Die Mail kam kurz vor Mitternacht. Stadträtin Sabine Sauer, früher Mitglied der SPD-Fraktion, war entsetzt, ausgerechnet von einem Kollegen aus dem Stadtrat angegriffen zu werden - nur weil sie in der politischen Debatte um die Gedenktafel an die Gefallenen des Zweiten Weltkriegs eine andere Meinung vertreten hatte. "In den 18 Jahren zuvor habe ich so etwas noch nicht erlebt. Ich wurde genötigt, mich für eine Entscheidung zu rechtfertigen."

Es war nicht das einzige Mal, dass Sauer aus ihrer Sicht verletzende Mails bekommen hat. Doch wenigstens kann man solche Schmähbriefe einfach wegklicken. Bei einem Facebook-Post ist das nicht so einfach, noch dazu, wenn er an zahllose Empfänger verteilt wurde.

Von solchen Methoden der politischen Agitation war mehrfach Dieter Weinsheimer, Stadtrat der Freien Wähler, betroffen. In einem Fall hat ein Stadtratskollege ihm kulturfeindliche Politik vorgeworfen, in einem anderen sich über "Ausdrucksprobleme" des Schulleiters lustig gemacht. O-Ton in Facebook: "Hm, eventuell hat die Pisa-Studie wirklich recht. Aber meines Wissens haben die nur Schüler beobachtet."

Dieter Weinsheimer ist mit diesen Einlassungen auf seine Weise umgegangen. Er hat den Text kopiert und an alle Stadträte versandt. "Es soll niemandem vorenthalten sein, wie der Kollege facebook-öffentlich zu später Nachtstunde zu kommunizieren pflegt. Soll das der neue Stil sein?", fragt Weinsheimer.

Was bei dickfelligen Internet-Nutzern möglicherweise nur ein Schmunzeln auslöst, hat Auswirkungen, die nicht zu unterschätzen sind. Reiner Dietz vom Bürgerverein Bamberg-Mitte beobachtet seit mehreren Jahren eine Entwicklung, "die sich im Zusammenhang mit der Debatte um Lebensqualität in der Innenstadt nochmals sehr zugespitzt hat. Personen, die sich öffentlich äußern, müssen damit rechnen, in einer Weise angegriffen zu werden, die jenseits dessen liegt, was akzeptabel ist", sagt Dietz.
 
Reines Schwarz-Weiß-Denken
Besonders betroffen vom Facebook-gestützten Mobbing politisch Andersdenkender war in den letzten Monaten Gisela Schlenker, die wegen ihres Eintretens für die Interessen der Innenstadtbewohner jede Menge Spott, Häme und Anwürfe unter der Gürtellinie einstecken musste. Das Muster bei solchen Angriffen war stets das Gleiche: Der jeweils gegnerische Standpunkt wurde in grotesker Weise verzerrt und vereinfacht. Statt Argumenten dominierte Schwarz-Weiß-Denken, ein Hineinversetzen in andere Positionen fand nicht statt.

Doch auch beim Thema Lärm beschränken sich die rüpelhaften Umgangsformen längst nicht mehr auf die Parallelwelt im Netz, sondern haben bereits auf die handfeste politische Ebene in Bamberg abgefärbt. Ein junger Stadtrat nimmt Schlenker, die kein öffentliches Amt inne hat, in einer weit verteilten Stellungnahme als "Selbstdarstellerin" ins Visier. In der Presseerklärung einer Fraktion ist von einer "Lärmkämpferin" die Rede, die mit ihren "Hasstiraden" allein auf weiter Flur stehe. "Doch was hat Schlenker anderes getan, als eine eigene Meinung zu vertreten und sich für ihre Stadt zu engagieren, was zweifellos nicht immer bequem ist?", fragt Reiner Dietz vom Bürgerverein.

Für ihn ist es angesichts solcher Attacken höchste Zeit, auf den drohenden Niedergang der Streitkultur in Bamberg aufmerksam zu machen. Er fürchtet, dass mehr und mehr Bürger sich ins Private zurückziehen, wenn sie für ihre Meinung auf unsachliche Weise angepöbelt werden. "Wer sich zu öffentlichen Belangen äußern will, braucht die Sicherheit, nicht niedrigen Instinkten wie Häme und Einschüchterung ausgeliefert zu werden. Unser dringender Appell geht deshalb an alle, die sich an öffentlichen Diskussionen beteiligen, den Respekt zu wahren - und an die, die aufgrund ihrer Position den nötigen Einfluss haben, entsprechend mäßigend einzugreifen."

