf, der später nur schwer zu überwinden sei.
Aber: Wird die Rechenstörung in der Grundschule diagnostiziert, kann das Kind bei entsprechender Förderung nach zwei bis drei Jahren den Anschluss finden. "Die Eltern brauchen Zeit, Kraft und Liebe", sagt Weich.
Nach der Diagnose könne dem Kind mit Förderprogrammen geholfen werden, sehr hilfreich seien auch außerschulische Institute, die sich spezialisiert haben. Und: "Wenn die Psyche so sehr beeinträchtigt ist, dass Selbstbewusstsein und Selbstbild leiden - das Kind denkt, es sei dumm - dann ist auch eine Psychotherapie notwendig."

Detlef Weich macht Mut: "Die Kinder nutzen beim Üben andere Sinneskanäle, greifen oder verbalisieren. Oder das Kind läuft auf einem Zahlenstrahl und lernt dabei.Wenn dann noch im Elternhaus geübt wird, hat das Kind gute Chancen, aufzuschließen."