Anlässlich des 73. Jahrestages der Befreiung des Konzentrationslager Ausschwitz durch die sowjetische Armee gedachte die Israelitische Kultusgemeinde und die Willy-Aron-Gesellschaft zusammen mit der Stadt Bamberg an den Holocaust.
"Es liegt mir daran zu betonen, dass das Gedenken an die Befreiung des KZ Auschwitz am 27. Januar 1945 heute nach wie vor aktuell und notwendig ist. Nur das gemeinsame und individuelle Erinnern an das Gewesene mahnt die heute Lebenden, dass sich Geschehnisse von damals nie wiederholen dürfen", unterstrich Martin Arieh Rudolph, Vorsitzender der Israelitischen Kultusgemeinde, bei der Gedenkfeier in den dortigen Räumlichkeiten. Er betonte aber auch, dass dieses Gedenken kein inhaltsleeres Ritual sein dürfe. Denn nichts wäre schlimmer, die Leiden der Opfer in wohlfeilen Worthülsen zu marginalisieren. Es gebe nicht mehr viele Zeitzeugen. Eine aktive Erinnerung könne ihnen zudem nicht mehr die Gesundheit oder ihre ermordeten Angehörigen wiederbringen, aber ihnen doch die dringend notwendige Genugtuung verschaffen, dass nur durch Erinnerung an die Geschichte uns zur Verantwortung für Gegenwart und Zukunft führe.
Auch Daniel Manthey, Vorsitzender der Willy-Aron-Gesellschaft, warnte davor, dass es heutzutage keine populistische Politik brauche, sondern eine unabhängige Justiz und eine Religion, die Werte schaffe.
Dritter Bürgermeister Wolfgang Metzner (SPD) gedachte der 1,3 Millionen nach Ausschwitz gebrachter Menschen. "Fast zwei Drittel von ihnen wurden direkt nach der Ankunft in den Gaskammern qualvoll hingerichtet. Das Ganze auf einer Fläche von über 40 Quadratkilometern. Hier erkennt man alle Elemente der nationalsozialistischen Bevölkerungs- und Rassenpolitik, der Industriepolitik und der Forschungspolitik." Was dort geschah, sei ein fundamentaler Angriff auf den Kern dessen gewesen, was das Menschsein ausmache: auf die Würde des Menschen. Eine wahnhafte Ideologie habe damals den Menschen das Menschsein abgesprochen.
"Der internationale Tag des Gedenken an die Opfer des Holocaust veranlasst uns heute zur Besinnung, Trauer und zur Erinnerung. Wir wollen heute erneut versprechen, nationalen Tendenzen zu widerstehen und radikalen Erscheinungen entschlossen entgegenzutreten", sagte Metzner. Auch im Alltag bleibe es eine dauerhafte Aufgabe, sich gegen den Rechtsextremismus zu engagieren. Dabei sei jeder gefordert, die demokratischen Grundwerte zu verteidigen. Niemand dürfe mehr wegschauen, wenn Menschen wegen ihrer Religion, Hautfarbe, ihrer Herkunft oder ihrer sexuellen Orientierung diskriminiert oder beleidigt werden.
Die Festansprache hielt Erich Schneeberger vom Landesverband der Sinti und Roma in Bayern. "Wir Sinti und Roma teilen mit den Juden das furchtbare Schicksal der systematischen Vernichtung im nationalsozialistisch besetzten Europa." Und dies, obwohl die Sinti und Roma bereits lange vor der Machtergreifung Hitlers seit Generationen in Deutschland integriert gewesen seien. Dennoch seien sie nach 1933 ebenso wie die Juden in die Todeslager deportiert worden. "Über 23 000 Sinti und Roma aus Deutschland und weiten Teilen Europas wurden ab Ende 1943 im Vernichtungslager Ausschwitz-Birkenau, von der SS als Zigeunerlager bezeichnet, deportiert", schilderte Schneeberger. Fast neunzig Prozent fielen dem Terror und den unmenschlichen Lebensbedingungen zum Opfer.


Bedenkliche Tendenzen

"Vor den fürchterlichen historischen Erfahrungen, die unsere Minderheit machen musste, verfolgen wir heute mit großer Sorge, dass rechtsradikale Parteien und Bewegungen in Europa immer mehr um sich greifen", warnte Schneeberger. Um fast 73 Jahre nach dem Holocaust eine Menschenverachtung gegenüber einer Minderheit nicht wieder zuzulassen, müsse stets eine demokratische Rechtsordnung sichergestellt werden. Dabei gehe es nicht allein um Minderheiten wie Sinti, Roma oder Juden, sondern es stehe vielmehr die Demokratie als Ganzes auf dem Spiel. "Es geht um Verteidigung des Wertefundaments unserer demokratischen, offenen Gesellschaft und um die Grundlagen unseres Zusammenlebens", sagte Schneeberger.
Im Anschluss an die Redebeiträge wurden Totengebete gesprochen und rund 500 Namen der in Bamberg dem Holocaust zum Opfer gefallenen Menschen verlesen.