Ein frommer Wunsch. Auch bei der Bamberger Polizei hat sich in den letzten Wochen der Eindruck verfestigt, dass die Hemmschwelle, andere Menschen in ihren Rechten zu respektieren, mit der rasanten Verbreitung der Smartphones eher gesunken als gestiegen ist. Ob im Bus oder gar in der Stadtratssitzung: Nie war es so einfach, einen abschätzigen Kommentar über andere abzugeben. Selbst die Polizei musste es sich schon gefallen lassen, in schriftlich fixierten Meinungsäußerungen öffentlich in die rechte Ecke gestellt zu werden, weil sie die Räumung der Unteren Brücke veranlasste.

Wächst die Zahl der auf elektronischem Wege gemobbten Bürger in Bamberg? Schwer zu sagen. Rein statistisch fällt die Zahl der Beleidigungsanzeigen mit Netzhintergrund kaum ins Gewicht, auch wenn sie steigt, wie Klaus Linsner bestätigt. Doch die Dunkelziffer ist hoch: "Wir wissen von Gesprächen: Es gibt Bürger, die sich etwa beim Thema Lärm nicht mehr trauen, ihre Meinung zu sagen." Sie haben Angst an den virtuellen Pranger gestellt zu werden.

Das Internet, die sozialen Medien als Waffe in der Hand von Demagogen? Udo Skrzypczak, Leiter der Bamberger Polizeiinspektion, spricht unverblümt von mittelalterlichen Verhältnissen und davon, dass Bürger in die Ecke gedrängt werden, ohne sich wirklich wehren zu können: "Die Freiheit des Einzelnen endet heute leider erst dann, wenn er keine Lust mehr hat, auf sein Opfer loszugehen."

Natürlich ist das Internet kein rechtsfreier Raum. Doch die Möglichkeiten gegen subtile Vorwürfe, gegen Anfeindungen und häufig unbewiesene Behauptungen vorzugehen, sind nicht allzu groß, wie jeder weiß, der einmal versucht hat, gegen eine polemische Masse zu argumentieren. Immerhin: Hans-Joachim Bokowsky vom Landeskriminalamt rät dazu, Beleidigungen im Netz unbedingt zur Anzeige zu bringen. Häufig hätten bereits die Nachforschungen einen heilsamen Schock beim Täter zur Folge.

Auch beim bayerischen Innenministerium setzt man auf die bewährten Instrumente. "Die Persönlichkeitsrechte sind durch das Strafrecht geschützt", sagt Katja Winkler. Wer sich angegriffen fühlt, könne Anzeige wegen Beleidigung, übler Nachrede, Verleumdung, Nötigung oder Bedrohung erstatten. Auch zivilrechtlich kann gegen Schmähungen vorgegangen werden, etwa auf dem Weg einer strafbewehrten Unterlassungsaufforderung. "Bei Zuwiderhandlung können rasch ein paar tausend Euro Bußgeld zusammenkommen", sagt der Bamberger Rechtsanwalt Christian Reimesch.

Doch ist dem Problem alleine mit dem Strafrecht oder mehr Kontrolle beizukommen? Sollte man sich nicht besser ein dickeres Fell zulegen? Der 31-jährige Informatiker Benjamin Stöcker, der als Pirat für ein freies Netz kämpft, rät in der Tat dazu, nicht jedes klare Wort gleich als persönliche Kritik aufzufassen. Aber auch er setzt auf die Lernfähigkeit derer, die sich in sozialen Medien tummeln und manchmal vergessen, dass nicht nur Freunde die Botschaft lesen können, sondern auch andere. Gerade diese Transparenz, meint Stöcker, könne dazu beitragen, die Gesellschaft positiv zu beeinflussen. "Die Angriffe und Beleidigungen gab es schon immer. Nur sind sie jetzt sichtbar. Das hilft auch den Opfern."