Alte Bausubstanz erhalten - dazu braucht es Sensibilität und Leidenschaft, manchmal auch einfach nur Glück. All das kommt bei Julia Merz zusammen. Die 27-Jährige hat gerade ihr Studium der Denkmalpflege beendet und kann ihr erworbenes Wissen gleich in der Praxis umsetzen. Weil ihre Eltern in Bamberg jüngst ein direkt neben dem Anwesen der Familie - der Rauchbierbrauerei "Spezial" - gelegenes Haus aufgekauft haben. Die beiden Anwesen in der Königstraße liegen an einem alten Handelsweg. Geschäftsleute und Händler nutzten die befestigte steinerne Nord-Südverbindung zwischen den Königspfalzen in Forchheim und Hallstadt schon vor vielen Jahrhunderten. Auf dem Weg von oder nach Nürnberg wurde in Bamberg gerne Halt gemacht. Kein Wunder, dass sich in früheren Jahren hier Gasthof an Gasthof, Brauerei an Brauerei reihte. Über 60 sollen es noch im 19. Jahrhundert gewesen sein.

Und auch das Anwesen direkt neben der bekannten Brauerei "Spezial" war früher eine Braustätte, ehemals "Schwarzer Bär" genannt. Der schon früheren Nutzung entsprechend wollen die neuen Besitzer das Haus zu einem Gästehaus umbauen. Bei den damit verbundenen umfangreichen Umbauarbeiten fiel Julia Merz eine Fachwerkgiebelwand auf, die sich hinter einer modernen Wandverkleidung versteckt hatte. Auf dieses Alter war bislang das gesamte Haus taxiert worden. Ein Irrtum, wie sich rasch herausstellte. Eine dendrochronologische Untersuchung durch Thomas Eißing vom Institut für Archäologie, Denkmalpflege und Kunstgeschichte der Universität Bamberg belegte, dass das Anwesen um 1474 errichtet wurde und damit über Nacht rund 300 Jahre älter war als bislang angenommen.

Das alte Gebälk offenbarte den Experten einiges über die Nutzung in vergangenen Jahrhunderten. Reste einer Bohlenstube etwa kamen da zum Vorschein, die - vollkommen holzverkleidet - früher neben der Küche einzig beheizbare Räumlichkeit. Ein Mosaiksteinchen mehr in der schier unerschöpflichen historischen Bausubstanz des Weltkulturerbes Bamberg. Julia Merz will die Befunde unverändert erhalten. Aus Gründen des Brandschutzes müsse jedoch das meiste wieder verkleidet werden, erklärt sie. Aber ein "Zeitfenster" soll bleiben - altes Gebälk im Erdgeschoss, als Erinnerung an die lange Geschichte des Anwesens.