Es ist ein abenteuerliches Gerät aus Stahlrohr und Holz, das mit Bahn und Ochsenkarren von Bamberg auf den Heidelstein in der Rhön gebracht wird. Das Auffälligste sind die mehr als zwölf Quadratmeter großen Flügel aus fest gespanntem Stoff. Am 2. September 1915 kommt es zum Einsatz: Auf einer Art Fahrradsattel unter den Flügeln schnallt sich Friedrich Harth fest. Dann geht es los, der Apparat setzt sich in Bewegung, saust eine Rampe hinunter und schwebt durch die Luft: 50 Meter, 100, ja 120 Meter segelt das Fluggerät, bevor es unsanft auf dem Boden landet. Fünf Mal kann der Flugpionier aus Bamberg diese für die damalige Zeit sagenhafte Strecke wiederholen. Für Friedrich Harth erfüllt sich ein Kindheitstraum.

"1886 war ich gerade sechs Jahre alt. Da tauchte bei mir die Idee und die Sehnsucht auf, wie ein Vogel fliegen zu wollen", notiert er später. "Die Störche nisteten auf des Vaters Haus. Tag für Tag schwebten sie in majestätischem Fluge lautlos auf der Futtersuche über die vielen Weiher der Heimat, nur getragen von den weit ausgebreiteten Schwingen. Der Vater nahm mich oft mit in den Wald und hier verfolgte ich den ruhigen, sicheren Schwebeflug der Bussarde."

Mit seinem Bruder Ludwig baut er sich Flügel aus Gänsefedern sowie hölzerne Schnäbel und richtet sich in einem Nussbaum einen Horst ein. Was als Kinderspiel beginnt, ist für Friedrich Harth eine nie endende Leidenschaft. Als Schüler - die Volksschule besucht er in Bamberg, das Gymnasium in Landshut und Abitur macht er in München - stellt er Berechnungen an, wie groß, lang, breit und schwer Flügel sein müssen, um einen Menschen zu tragen. Er baut sich Flügel, schnallt sie sich mit einem Gürtel um den Körper und testet sie. Von Abstürzen und unfreiwilligen Bädern in Bächen lässt er sich nicht aufhalten.

Er studiert die Erkenntnisse des ersten deutschen Gleitfliegers Otto Lilienthal und beginnt nach seiner Rückkehr nach Bamberg, einen Gleiter zu bauen. "Mit dem Dienstantritt von Friedrich Harth als Regierungsbaumeister im Bauamt der Stadt Bamberg beginnt 1909 die Geschichte Bambergs in der Luftfahrt", schreibt Adolf Nüßlein, Autor des Buchs "Am Himmel über Bamberg".


Rückschläge bleiben nicht aus

Zusammen mit seinen Helfern tüftelt Harth an dem Segelflieger, 1910 starten die ersten Gleitversuche. Rückschläge bleiben nicht aus, im November wird das Fluggerät bei einem Aufprall auf gefrorenen Boden stark beschädigt. Doch der Traum vom Fliegen beflügelt, Friedrich Harth verfolgt unbeirrt sein Ziel vom motorlosen, mit Muskelkraft betriebenen Flieger. Erkenntnisse aus den fehlgeschlagenen Versuchen nutzt er, um neue, bessere Gleitflugzeuge zu bauen.

"Der größte Erfolg gelingt am 13. Juni 1921", berichtet Nüßlein. "21 Minuten und 37 Sekunden kann er sich mit seinem Segler in der Luft halten. Das ist Weltrekord." Doch es wird zugleich ein schwarzer Tag für den Flugpionier. Er stürzt ab und erleidet einen doppelseitigen Schädelbruch, eine schwere Gehirnerschütterung und einen Beckenbruch, wovon er sich nie wieder ganz erholen wird.
Obwohl der Durchbruch nicht gelingt, würdigt der Autor, der selbst Pilot war, die Lebensleistung Harths: "Zwischen 1908 und 1923 hat er zwölf verschiedene Segeflugzeugtypen gebaut und die Fundamente für die Entwicklung des Segelflugs auf der ganzen Welt gelegt." Wie kommt es, dass sich kaum jemand an Friedrich Harth erinnert? Einerseits, sagt Nüßlein, lief der Motorflug dem Segelflug den Rang ab. Andererseits sei Harth ein Geheimniskrämer gewesen, der sich selbst im Weg stand, indem er sich abschottete.

Auch dürfe man die politischen Aktivitäten des 1936 verstorbenen Anhängers der Nationalsozialisten Harth nicht außen vor lassen. "Für den Segelflugsport jedoch hat er großartige technische Leistungen erbracht, die eine Erinnerung an den Altmeister des Segelfugs rechtfertigen", findet der Pilot.

Türen in die Bamberger Geschichte öffnen wir dieses Jahr mit unserem Adventskalender im FT. Die einzelnen Folgen entstammen dem Buch "Was Bamberg prägte", das im Verlag Bast Medien in Kooperation mit dem Fränkischen Tag erschienen ist. Es hat 192 Seiten, kostet 14,90 Euro (ISBN: 978-3-946581-21-5) und ist erhältlich in der Geschäftsstelle des FT, in Buchhandlungen und online unter www.bast-medien.de. Am 15. Dezember um 18 Uhr laden wir zur Buchvorstellung mit Eva-Maria Bast ins Verlagsgebäude, Gutenbergstraße 1 ein und bitten um telefonische Anmeldung unter 0800/5005080. red