Es war sein Schicksalsjahr: Im Februar 1901 verlor Alois Alzheimer seine geliebte Frau Cecilie, mit der er drei Kinder hatte. Um über ihren Tod hinwegzukommen, stürzte er sich in seine Arbeit als Psychiater und Forscher an der "Städtischen Anstalt für Irre und Epileptische" in Frankfurt am Main. Hier begegnete Alzheimer im November 1901 der Patientin, die zur Schlüsselfigur seines beruflichen Lebens werden sollte. Die Frau war in die Anstalt gebracht worden, weil sie sich innerhalb eines Jahres in ihrem Wesen stark verändert hatte, Gegenstände versteckte, sich verfolgt fühlte, aggressiv und vergesslich wurde und die einfachsten Dinge des Lebens nicht mehr verrichten konnte. Das erste Gespräch mit ihr hielt der Arzt schriftlich fest:

Wie heißen Sie? Auguste. Familienname? Auguste. Und wie heißt Ihr Mann? Ich glaube - Auguste.

So geht es weiter, und immer wieder betont die 51-Jährige verzweifelt: "Ich glaube, ich habe mich sozusagen selbst verloren." Alzheimer, der sie täglich untersucht, aber keine ihm bekannte Krankheit diagnostizieren kann, bezeichnete Augustes Leiden als "Die Krankheit des Vergessens". 1910 wurde sie durch seinen Vorgesetzten Emil Kraepelin erstmals nach ihrem Entdecker als "Alzheimersche Krankheit" benannt.

Das Krankenblatt der Auguste Deter wurde erst 1995 im Archiv durch Dr. Konrad Maurer entdeckt, dem Direktor der Frankfurter Klinik, an der auch Alzheimer tätig gewesen war. "Wir fanden in der Akte neben den umfangreichen Protokollen auch das von Alzheimer in Auftrag gegebene Foto der Auguste Deter und wussten sofort: Dieses Bild wird um die Welt gehen", schildert Maurer, der bereits 1983 Professor an der Psychiatrischen Klinik in Würzburg war und sich schon damals für das Leben des berühmten Wissenschaftlers interessierte: "Es gab Gerüchte, Alzheimers Geburtshaus würde in Unterfranken stehen. Da machten wir uns gezielt auf die Suche und identifizierten 1988 das Gebäude in der Ochsenfurter Straße in Marktbreit."


Nachkommen stifteten Persönliches

Das Haus war längst von anderen Familien bewohnt, aber Maurer ließ nicht von der Idee ab, hier ein Alzheimer-Museum einzurichten. Schließlich war der amerikanische Pharma-Konzern Lilly bereit, das Gebäude zu kaufen und eine Gedenk- und Tagungsstätte einzurichten, die auch besichtigt werden kann. Mit der Möblierung wurde Maurers Ehefrau Ulrike betraut, die das Haus im Biedermeierstil ausstattete. Besondere Schätze sind - neben Fotos und schriftlichen Dokumenten - das Mikroskop und ein Zwicker von Alzheimer sowie vier Originalschnitte des Gehirns von Auguste Deter. Persönliche Gegenstände stellten die Nachkommen Alzheimers zur Verfügung. Noch heute fungiert Ulrike Maurer als Direktorin des Museums.


Neue Wege in der Therapie

Alzheimer wurde am 14. Juni 1864 in diesem Gebäude nicht nur geboren, sondern in dem Raum, der heute als Gedenkzimmer eingerichtet ist, auch getauft. Sein Vater war Eduard Alzheimer, der aus Aschaffenburg nach Marktbreit gekommen war und hier eine Anwaltskanzlei betrieb. Mit seiner zweiten Ehefrau Theresia Busch hatte der Notar drei Kinder: Alois, den Ältesten, Karl und Johanna. Alois ging auf das Gymnasium in Aschaffenburg und nahm ein Medizinstudium in Würzburg auf, das er 1888 mit der Note "sehr gut" abschloss. Seine Dissertation schrieb er über die Ohrenschmalzdrüsen. Im gleichen Jahr nahm er seine Arbeit als Assistenzarzt an der "Städtischen Anstalt für Irre und Epileptische" auf, die 1864 von dem Psychiater Heinrich Hofmann, dem Autor des "Struwwelpeter", gegründet worden war. Hier ging man neue Wege in der Behandlung von Geisteskranken. Statt Zwangsjacken wurden den Patienten, die sich relativ frei bewegen durften, wärmende Dauerbäder verordnet.


