"Habt ihr den Hund?" Die Frage hört Doris B. immer wieder. So wie jetzt von der Nachbarin. "Nein", muss sie auch dieses Mal antworten. Enttäuschung schwingt mit. Seit etwa acht Wochen irrt ein herrenloser, kleiner schwarzer Hund, vermutlich ein Rehpinscher, in Bamberg-Ost umher. Viele wissen von ihm, einige kümmern sich, aber noch keiner konnte seiner habhaft werden. Inzwischen ist die Angelegenheit schon über eine Suchanzeige im Fränkischen Tag publik. Doch der Reihe nach.

Seit Anfang September beschäftigt der kleine Hund Doris B. (die namentlich nicht weiter genannt werden möchte). Sie kann sich noch genau an die erste Begegnung erinnern: Sie wollte etwas in den Kompost geben, als ihr just von dort etwas Schwarzes entgegensprang - und verschwand. "Ich hab' gedacht, ich seh' nicht recht - das war doch ein Hund mit Geschirr".

Die Familie wollte ihr nicht so recht glauben, tippte auf eine Katze. Doris B. dachte sich, das Tier würde wohl jemandem gehören und sich auf Abwegen befinden. Er würde schon wieder heimgehen, vermutete sie. Sie war mit Rehpinschern groß geworden und erkannte in dem Kompost-Hund einen ebensolchen. Die sind recht eigen und eigenständig, weiß sie über die Rassemerkmale. "Die hatten sich nie von jemandem fangen und anfassen lassen", erklärt sie zu den eigenen.

Nach dieser Begegnung, schenkte die 53-Jährige dem Kompost nun genauere Beachtung, um dort unter dem überdachten Teil eine kleine Kuhle zu entdecken. Die hatte sich offenbar ein Tier als Lager gemacht. Es dauerte nicht lange, und der vierbeinige Gast hatte wieder hier genächtigt. Der Hund. Ab und zu bekommt ihn Doris B. zu sehen. Aber es ist dann jedesmal das Gleiche: Kaum nimmt er sie wahr, verschwindet der kleine Kerl mit einem Riesen -Satz. Sie wunderte sich, dass offenbar niemand das Tier vermisste, wie die Recherchen beim Tierheim ergaben.

Weil die kalte Jahreszeit näherrückt, wollte sie den Hund fangen, "damit er nicht erfriert". Doch einfacher gesagt, als getan. Obwohl die Bambergerin dem Hund immer Futter bereitstellte. Die ganze Familie versuchte, ihn gemeinschaftlich zu fangen, "aber er ist so unglaublich schnell und wischt selbst unterm Zaun durch."
Dann kam der Tierfreundin, deren erwachsene Töchter selbst Hunde haben, die Idee, es mit einer Lebendfangfalle zu probieren. Die lieh man sich im Tierheim aus. Doch der Pinscher roch den Köder und mied sein Nachtquartier. Das ging mehrere Tage so, bis Doris B. beschloss, es mit der Falle sein zu lassen. Dann kam der Pinscher wieder.

"Der ist ebenso schlau wie misstrauisch." Dann tagte der Familienrat und wollte es mit einer Schlaftablette probieren. Man fragte deswegen bei einem Tierarzt nach, der wollte sich jedoch zuvor beim Tierschutzverein absichern. Von dort habe es geheißen, das sei zu gefährlich: Wenn der Hund die Tablette frisst und wieder verschwindet, könnte die Gefahr bestehen, dass er überfahren wird, oder ein anderes Tier wie etwa eine Katze die Dosis erwischt und so selbst gefährdet wird, gibt Liebhard Löffler, Vorsitzender des Tierschutzvereins Bamberg und Umgebung, das Ergebnis der Nachfrage bei Tierheim tierärzten und Amtsveterinär wieder. In der Zwischenzeit hatte Doris B. über Facebook erfahren, dass auch eine andere Dame in Sachen Pinscher recherchiert, nach dem Besitzer sucht. Anita Häfner.

Deren Freundin wiederum war auf dem Areal der Bereitschaftspolizei (an der Pödeldorfer Straße) auf das herrenlose Hündchen aufmerksam geworden, hat es gefüttert und es ebenfalls mit einer Lebendfalle probiert. Anita Häfner-Peters hatte ihrerseits intensiv geforscht, so dass Doris B. unter anderem erfuhr, dass der Pinscher möglicherweise "Emma" heißen soll und eventuell einer älteren Dame gehört haben könnte, die verzogen ist. Anderseits soll vor Wochen eine Frau mit Kind nach dem Hund gesucht haben. Anita Häfner-Peters, die selbst Pinscher hat, fährt seit geraumer Zeit mit ihren Tieren nach Bamberg-Ost zum Gassi-Gehen. In der Hoffnung, dass "Emma" sich ihnen anschließen könnte. Auch das bislang vergebens.

Wir fragten beim Ordnungsamt der Stadt nach, das für öffentliche Sicherheit, aber auch für Fundsachen und damit den herrenlosen Hund zuständig wäre. Da das Amt logischerweise keine Unterbringungsmöglichkeit hat, wird der Fall von hier üblicherweise an den Tierschutzverein weitergegeben, heißt es. Meistens wird zuerst die Polizei verständigt, und die schaltet dann gegebenenfalls den Hundeführer ein.

Baptist Seeber ist Leiter der Diensthundegruppe, die übrigens auch ein Dienstzimmer bei der Bereitschaftspolizei hat. Ihm ist dieser Fall nicht bekannt. Das heißt, niemand hat bislang wegen des herrenlosen Pinschers die Polizei verständigt. Auch das sehr ungewöhnlich. Experte Seeber sieht diesen Fall als problematisch an. "Wir haben zwei Meter lange Fangstangen, aber damit müssen wir etwa einen Meter ran an den Hund." Bei einem so kleinen und scheuen Hund wie dem in Bamberg-Ost kommt diese Fangtechnik nicht in Frage.
Die Zeit drängt. Nachtfrost steht vor der Tür.

Die letzte Hoffnung von Doris B. ist nun eine Spezialfalle, die das Tierheim Bamberg bei einem befreundeten Heim in Feucht organisiert und Doris B.'s Mann geholt hat. Die einzige Chance, den Pinscher damit zu erwischen, besteht darin, dass ihm an keiner anderen Stelle Futter gegeben wird, so dass er auf das in der Falle angewiesen ist, sind sich Doris B. und Anita Häfner einig. Und hoffen auf ein gutes Ende für den Phantom-Hund von Bamberg-Ost.