Dazugehören in Deutschland kann nur, wer denkt, spricht und isst, sich langweilt und ängstigt wie ein Deutscher. Dazugehören kann nur, wer Deutscher ist. Deutscher werden kann nur, wer von Deutschen zu einem Deutschen gemacht wird.

Vom verstörenden Gefühl, nicht dazuzugehören, und vom Zwang zur Anpassung erzählt das Bamberger E.T.A.-Hoffmann-Theater in "Das Deutschland". Am Freitag feierte das Stück seine Uraufführung.

Im Auftrag des Bamberger Theaters geschrieben und gemeinsam mit Dramaturgin Victoria Weich auch inszeniert hat das Stück Bonn Park. Dass sich mit dem 32-Jährigen einer der interessantesten Jungregisseure der Republik auf das Angebot einließ, darf sich das Bamberger Haus stolz ans Revers heften. Dies umso mehr, als sich die Zusammenarbeit auch unter künstlerischen Gesichtspunkten als fruchtbar erwies.

Der 32-jährige Park ist als Sohn koreanischer Eltern in Deutschland aufgewachsen. "Ich verstehe ganz gut, was das bedeutet, dazu- gehören zu wollen und aber auch, was die anderen von dir erwarten, um dazu zu gehören", erzählte er Ende vergangenen Jahres dem Deutschlandfunk.

In "Das Deutschland" fühlt Park einem verunsicherten Land den Puls. Den des Bamberger Publikums dürfte er dabei nur weiter in die Höhe treiben. Denn im Kostüm einer schwarzhumorigen Horrorgroteske stellt "Das Deutschland" unbehagliche Fragen über Integration und Assimilation, über das Fremde und das Eigene.

Bereits auf den ersten Blick markiert ihre knallig pinke Hautfarbe Emulie (Clara Kro-neck) als die andere. Eineinhalb Stunden lang dauert auf der Bamberger Bühne ihre Gehirnwäsche und Umprogrammierung. Dann wird in einer schaurigen Krönungszeremonie Emulie zur Deutschen gesalbt. Thumas (Paul Maximilian Pira) und seine Frau Sondra (Ewa Rataj) waschen ihr die Farbe von der Haut. Emulie ist jetzt weiß. Sie ist eine von ihnen. Sie ist jetzt eine Deutsche.

Brutstätte obsessiver Gewalt

Den Passionsweg Emulies pflastert Park mit Zitaten und Ästhetik des populären Horrorfilms. Der an der Decke drehende Ventilator beispielsweise ruft unheilvolle Assoziationen wach an David Lynchs "Twin Peaks". Auch dort lauert das Böse hinter den gepflegten Fassaden bürgerlicher Wohlanständigkeit. Auch dort entpuppt sich die Kleinfamilie als Brutstätte obsessiver Gewalt.

Die an den Nerven der Zuschauer zerrende Musik kündet von immer neuem Unheil. Aus dem Keller, in den Thumas und Sondra in verschwörerischer Absicht regelmäßig steigen, dringt Rauch wie aus der Hölle. Kleinwüchsige Fremde stehen stumm im Garten, ihre Gesichter hinter Masken verbergend. Handyverbindungen kollabieren, Telefonanrufe werden auf schamlose Weise fingiert.

Straßen gelten als plötzlich nicht mehr befahrbar, Nasen beginnen zu bluten, aus den Zimmern führen keine Türen. Kommunikationsversuche laufen ins Leere, weil Emulie das familiäre Wahnsystem und dessen Rituale nicht zu entschlüsseln vermag.

Weniger begabte Schauspieler hätten das Stück möglicherweise in eine übermütige Travestie verwandelt. Ewa Rataj, Clara Kroneck, Paul Maximilian Pira und Daniel Dietrich dagegen spielen auf völlig ungezwungene Weise derart gefühlskalt und entrückt, als wären sie eingesperrt in einer kollektiven Psychose.

Aus ihren Worten, Gesten und Blicken sprachen Angst, Einsamkeit, Manie. Aus ihnen spricht: voll der Horror.

Sehnsucht nach dem Reinen

Das von Julia Nussbaumer gezimmerte Bühnenbild verleiht dem Innenleben der Figuren Ausdruck. Alles ist Holz, selbst die Blume an der Wand. Hier lebt nichts mehr, das Leben ist zum Stillstand gekommen.

Die Holzverkleidung hat zeitdiagnostischen Witz. Im Namen von Natur- und Klimaschutz drängt es die Deutschen gerade wieder zurück zum Ursprünglichen und Reinen. Die vom Überdruss an der Moderne befeuerte Suche führt sie schnurstracks zurück in den deutschen Wald, wo hinter den Bäumen die Nationalmythen schon lauern.

Deutschland, voll der Horror.

Deutsch, das reimt sich für Bonn Park auf Mittelmäßigkeit, auf Missgunst, Herzlosigkeit, auf Angst und Apathie. Alles soll bleiben, wie es ist. Weil es immer schon so war. Weil sich sonst etwas ändern würde. Weil man sich dann selbst ändern müsste. "In diesem Land ist das so", sagen Sondra und Thumas.

Deutsch sein heißt für Bonn Park, abends bei laufendem Fernseher auf der Couch einzuschlafen.

Deutsch sein heißt für Park, den "Tatort" an jedem Sonntagabend aufs Neue "mittel" zu finden und in diesem Lamento gerade Sinn und Orientierung zu finden; Deutsch zu sein heißt, auf die Bahn zu schimpfen und auf Amtsstuben eingeschüchtert stramm zu stehen; Deutsch sein heißt, sich für die weltweit wohl beispiellose Vielfalt an Aufschnitt zu begeistern: "So billig und so viel", jubelt der junge Lonnart (Daniel Dietrich).

Symbolischer Gewaltakt

Deutsch zu sein heißt für Bonn Park, Angst vor dem anderen und dem Neuen zu haben. Deutsch sein heißt, sich über die eigene Mittelmäßigkeit nicht zu belügen, sondern seinen Frieden mit ihr zu machen. "Es ist nicht toll. Aber auch nicht schlimm", tröstet Sondra einmal Emulie.

Um Emulie zur Deutschen zu machen, müssen Thumas und Sondra ihr rauben, was sie ausmacht: ihre Identität, ihr Eigenes. Dafür steht der Fetzen Stoff, den sie ihr aus der Nase ziehen. Erst dieser symbolische Gewaltakt verwandelt Emulie in jenes hohle Gefäß, in das Thumas und Sondra anschließend das Deutsche gießen können.

Alle, die als Biodeutsche in diesem Land in der Mehrheit sind, lässt Bonn Park 90 Minuten lang in ein hässliches Spiegelbild blicken: Echt, die Deutschen sind so? Echt, so begegnen wir dem anderen?

Es wäre voll der Horror.