Die große Liebe

1894 reiste Alzheimer nach Algerien, um auf Bitte des Neurologen Wilhelm Erb einen Frankfurter Diamantenhändler namens Otto Geisenheimer zu untersuchen. Er litt an der Krankheit, die wir heute als "Alzheimer" kennen, und starb auch daran. Der Doktor verliebte sich in die junge Witwe Cecilie und nahm sie mit nach Frankfurt, wo die beiden im April 1895 heirateten. Das Paar bekam drei Kinder, Gertrud, Hans und Maria, und lebte glücklich und zufrieden, bis Cecilie 1901 erkrankte und starb.


Augustes Gehirn kam nach München

Obwohl Alois Alzheimer 1903 Frankfurt verließ, um an der Königlichen Psychiatrischen Klinik in München als Arzt und vor allem als Wissenschaftler weiterzuarbeiten, ließ er sich regelmäßig über den Zustand seiner Patientin Auguste Deter informieren. Als sie am 9. April 1906 an einer Blutvergiftung starb, wurden ihre Krankenakte und ihr Gehirn nach München zu Alzheimer geschickt. Unter dem Mikroskop entdeckte er großflächig abgestorbene Zellen und Eiweißablagerungen in der Hirnrinde. Diese "eigenartige Erkrankung" stellte Alzheimer noch 1906 auf einer Fachtagung in Tübingen vor, freilich ohne auf großes Interesse bei seinen Kollegen zu stoßen. Doch der Wissenschaftler gab nicht nach. Für seine Habitilation untersuchte er 200 Gehirne: "Alzheimer war zu Recht davon überzeugt, dass Geisteskrankheiten Krankheiten des Gehirns sind", erklärt Konrad Maurer. Unter Alzheimers Leitung avancierte das Labor der Münchner Klinik zum Zentrum histopathologischer Forschung; zu den Schülern des berühmten Wissenschaftlers gehörte u.a. Hans-Gerhard Creutzfeldt, der Entdecker der Creutzfeld-Jakob-Krankheit.


Die letzten Jahre

Einige Jahre später folgte Alois Alzheimer einem Ruf nach Breslau, wo er Direktor der "Königlich Psychiatrischen Nervenklinik" wurde. Doch schon bei seiner Anreise 1912 zog er sich eine schwere Erkältung zu, von der er sich nie mehr ganz erholte. Im Oktober 1915 wurde er zunehmend bettlägerig und starb 51-jährig am 19. Dezember 1915 an Nierenversagen. An der Seite seiner Frau Cecilie wurde Alzheimer auf dem Frankfurter Hauptfriedhof bestattet.

Auch 100 Jahre später gibt es noch kein Mittel, das die Alzheimersche Krankheit heilt.


Alzheimers Geburtshaus

Museum: Das Alzheimer-Haus kann nur nach vorheriger Anmeldung im Rahmen einer Führung besichtigt werden (Infos beim Tourismusbüro Marktbreit, Tel. 09332/591 595).

Gedenkjahr: Führungen durch das Alzheimer-Haus in Marktbreit durch seine Leiterin Ulrike Maurer gibt es am 12. September (14.30 Uhr) und am 4. Oktober (13 Uhr) sowie zum Tag der offenen Tür am Weltalzheimertag, 21. September, 11 bis 17 Uhr.