Stein auf Stein - manche winzig klein, andere so mächtig, dass sie fast den Halt verlieren. Wie viele Menschen sahen den Mann mit Zopf am Leinritt schon Türme in die Regnitz stapeln: Türme, die mit ihm kommen, gehen und am nächsten Tag wieder neu entstehen. "Warum ich das mache? Vielleicht eine Form der Meditation", meint Johannes Haußner, der diesmal mit Tochter Tamara an den Fluss genommen ist.

Exemplar für Zweifler
"Feinste Hochstapelei" prangt auf dem Schild, das die Zehnjährige ans einzige Steinmännchen an Land stellt. "Ein Exemplar für Zweifler", sagt ihr Vater mit leisem Schmunzeln. Viele könnten eben kaum glauben, dass die einzelnen Segmente nichts als Haußners Gefühl für Balance und viel Geduld zusammenhält. "Wovon sich jeder selbst überzeugen kann, indem er einen Turm umtritt."

Stimmengewirr. Eine Gruppe japanischer Touristen drängt ans Wasser. Stürmt den zuvor noch so idyllischen Stammplatz des 29-Jährigen. Starren, Staunen, Knipsen - weiter geht's in der üblichen Hektik, die die beiden Hochstapler unberührt lässt. "Angefangen hat alles erst vor einigen Wochen. Da saß ich abends mit Freunden am Wasser und begann gedankenverloren Steinmännchen zu bauen", erinnert sich Johannes Haußner. Immer aufwendiger wurden die Strukturen seither. "Umso schwieriger der Balanceakt, umso reizvoller." Jeden Nachmittag zieht's den Bamberger an den Leinritt: "Nur habe ich noch keine wirkliche Antwort darauf gefunden, warum."

Schutz vor Trollen
Passanten unternahmen sehr wohl Erklärungsversuche: "Demnach staple ich wie die Inuit, deren Türme auf bedeutsame Orte verweisen", so Haußner. Wegmarkierungen, religiöses Brauchtum, Kunst - aus unterschiedlichster Motivation heraus setzten Menschen vermutlich zu allen Zeiten mit Steinen Zeichen. Bis hin zu den Isländern, die sich mit Hilfe solcher Glücksbringer vor Trollen schützen wollen.

"Vielleicht ist es für mich doch eine Form der Meditation", meint der Bamberger Hochstapler. "Ich nehme einen Stein aus dem Fluss und versuche seinen Platz zwischen all den anderen zu finden. So entwickeln sich die Dinge wie von selbst. Und das Ergebnis überrascht mich letztendlich wohl am meisten."

Jeder sieht anderes in Haußners entstehenden und vergehenden Werken am Fluss. Für ihn selbst symbolisieren sie "Balance, Stabilität, Haltung - das, woran es vielen Menschen in der heutigen Zeit mangelt." Auch als freischaffender Künstler befasst sich der 29-Jährige mit philosophischen Themen - über Kohle- und Kreidezeichnungen, die anders sind als man auf den ersten Blick meint. "Ich deute Strukturen an, der Betrachter macht ein Bild daraus, das er so nie gesehen hat."

Der Befreiungsschrei
Im "Torjubel", Haußners Bild zur WM, könnte man Schmerz sehen. Dabei war's der Befreiungsschrei, den der Bamberger vor dem gewonnenen Endspiel vorwegnahm.

Übrigens sucht Haußner derzeit mit Künstlerkollegen neue Arbeits- und Ausstellungsmöglichkeiten. Unter bambergerhochstapler@gmail.com ist er erreichbar.