S tattlich, ja, das Wort passt. Joe McGonagle muss keine Angst haben, dass der irische Seewind ihn umbläst. Sein Händedruck ist hart, aber herzlich. Wahrscheinlich könnte Joe sein eigener Wagenheber sein, sollte sein Arbeitsgerät mal einen Platten haben. So stark er ist, so sensibel steuert er seinen bordeaux-roten Bus über die gewundenen Straßen im Norden Irlands. Rauf und runter, rechts und links, nah am Steilhang: Der Ire scheint jede Bodenwelle persönlich zu kennen. Keine scharfe Bremsung unterbricht den Blick auf die Landschaft, keine gestresste Geste gefährdet den Wohlfühl-Modus.

Eine Woche durfte ich täglich neben dem ebenso wortkargen wie warmherzigen Mann sitzen, ganz vorne, an der Panoramascheibe seines Busses. Drei Monate ist das jetzt her. Aber ich muss nicht mal die Augen schließen, um den "Wild Atlantic Way" wieder vor mir zu sehen, kurvig wie eine Bob-Bahn zwischen dem tosenden Meer und den grünen Hügeln. Die feuchte Luft, die durchs Seitenfenster hereinweht, riecht salzig, und die Sonnenstrahlen, die sich ihren Weg durch die Wolken bahnen, lassen die Regentropfen auf der Scheibe wie Diamanten glitzern.

Keiner von uns Fahrgästen war je zuvor im Norden Irlands gewesen. Nur Gabi Rübel, unsere Reiseführerin; sie ist Deutsche, hat aber fraglos eine irische Seele. Wir, das sind 20 Franken und Oberpfälzer, die einander nicht kannten, ehe sie sich am Frankfurter Flughafen begegneten und ziemlich schnell eine eingeschworene Gemeinschaft wurden. Freundinnen, die eine "Mädelswoche" gebucht haben, sind ebenso dabei wie Familien und Singles, Lehrer, Handwerker, Studenten. Für viele ist es die erste "Gruppenreise" ihres Lebens. Individual-Reisen kennt jeder. Warum nicht mal was Neues ausprobieren? Die Urlaubszeit ist knapp, aber die Lust, Land und Leute kennenzulernen, ist groß - da kommt einem die Rundreise mit einem erfahrenen Guide doch sehr recht.



Irland empfängt uns stilgemäß. Nicht mit einem Tusch, sondern einem Dusch. Als wir aus dem Flughafengebäude in Dublin treten, bleibt keiner trocken. Der Himmel könnte kaum grauer sein. "Keine Angst: Das ist gleich wieder vorbei", sagt Gabi grinsend. Und sie hat Recht: Zehn Minuten später strahlt die Sonne vom blauen Firmament auf frisch gegossene, samtgrüne Felder und Wiesen, die sich direkt hinter dem Flughafen erstrecken. "Foaltsche!", sagt Gabi feierlich durchs Bordmikro. So also spricht man "Fáilte!" aus, das Wort, das uns überall entgegenleuchtet. Willkommen in Irland.

Joes Bus, wohltemperiert, wird unser Zuhause auf Rädern. Die Nächte verbringen wir in landestypischen Hotels, tagsüber bringt Joe uns erst an die wilde Westküste, dann in großem Bogen Richtung Belfast, in die Hauptstadt Nordirlands. Immer in weißem Hemd und schwarzer Hose, zeigt unser Coach uns die schönsten Orte und Naturwunder. Längere Fahrten verkürzt Gabi dadurch, dass sie alte Sagen und Geschichten erzählt - Irland ist die Fabelhafteste aller Inseln, im wahrsten Sinn des Wortes - oder die "silberne Susi" spielt. Die trutzige, weite Landschaft wird für uns wohl auf ewig mit den melancholischen Melodien der Querflöte verknüpft bleiben.


Mit Händen, Füßen und Humor

Jeder Tag bringt neue Einblicke in ein Land, dessen Bewohner geprägt sind von ihrer Geschichte - einer Geschichte von Unterdrückung, Armut und Mut -, zudem von der Insellage, von Wind und Wetter. Raue Schale, weicher Kern: Wenn wir uns irgendwo suchend umschauen, ob im Pub oder in der Stadt, bietet garantiert jemand seine Hilfe an, unaufdringlich, freundlich, offenherzig. Sprachbarrieren werden mit Händen, Füßen und Humor überwunden.

Apropos Sprache: Selbst Ur-Iren wie Joe unterhalten sich auf Englisch, das höchstens mit einem Schuss Irisch gemixt wird. Dass die Stimme am Satzende ansteigt und auf manche Buchstaben glatt verzichtet, finden die Franken unter uns sehr sympathisch - wir verstehen Joe zwar nicht immer, aber Endungsverschlucker aller Nationen müssen zusammenhalten.

Gabi scheint jeden zweiten Iren zu kennen. Sie macht uns mit Pub-Besitzern, Abenteurern, Naturschützern, Karrierefrauen und Self-made-Men bekannt. Einen echten Weltenbummler lernen wir auch kennen: Ludwig Kumberger. Der gebürtige Rosenheimer ist nach Jahren auf See in einer nordirischen Küstenstadt sesshaft geworden und arbeitet im Belfaster Hotel Ten Square. "Es gibt kein Mobbing in Irland", erklärt der 64-Jährige, warum er das Land so liebt. "Die Iren sind Herzensmenschen, keine Kopfmenschen."

Wahrscheinlich ist das der Grund, warum einem die Erlebnisse in Irland auch ein Vierteljahr nach der Rückreise noch so nahe sind. Und die Sehnsucht nicht kleiner wird. Noch einmal oben an den Klippen von Slieve League stehen und beobachten, wie die Wellen gegen die Felsen donnern, in 600 Metern Tiefe. Noch einmal bei Sonnenuntergang auf den "Damm der Riesen" klettern und aufs funkelnde Meer schauen. Einmal noch Susis sphärischen Klängen lauschen, vielleicht in Tara, der uralten, mythischen Kultstätte. Oder auf Trim Castle, wo Mel Gibsons "Braveheart" noch immer zu schlagen scheint. Später im Pub mit wildfremden Menschen über Gibson, Gott und die Welt philosophieren, parallel zur Suche nach dem besten Single-Malt-Whiskey. Und am Morgen danach in den Bus steigen, Joes wissendes Lächeln ignorieren und einfach die sanfte Fahrt durch ein sagenhaftes Land genießen...


TIPP:
Reise-Experten treffen
Reisemesse am 12. November 2017

Von Irland bis Italien, von Amerika bis Australien: Im Verlagshaus Fränkischer Tag, Bamberg, Gutenbergstraße 1, findet am Sonntag, 19. November, von 10 bis 16 Uhr eine Leserreisen-Messe statt. Spannende Reisevorträge machen Lust, sich das nächste Reiseziel auszusuchen. Reise-Experten unterstützen die Besucher auf Wunsch bei deren Reiseplanung. Neben Informationen und der persönlichen Beratung zu vielen Reisezielen gibt es auch ein Gewinnspiel. Der Eintritt ist frei. Gabi Rübels Vortrag über Irland beginnt um 13 Uhr.




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